TVB 1898 Stuttgart Die drei Berufe des Simon Baumgarten

Profi in der 1. Handball-Bundesliga und nebenbei arbeiten? Simon Baumgarten vom TVB 1898 Stuttgart ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Doppelbelastung der Leistung nicht abträglich sein muss. Der 30-Jährige hat gleich zwei weitere Standbeine: Er ist bei der Stadt Waiblingen angestellt und zudem Geschäftsführer des Mikrostudios Bewegungsmuster in Fellbach.

Wer es als Fußballer in die Bundesliga geschafft hat, der dürfte – ein halbwegs solider Lebenswandel vorausgesetzt – nach drei bis vier Jahren ausgesorgt haben. Bei den Handballern dagegen sieht’s ein wenig anders aus. Die meisten können sich nach dem Karriere-Ende nicht aufs Sofa legen, sondern sollten sich nebenbei um ihr Auskommen kümmern.

Das ganz große Geld ist auch beim TVB 1898 Stuttgart nicht zu verdienen. Arbeiten indes müssten dennoch nur die wenigsten. Der eine oder andere, wie die drei Torhüter Dragan Jerkovic, Yunus Özmusul oder Johannes Bitter, konzentriert sich derzeit einzig und alleine auf den Handball.

Anderen indes genügt das nicht. Der Ex-Nationalspieler Michael Spatz (33) arbeitet dreimal die Woche als Prozessmanager in der Unternehmensentwicklung beim TVB-Partner Harro Höfliger und bereitet sich allmählich auf sein Karriereende vor. Ebenfalls im Beruf eingespannt ist Florian Schöbinger. Für den 30-Jährigen ist nach dieser Saison Schluss mit dem Leistungssport. Das Bittenfelder Urgestein wird sich fortan auf seinen Job als Business Development Manager beim Hauptsponsor Kärcher konzentrieren.

Schöbingers langjähriger Weggefährte beim TVB, Simon Baumgarten, hat seinen Vertrag kürzlich um ein Jahr verlängert. Gedanken an die Zeit danach macht er sich allerdings nicht erst seit gestern. Seit er das blau-weiße Trikot trägt, hat er nebenbei gearbeitet. Derzeit hat Baumgarten sogar zwei weitere Standbeine: Bei der Stadt Waiblingen arbeitet er in der Kasse der zentralen Vollstreckung. Und seit August ist er, gemeinsam mit seinem Kumpel Timo Kalbantner, Geschäftsführer des Mikrostudios Bewegungsmuster in Fellbach.

 

Organisation
Drei Jobs an einem Tag

Die Dreifachbelastung scheint der Leistung des 30-Jährigen nicht abträglich zu sein – ganz im Gegenteil: In der Hinserie zählte der Kreisläufer zu den konstantesten und stärksten Spielern des TVB. „Es ist der beste Simon Baumgarten, den wir je erlebt haben“, sagte der TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt Ende des vergangenen Jahres anlässlich der Halbzeit-Bilanz.

Ein Lob, das der gebürtige Göppinger natürlich gerne annimmt. Dass er sich trotz seiner großen handballerischen Fähigkeiten nicht ausschließlich auf den Sport konzentrieren wird, stand stets außer Frage. „Irgendwann ist die Karriere nun einmal zu Ende“, sagt er. „Wenn man nur hofft, später bei irgendeinem Sponsor unterzukommen, kann’s ein böses Erwachen geben.“

Gleich drei Jobs unter einen Hut zu bringen, das schaffen freilich die wenigsten. Das Chaos wäre programmiert ohne ein gewisses Maß an Organisationstalent. Diesbezüglich bringt Baumgarten reichlich Erfahrung mit, schließlich war er schon in der Jugend viel unterwegs gewesen.

Mit fünf Jahren begann er bei seinem Heimatverein TV Wißgoldingen mit Handballspielen. Er turnte eineinhalb Jahre, schwamm bis zu seinem 15. Lebensjahr in Schwäbisch Gmünd in der Bundesliga und spielte auch eine Saison lang Fußball. Letztendlich blieb das Multi-Talent beim Handball hängen, besuchte mit 16 Jahren die Handball-Akademie von FA Göppingen und trainierte unter dem damaligen Coach Kurt Reusch beim Bundesligateam mit. Mit 18 unterschrieb Baumgarten seinen ersten Vertrag beim Erstligisten und kam über das Zweifachspielrecht zum TVB.

Der Handball hatte damals zwar bereits einen hohen Stellenwert, den Beruf hingegen hatte Baumgarten stets im Blick. Nach dem Realschulabschluss begann er eine dreijährige Ausbildung zum Sozialversicherungs-Fachangestellten bei der Gmünder Ersatzkasse – und musste in jungen Jahren schon straff organisiert sein.

Der Tag begann um 6.15 Uhr, um 15.30 Uhr machte sich Baumgarten auf den Weg ins Training nach Göppingen. „Ich habe mich im Büro umgezogen“, sagt er und grinst. Dieses Prozedere wiederholte sich rund zweieinhalb Stunden später – im Auto, auf der Fahrt ins Training beim TV Bittenfeld. Um 22 Uhr ging der Tag schließlich zu Ende, mit der Heimfahrt ins 70 Kilometer entfernte Wißgoldingen. Und dies vier- bis fünfmal die Woche. „Im Nachhinein kann ich das keinem empfehlen“, sagt Baumgarten. „Aber wenn man jung ist, nimmt man das halt auf sich.“

Nach der Ausbildung wurde er von seinem Arbeitgeber übernommen. Die anfängliche 38,5-Stunden-Woche reduzierte er nach und nach, geringer wurde auch der Fahrtaufwand: Baumgarten lief mittlerweile ausschließlich für den TVB auf, sparte sich damit die Fahrt nach Göppingen und zog später von Wißgoldingen nach Lorch.

Der TVB war zwischenzeitlich in der 2. Liga angekommen, bei mitunter zwei Trainingseinheiten am Tag mussten Kompromisse gefunden werden. „Ich bin dem TVB heute noch dankbar, dass ich flexibel sein durfte und immer noch sein darf“, sagt Baumgarten. Seit vier Jahren wohnt er in Weinstadt, bei der Krankenkasse arbeitet er nicht mehr. Als die Stadt Waiblingen eine Halbtagsstelle im Mahn- und Vollstreckungsbereich ausschrieb, bewarb er sich. Heute ist er glücklich über das zweite Standbein – und darüber, dass die Stadt ihn beim Sport unterstützt. „Es ist super, dass ich hier meine Arbeitszeiten mehr oder weniger frei wählen kann.“ Das ist auch notwendig, schließlich muss in der 1. Liga die eine oder andere Trainingseinheit kurzfristig verlegt oder eingeschoben werden.

Ziele
Nichtabstieg und den Beruf im Blick

Seit August muss der Kreisläufer noch sorgfältiger planen. „Am besten vier Wochen im Voraus.“ In Fellbach eröffnete er zusammen mit Timo Kalbantner das Mikrostudio Bewegungsmuster. Da Kalbantner das Jahr über häufig als Physiotherapeut mit der Tennis-Elite auf ATP-Turnieren unterwegs ist, muss die Zeit auch unter den beiden gut aufgeteilt sein.

Kalbantner und Baumgarten kennen sich schon seit gemeinsamen Göppinger Zeiten, Kalbantner arbeitete als Physiotherapeut bei Frischauf. Irgendwann reifte die Idee, zusammen etwas auf die Beine zu stellen. Vor einem halben Jahr wagten die beiden den Schritt und eröffneten das Studio, das sich von gewöhnlichen Fitnessstudios ziemlich unterscheidet.

In Eingangstests wird der Körper komplett gescreent, alle wichtigen Gelenke im Körper werden auf Dysfunktionen und Beweglichkeit getestet. Den Resultaten entsprechend wird anschließend ein individuelles Training angeboten. Dieses findet in kleinen Gruppen bis maximal fünf Personen statt. Wichtigste Inhaltspunkte dabei sind Stabilität, Koordination, Kraft, Beweglichkeit. „Das Gesundheitsbewusstsein ist immer noch unterentwickelt“, sagt Baumgarten. „Viele denken, sie tun etwas, sie trainieren aber häufig ohne Struktur.“

Nach und nach sei das Angebot immer besser angenommen worden, sagt Baumgarten. Er kann sich gut vorstellen, in diesem Bereich voll einzusteigen, wenn es mit dem Handballspielen vorüber ist. So weit indes ist es noch nicht. Er fühlt sich fit. Den größten sportlichen Erfolg, den Aufstieg mit dem TVB in die 1. Liga, möchte er allzu gerne toppen – mit dem Ligaverbleib. Ohne dabei jedoch den Beruf zu vernachlässigen.

„Mit dem Sport Geld zu verdienen, ist ein Privileg, diese Möglichkeit haben nicht viele“, sagt er. Er rät jedoch allen Kollegen, sich parallel Gedanken darüber zu machen, was nach dem Ende der Karriere kommen soll. „Irgendetwas kann jeder machen, eine Berufsausbildung, ein Studium, auch nur ein Praktikum.“

Simon Baumgarten

Simon Baumgarten wurde am 6. September 1985 in Göppingen geboren. Er ist 1,93 Meter groß und wiegt 112 Kilogramm.

Seit seinem fünften Lebensjahr spielt Baumgarten Handball. Begonnen hat er bei seinem Heimatverein TV Wißgoldingen, später spielte er beim TSV Süßen und der SG Lauter, einer Spielgemeinschaft zwischen der TG Donzdorf und dem TSV.

Mit 16 Jahren besuchte er die Handball-Akademie von FA Göppingen. Beim Erstligisten unterschrieb er mit 18 Jahren seinen ersten Vertrag.

Seit 2004 trägt der Kreisläufer das Trikot des TV Bittenfeld.


Jobs der TVB-Spieler

Derzeit ausschließlich dem Handball widmen sich Dragan Jerkovic, Yunus Özmusul, Jogi Bitter, Michael Schweikardt und Lars Friedrich.

Kasper Kisum, Teo Coric, Dominik Weiß, Tobias Schimmelbauer, Finn Kretschmer, Djibril M’Bengue und Michael Seiz studieren nebenbei. Kisum ist zudem Musiker (Band Kisum & Padovan).

Florian Schöbinger, Martin Kienzle und Michael Spatz sind bei TVB-Sponsoren angestellt. Alexander Heib arbeitet stundenweise in seinem Beruf als studierter Fitness-Ökonom und zudem – wie Michael Schweikardt – als Trainer bei der TVB-Jugend.

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