TVB 1898 Stuttgart „Schöbis“ Abschiedstränen sind getrocknet

Der TVB 1898 Stuttgart ohne Florian Schöbinger? Schwer vorstellbar. „Schöbi“, maßgeblich beteiligt an der Bittenfelder Erfolgsstory, hat nach eineinhalb Jahrzehnten das blau-weiße Trikot ausgezogen. Mit 30 Jahren wird er sich nun auf den Beruf konzentrieren und für den Drittligisten HC Oppenweiler/Backnang auflaufen. Zusammen mit seinem Bruder übrigens.

Video: Best of Schöbinger - die besten Momente

Der TVB 1898 Stuttgart ohne Florian Schöbinger? Schwer vorstellbar. „Schöbi“, maßgeblich beteiligt an der Bittenfelder Erfolgsstory, hat nach eineinhalb Jahrzehnten das blau-weiße Trikot ausgezogen. Mit 30 Jahren wird er sich nun auf den Beruf konzentrieren und für den Drittligisten HC Oppenweiler/Backnang auflaufen. Zusammen mit seinem Bruder übrigens.

Florian Schöbinger muss schmunzeln, als er das Foto betrachtet, das die Mannschaft des TVB in der Saison 2004/2005 zeigt. Die jungen Wilden standen vor ihrer ersten Saison in der Regionalliga, der damals dritthöchsten Liga. Es war die Zeit, als die Haare von Sven und Alexander Heib und Jens Bechtloff noch bis in den Nacken reichten. Denselben Friseur hatten offensichtlich auch die Nummer 10 und 3, Jürgen Schweikardt und Florian Schöbinger. Leicht blondiert.

Schweikardt war mit 24 Jahren bereits der Chef auf dem Spielfeld, Schöbinger stand mit zarten 18 Lenzen vor seiner zweiten Saison bei den Aktiven. Zwölf weitere Spielzeiten folgten, vor fünf Wochen endete die Ära Schöbinger – in einem Rahmen, den sich „Schöbi“ so niemals erträumt hatte: Vor 10 000 Zuschauern spielte er mit seinem TVB gegen den Rekordmeister THW.

Einen noch einprägsameren Moment hatte Schöbinger in der Woche davor erlebt. Bei seiner Verabschiedung nach dem letzten Heimspiel gegen die SG Flensburg-Handewitt klatschten zweieinhalbtausend Zuschauer, begleitet von „Schöbi, Schöbi“-Rufen, minutenlang Beifall. Der Gefeierte zeigte Emotionen. „Ich habe schon in der Woche davor gespürt, dass die Augen da wohl nicht trocken bleiben werden“, sagt Schöbinger. „Ich denke, das war schon ehrliche Anerkennung. Es ist halt ein Unterschied, ob einer eine Saison hier war oder 16 Jahre.“

Mehr als sein halbes Leben hat Schöbinger mit und beim TVB verbracht. In der B-Jugend kam er vom TSV Alfdorf. Sein Heimatverein schaffte es nicht, mit diesem Jahrgang auf Verbandsebene zu spielen. Weil sich Schöbinger aber weiterentwickeln wollte, blieb nur der Vereinswechsel. Von der Verbandsauswahl kannte er die Bittenfelder Alexander Heib und Jens Bechtloff. Eine Alternative war der TV Wißgoldingen, bei dem Simon Baumgarten damals spielte. Weil Wißgoldingen mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwierig zu erreichen war, machte der TVB das Rennen.

Kaltes Wasser

Mit 17 in der ersten Mannschaft

Der Wechsel war mit einem ordentlichen Aufwand verbunden, auch natürlich für die Eltern. Je nach Wahl des Verkehrsmittels, dauerte die Anreise vom Schwäbischen Wald in den Waiblinger Norden eine gute Stunde. Drei Einheiten die Woche standen beim TVB auf dem Programm, dazu kamen die Stützpunkttrainings in Göppingen und Nellingen. „Eigentlich ein Wahnsinn“, sagt Schöbinger heute.

Im Nachhinein betrachtet, haben sich die Investitionen mehr als ausgezahlt. „Wer hatte schon wirklich daran geglaubt, dass der TVB mal in der Bundesliga spielen würde“, sagt Schöbinger und grinst. „Ich denke, diese Vision hatte nur Jürgen (Schweikardt, Anmerkung der Redaktion).“

Sicherlich habe der TVB auf dem Weg ganz nach oben hier und da ein bisschen Glück gehabt, sagt Schöbinger. „Irgendwann jedoch war’s kein Zufall mehr.“ So könne die Arbeit im Umfeld nicht hoch genug bewertet werden. Mit Wolfgang Andrä und Hartmut Jenner habe der TVB starke Partner gefunden. „Sie haben das alles mitgestaltet und identifizieren sich mit dem Projekt. Nur so kann das funktionieren.“

Schöbinger selbst hatte sich zunächst eher bescheidene Ziele gesetzt. „Ich wollte es in die erste Mannschaft des TVB schaffen.“ Das ging schneller, als es sich der Alfdorfer erträumt hatte. Die Bittenfelder waren in die Baden-Württemberg-Oberliga aufgestiegen, als Schöbinger für die aktiven Teams spielberechtigt war.

Er stellte sich zunächst auf die zweite Mannschaft ein, doch der Trainer Günter Schweikardt nahm den 17-Jährigen in den Kader. „Damit hatte ich nie gerechnet, das war schon geil.“ Schweikardt schätzte offensichtlich die Allrounder-Qualitäten, die Schöbinger damals bereits hatte: Im Angriff spielte er am Kreis und im Rückraum, er war aber auch in der Abwehr zu gebrauchen. „Das war von Anfang an sicherlich mein großes Plus“, sagt er. Körperlich indes hatte Schöbinger Nachholbedarf. An der Größe mangelte es zwar nicht, an Muskelmasse schon. Also waren Zusatzschichten in der Mucki-Bude angesagt.

Derweil ging’s mit dem TVB weiter bergauf. Schöbinger hatte sich in der Oberliga kaum akklimatisiert, da stiegen die Bittenfelder schon wieder auf. „Das ging alles wahnsinnig schnell, aber man wächst ja mit seinen Aufgaben“, sagt Schöbinger und blickt noch einmal auf das Teamfoto. „Ich habe grandiose Typen kennengelernt, mit vielen bin ich heute noch eng befreundet.“ Einige hätten ihn nicht nur handballerisch geprägt, sondern auch persönlich. Die Torhüter-Routiniers Marc Bürkle und Götz Kemner beispielsweise, aber auch Jens Baumbach, Sebastian Stumpp oder Mario Hoppe. Und natürlich Jürgen Schweikardt.

Mit Baumbach und dem heutigen Geschäftsführer lebte Schöbinger einst in Winnenden in einer Wohngemeinschaft. „Wir hatten einen unglaublichen Zusammenhalt in der Mannschaft, damals war Handball für uns Hobby und Leidenschaft. Das war eine gewachsene Gemeinschaft.“

Mit Kleinbussen fuhren die Spieler zu den Auswärtsspielen, die Rückfahrt führte die Kumpels oft direkt in irgendeinen Club. „Heute ist es eine andere Zeit, eine andere Kultur“, sagt Schöbinger. „Alles ist ein bisschen distanzierter, die Spieler sind in erster Linie Arbeitskollegen.“ Mit dem einen oder anderen ist der Kontakt enger, andere sieht er nur im Training und Spiel. „Das ist aber nicht ungewöhnlich, schließlich sind die Interessen unterschiedlich. „Wir haben trotzdem eine gute Stimmung.“

Spannend sei die „Neuzeit“ aber allemal. „Wenn ein neuer Spieler kommt, fragt man sich schon, was das für ein Typ ist. Man hat ein Bild im Kopf, das sich manchmal bestätigt, manchmal aber auch nicht.“ Positiv überrascht hat ihn zuletzt Jogi Bitter. „Das ist ein super Typ, völlig ohne Allüren.“ Auf dem Spielfeld indes sei er ein anderer Mensch, „der totale Profi, extrem fokussiert“.

In seinen 16 Jahren beim TVB hat Florian Schöbinger viele Spieler kommen und gehen sehen. Darunter seien „spezielle, coole“ Typen gewesen, Querdenker, die sich in kein Raster zwängen ließen. Diese Spezies habe einen gewissen Freiraum gebraucht – „auch, wenn’s hin und wieder ein bisschen anstrengend war für die anderen“. Unterm Strich gehe es nicht darum, Freundschaften zu entwickeln. „In erster Linie müssen Leistung und Erfolg stimmen – ganz gleich, ob zwölf Freunde auf dem Feld stehen oder Kollegen.“

So oder so: Der TVB ist erfolgreich, und nach dem Ligaverbleib will sich der Verein nun in der stärksten Liga der Welt etablieren. Florian Schöbinger wird dazu keinen Beitrag mehr leisten. Sein Entschluss, den TVB am Ende der Saison zu verlassen, sei nach und nach gereift. Nachdem er nach seiner Verletzung „nur schwer in die Spur“ gekommen sei, habe er sich intensiv Gedanken gemacht. „Ich habe die Grenzen meines Leistungsvermögens gespürt, wollte mich nicht vorführen lassen.“ Auch die reduzierte Rolle als Abwehrspezialist stellte ihn nicht mehr zufrieden. „Es war klar, dass sich diesbezüglich nichts Entscheidendes mehr ändern wird.“

Neue Rollen

Vollzeit-Job und Drittliga-Spieler

Der Handballsport alleine hat Florian Schöbinger zu keiner Zeit ausgefüllt. Ihm ist immer wichtig gewesen, sich auch im Beruf weiterzuentwickeln. „Nur Profi zu sein, das war nie eine Option für mich.“ So hatte der Geschäftsführer und Freund Jürgen Schweikardt auch keinen Erfolg mit dem Versuch, Schöbinger nach starken Leistungen in der Rückrunde umzustimmen.

Nach dem Betriebswirtschafts-Studium kam Florian Schöbinger beim Hauptsponsor Kärcher unter, eineinhalb Jahre hatte er eine 50-Prozent-Stelle inne. Ohne Zugeständnisse indes, im Handball und Beruf, ging’s nicht. „Ich hatte mehr und mehr das Gefühl, ich mache zwei Dinge, aber keines richtig.“ Das schlechte Gewissen gegenüber den Arbeits- und Teamkollegen plagte ihn. „Ich wollte nicht bevorzugt werden und war mit der Situation nicht wirklich glücklich.“

Nun ist die Zeit der Kompromisse endgültig vorbei. Beruflich sieht Schöbinger im Geschäftsfeld Strategischer Vertrieb/Produktmanagement bei Kärcher eine gute Perspektive, zudem genießt er das „super“ Umfeld. Auch wenn Schöbinger klare Prioritäten hat: Die neue sportliche Herausforderung hat es durchaus in sich: Der Drittligist HC Oppenweiler/Backnang setzt auch in der Offensive auf ihn, an diese Rolle muss sich der Abwehrspezialist erst gewöhnen. Außerdem sind die Erwartungen per se hoch, schließlich kommt Schöbinger aus der 1. Liga.

Vor drei Wochen stieg er bei seinem neuen Club ins Training ein. „Es macht sehr viel Spaß“, sagt er. „Es ist alles ein bisschen intimer und erinnert mich an die Zeit beim TVB vor zehn Jahren.“ Und an seine Jugend beim TSV Alfdorf. Schließlich hat er beim HCOB einen Teamkollegen, der ihm näher nicht stehen könnte: Philipp Schöbinger wechselte vom TSV Neuhausen nach Oppenweiler. Für die Brüder schließt sich damit der Kreis. „Es war schon immer ein Traum von mir, mit Fips zusammenzuspielen“, sagt Florian Schöbinger. „Das haben wir seit der Jugend nicht mehr geschafft.“

Abgeschlossen mit dem TV Bittenfeld hat Florian Schöbinger natürlich nicht, dazu ist er zu lange ein Teil des Konstrukts gewesen. Wenn er nicht selbst im Einsatz ist, wird er die Spiele in Stuttgart verfolgen. Zudem soll er dem TVB in einer anderen Funktion erhalten bleiben – als Marketingbotschafter. „Meine Aufgabe ist noch nicht exakt definiert“, sagt Schöbinger und grinst. „Ich gehe aber davon aus, dass Jürgen auf mich zukommen wird, sobald er eine Idee hat.“

Zur Person

Florian Schöbinger wurde am 5. März 1986 in Mutlangen geboren. Er ist 1,92 Meter groß und wiegt 90 Kilogramm.

Schöbinger spielte in der Jugend, wie seine beiden Brüder Achim und Phillip auch, zunächst Fußball beim TSV Alfdorf. Der Vater war damals Trainer.

Nach und nach wechselten die Brüder zum Handball, Florian war der letzte der drei. In der D- und C-Jugend spielte Florian Schöbinger beim TSV Handball, im ersten B-Jugend-Jahr ging der HVW-Auswahlspieler zum TV Bittenfeld.

Dort entwickelte sich Schöbinger zum Allrounder: Er spielte am Kreis und auf sämtlichen Rückraum-Positionen. Selbst auf Links- und Rechtsaußen kam er zum Einsatz. Stärken hatte er auch in der Defensive.

Der studierte Betriebswirt war an vier Aufstiegen des TVB beteiligt: 2004 in die Regionalliga, 2006 in die 2. Liga, 2011 in die eingleisige 2. Liga und 2015 in die 1. Liga.

In der neuen Spielzeit lässt es der 30-Jährige, nach 16 Jahren beim TVB, etwas ruhiger angehen: An erster Stelle steht nun der Beruf, Handball spielen wird er beim Drittligisten HC Oppenweiler/Backnang.

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