Trotz Umweltzone Hat Urbach ein Diesel-Problem?

Beginn der Umweltzone in Urbach: Seit 2012 dürfen nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette in den Ort fahren. Foto: Schneider/ZVW

Urbach. Seit 2012 gibt es in Urbach die einzige Umweltzone im Kreis. Seitdem dürfen nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette durch den Ort fahren. Auslöser waren Messungen, die zu hohe Stickoxid-Werte ergeben hatten. Dem Gefühl der Urbacher nach hat der Verkehr seitdem noch zugenommen. Was wäre eigentlich, wenn man jetzt wieder messen würde? Müsste dann ein Diesel-Fahrverbot wie in Stuttgart her?

Es klingt absurd: Ein Diesel-Fahrverbot wie in der Großstadt im kleinen Urbach? Tatsächlich erscheint das sehr unrealistisch. Aber der Gedanke ist auch nicht ganz abwegig. Schließlich gibt es in Urbach die erste und bisher einzige Umweltzone im Rems-Murr-Kreis, die auch landesweit in einer Gemeinde dieser Größe (knapp 9000 Einwohner) sehr, sehr selten ist. Schon bei der Einrichtung der Zone, vor jetzt sieben Jahren ging es um die Stickoxid-Belastung, die laut Messergebnissen der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) über den erlaubten Grenzwerten lag. Es war also eine ähnliche Situation, wie sie derzeit in Städten, in denen nichts anderes hilft, zu Fahrverboten für ältere Diesel führt, wie seit Jahresbeginn in Stuttgart.

Die Urbacher Bürgermeisterin Martina Fehrlen meint nun: „Wenn in Urbach wieder mit einer permanenten Messstation gemessen würde, dann wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass wir sämtliche Grenzwerte reißen.“

Die Bürgermeisterin will die südliche Umgehungsstraße

Heißt das, Martina Fehrlen plädiert für ein Diesel-Fahrverbot in ihrer Gemeinde? Nein, das tut sie nicht. Den Fahrverboten steht sie sehr kritisch gegenüber. Die Messverfahren und die Beurteilung der Schädlichkeit für die Gesundheit seien für sie „nicht nachvollziehbar“, sagt sie. Die Bürgermeisterin hat jedoch ein Anliegen: eine Umgehungsstraße im Süden von Urbach zu bekommen. Und da sieht sie das Thema Stickoxid als Hebel, um der angesichts der Baukosten in weite Ferne gerückten Umsetzung wieder näherzukommen. Die kontroverse Diskussion um Diesel und Grenzwerte mal ganz außen vor gelassen – dass Urbach eine hohe Verkehrsbelastung hat, wird kaum jemand bestreiten. Laut einer Verkehrserhebung aus dem Jahr 2014 fahren an Werktagen innerhalb von 24 Stunden bis zu 12 700 Fahrzeuge durch den Ort.

Wann ist aber eine Verkehrsbelastung so hoch, dass Maßnahmen getroffen werden müssen, um die Anwohner zu schützen? Zur Beurteilung dieser Frage dienen unter anderem die – derzeit hochumstrittenen – gesetzlichen Grenzwerte. Dass in den Jahren 2008 bis 2013 Urbach deren Einhaltung überhaupt durch Messungen überprüft wurde und anderswo in vergleichbaren Gemeinden mit viel Durchgangsverkehr nicht, war mehr oder weniger Zufall (siehe „Wie es zur Urbacher Umweltzone kam“).

Unerklärlich war den Urbachern dann, warum die Messungen 2013 eingestellt wurden. Die LUBW begründet es damit, dass nach den getroffenen Maßnahmen mit der Umweltzone und der Einführung von Tempo 30 auf einem großen Teil der Ortsdurchfahrt die Grenzwerte nachgewiesenermaßen eingehalten worden seien.

LUBW-Sprecherin hält Einhaltung der Grenzwerte für wahrscheinlich

Warum glaubt Martina Fehrlen nun – und mit dieser Ansicht ist sie in Urbach keineswegs allein –, dass bei einer erneuten Messung der Schadstoffe in der Luft an der Ortsdurchfahrt die Grenzwerte wieder überschritten wären? „Der Verkehr aus Richtung Plüderhausen hat zugenommen“, sagt sie. Und er werde durch Neubaugebiete dort weiter zunehmen.

Außerdem – und das ist aus Sicht der Urbacher Gemeindeverwaltung ein wichtiger Knackpunkt: Die Grenzwerte waren 2013 bei der letzten Messung genau dann eingehalten, als in Plüderhausen eine große Baustelle die Ortsdurchfahrt blockierte und der Verkehr aus dieser Richtung komplett versiegte. Das habe bei der LUBW und beim Regierungspräsidium niemand beachtet.

Die Pressesprecherin der LUBW erklärt auf Anfrage, es sei nicht ungewöhnlich, dass die Messungen bei Einhaltung der Grenzwerte abgebrochen würden. Sie schätzt die Lage in Urbach zudem generell anders ein und vermutet, dass die Grenzwerte dort aktuell nicht überschritten sind. Die Stickoxid-Werte in der Luft seien in den vergangenen Jahren gesunken, weil es eine „Flottenerneuerung“ gegeben habe, also die Autos heute im Allgemeinen sauberer unterwegs seien. Klarheit, so viel steht fest, könnte aber nur eine erneute Messung bringen. Derzeit bewegt sich alles, sowohl von Seiten der Gemeinde als auch der LUBW, im Bereich von Mutmaßungen.

Martina Fehrlen will das Thema der südlichen Entlastungsstraße jedenfalls wieder offensiv angehen. Für diese gibt es bereits seit langem fertige Pläne in der Schublade. Die geschätzten Kosten dafür werden in der aktuellen Version des Regionalverkehrsplans mit sieben Millionen Euro angegeben – zu teuer für die Gemeinde Urbach allein. Was die Straße so teuer macht, ist die Bahnlinie: Der Übergang in der Konrad-Hornschuch-Straße müsste dafür nämlich weg und zur Querung der Bahn dann die Unterführung im Remsweg so ausgebaut werden, dass sie auch für Lkw befahrbar wird.

Martine Fehrlen verzichtet auf einen eigenen Dienstwagen

Martina Fehrlens Kalkül ist nun dieses: Sollte sich herausstellen, dass die Stickoxid-Grenzwerte auf der Ortsdurchfahrt überschritten sind, dann würde das wieder Maßnahmen nötig machen, und Urbach könnte für den Bau der südlichen Entlastungsstraße vielleicht finanzielle Unterstützung bekommen.

Davon abgesehen will die Bürgermeisterin in Sachen schadstoffärmere Mobilität selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Sie will auf den Dienstwagen verzichten und dafür über Stadtmobil Stuttgart Car-Sharing machen. Tagsüber, so der Plan, soll das vor dem Rathaus platzierte Gemeinschafts-Auto von der Verwaltung genutzt werden, abends und am Wochenende frei verfügbar für andere Car-Sharing-Nutzer sein. Martina Fehrlen will dazu ein Elektro-Auto, deswegen ist die Voraussetzung, dass vor dem Rathaus eine Ladesäule gebaut wird. Bis Herbst soll diese stehen.


Wie es zur Urbacher Umweltzone kam

Dass Urbach eine Umweltzone hat, verdankt es der Tatsache, dass die Gemeinde 2005 auf einen Aufruf hin bei der LUBW meldete, dass die Ortsdurchfahrt für Luftmessungen infrage kommen könnte, da dort eine hohe Verkehrsbelastung und weitere Faktoren vorlagen.

Tatsächlich wurde dann ab 2008 eine Messstelle am „Adler“ eingerichtet und weitere Messgeräte (Passivsammler) wurden an weiteren Punkten angebracht.

Bis 2009 waren die Messwerte dann zunächst alle im Rahmen. Die Gemeinde Urbach erwirkte jedoch eine Verlängerung der Messung. Im weiteren Verlauf ergaben sich dann tatsächlich Stickoxid-Konzentrationen über den Grenzwerten.

Daraufhin waren zwischen Gemeinde und Regierungspräsidium verschiedene Maßnahmen in der Diskussion, unter anderem ein Durchfahrtsverbot für Lkw oder eine südliche Entlastungsstraße. Am Ende lief es auf die Einrichtung einer Umweltzone und die Anordnung von Tempo 30 auf einem großen Abschnitt der Ortsdurchfahrt hinaus.

Ab 1. Dezember 2011 trat die Tempo-30-Regelung in Kraft, ab 1. Januar 2012 die Umweltzone, die das ganze Ortsgebiet umfasst. Von der Umweltzone ausgenommen sind nur das Gewerbegebiet und die Zufahrt zum Sportgelände.

Der Papiertiger

Die südliche Umgehungsstraße, für die sich die Gemeinde Urbach schon in früheren Jahren eingesetzt hat und die Bürgermeisterin Martina Fehrlen jetzt wieder in den Blick nimmt, ist auch im Regionalverkehrsplan aufgeführt. Das Dokument verzeichnet sie aber lediglich als „wichtiges lokales Projekt“ ohne überregionale Bedeutung.

Das „Kleinzentrum“ Plüderhausen zum Beispiel, so heißt es im Plantext, sei direkt über eine eigene Anschlussstelle an die B 29 angebunden.

Für Martina Fehrlen ist es aber ein Fakt, dass viele Plüderhäuser eben doch über Urbach fahren, auch bedingt durch die wenig verkehrsgünstigen Bahnübergänge dort. Sie spricht deswegen in Bezug auf die Kennzeichnung im Regionalplan von einem „Papiertiger“.

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