TVB Stuttgart „Alle Vereine bangen um ihre Existenz“

Sorgen bei Jürgen Schweikardt. „Wir müssen sehr wahrscheinlich auf die Solidarität unserer Dauerkartenbesitzer und Sponsoren hoffen“, sagt der Trainer und Geschäftsführer des TVB. Foto: Ralph Steinemann Pressefoto

Die Coronavirus-Krise legt den Spielbetrieb der Handball-Bundesliga lahm, die Clubs müssen mit erheblichen Einnahmeverlusten rechnen. „Alle Vereine bangen aktuell um ihre Existenz“, sagt Jürgen Schweikardt, Trainer und Geschäftsführer des TVB Stuttgart, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wir müssen auf Solidarität hoffen.“

Herr Schweikardt, die Corona-Krise ist allgegenwärtig. Man fühlt sich bisweilen wie in einem Science-Fiction-Film. Wie schaffen Sie es, in diesen Tagen dennoch für den einen oder anderen Moment auf andere Gedanken zu kommen?

Es ist auf jeden Fall so, dass auch meine Gedanken ständig um dieses Thema kreisen. Schließlich sind wir alle familiär, beruflich und wirtschaftlich betroffen. Am Sonntag habe ich trotzdem mit der Familie etwas unternommen und ein bisschen abschalten können.

Am Freitagabend stellte die Handball-Bundesliga GmbH aufgrund der aktuellen bundesweiten Corona-Entwicklung den Spielbetrieb bis Ende April ein. Hat Sie die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt überrascht? Eigentlich sollte ja erst am Montag in der außerordentlichen HBL-Sitzung über das weitere Vorgehen beraten werden.

Aufgrund der Dynamik in den vergangenen zehn Tagen, der Entwicklung in Italien und der Reaktion anderer Sportarten hat mich die Entscheidung nicht überrascht. Sie war richtig und logisch.

Wie sieht jetzt der Alltag aus beim TVB? Wird normal trainiert oder haben Sie die Spieler erst einmal in den Urlaub geschickt?

Wir haben das gemeinsame Training ausgesetzt. Die Trainingsstätten sind geschlossen. Die Spieler halten sich jedoch individuell zu Hause fit.

Haben Sie den Spielern geraten, soziale Kontakte so gut es geht zu vermeiden, oder dürfen sie in der freien Zeit auch in die Heimat reisen?

Grundsätzlich habe ich Verständnis dafür, dass die Spieler in ihre Heimat fahren möchten. Aktuell geht das aber nicht, die Spieler müssen sich zur Verfügung halten. Es gibt in den kommenden Tagen noch einige Dinge zu regeln. Unter anderem steht das Thema Kurzarbeit bei uns ganz oben auf der Agenda.

Inwieweit waren Sie ein Stück weit erleichtert, dass am Freitag ein einheitlicher Beschluss gefallen ist und den Vereinen die Entscheidung abgenommen wurde, vor maximal 1000 Fans zu spielen oder gar vor leeren Rängen?

Ganz am Anfang haben wir uns kurz Gedanken darüber gemacht, wie wir das mit den 1000 Zuschauern regeln sollen. Es war aber recht schnell klar, dass die Lage nicht so bleiben wird, und wir haben uns deshalb nicht mehr so intensiv mit der Zuschauerbeschränkung beschäftigt.

War eine Geisterkulisse im nächsten Heimspiel gegen die Eulen Ludwigshafen ein Thema?

Nicht wirklich, weil ja auch noch ausreichend Zeit bis zum Spiel gewesen war und wir erst die Entwicklung abwarten wollten.

Für sechseinhalb Wochen ist der Spielbetrieb nun ausgesetzt. Nach dem derzeitigen Stand soll’s mit dem Donnerstagspieltag am 23. April weitergehen. Für wie wahrscheinlich halten Sie diesen Termin?

Es ist erst einmal gut, dass die Spiele bis dahin ausgesetzt werden und die Entwicklung abgewartet wird. Ich persönlich halte es aber für nicht realistisch, dass es zu diesem Zeitpunkt normal weitergeht. Dafür spricht aus heutiger Sicht zu viel dagegen. Die Hoffnung stirbt zwar zuletzt, aber ich bin da sehr skeptisch.

Der Plan ist, die drei ausgefallenen Spieltage im Mai nachzuholen. Der wirtschaftliche Schaden für den TVB dürfte sich in diesem Fall im Rahmen halten.

Ginge es tatsächlich am 23. April weiter, wäre der Schaden tatsächlich zu reparieren. Er wäre jedenfalls nicht existenzbedrohend.

Wäre der Spielbetrieb planmäßig weitergelaufen, hätte der TVB mit zwei Siegen in Minden und gegen die Eulen den Ligaverbleib so gut wie klarmachen können. Nun hat der TVB länger Ungewissheit. Inwieweit wirkt sich das auch auf die finale Kaderplanung aus?

Es ist alles auf Eis gelegt, es passiert diesbezüglich im Moment nichts. Wir müssen sehr wahrscheinlich auf die Solidarität unserer Dauerkartenbesitzer und Sponsoren hoffen. Da ist es nicht denkbar, auf der anderen Seite neue Verträge abzuschließen.

Glauben Sie, dass der eine oder andere Verein um seine Existenz bangen muss?

Alle Vereine bangen aktuell um ihre Existenz. Mit dem Wegfall des Spielbetriebs ist uns die Geschäftsgrundlage abhandengekommen. Da in unserer Branche keine großen Rücklagen vorhanden sind, kann die Situation schnell existenzgefährdend werden. Vor allem, wenn die Saison nicht zu Ende gespielt wird. Es ist ja alles miteinander verwoben. Die Sky-Kunden fordern von Sky ihr Geld zurück, Sky geht auf die Vereine zu. Es trifft letztlich jeden. Am Ende muss vielleicht auch die Pommesbude neben dem VfB-Stadion zumachen.

Die Unterbrechung der Saison ist nur ein Szenario von vielen Szenarien. Karsten Günther, Manager des SC DHfK Leipzig, glaubt an einen Abbruch und plädiert für eine Annullierung der Saison. Was halten Sie davon?

Ich halte nichts von solchen öffentlichen, pauschalen Aussagen. Und ich weiß, dass sie bei ihm auch aus dem Zusammenhang gerissen worden ist. Wir müssen jetzt abwarten, wie sich die Situation entwickelt, und dann gemeinsam die beste Lösung finden.

Letzte Frage: Ein zunächst harmlos anmutender Virus aus China hat eine Pandemie ausgelöst, er ist lebensbedrohlich und existenzgefährdend. So schlimm derartige Ereignisse sind: Helfen sie womöglich, in Zukunft ein bisschen demütiger durchs Leben zu gehen und manche Dinge mehr wertzuschätzen?

Sicher ist, dass die Corona-Krise vieles verändern wird. Zu Beginn hat das keiner wahrhaben wollen. Jetzt steht die gesamte Gesellschaft vor einer riesengroßen Herausforderung. In solchen Situationen lernt man vieles schätzen. Wichtig wird sein, dass nicht jeder nur vor seiner eigenen Haustüre kehrt. Jetzt sind Tatkraft und Zusammenhalt gefragt. Und wenn nur insoweit, dass wir unsere Mitmenschen moralisch unterstützen, diese Zeit durchzustehen. Unser Mut und unsere Zuversicht dürfen nicht weichen.


Profis sollen auf Gehalt verzichten

Die Handball-Bundesliga (HBL) will die derzeit ausgesetzte Saison trotz der Verbreitung des Coronavirus nach Möglichkeit zu Ende spielen. Am entsprechenden Beschluss des Präsidiums werde festgehalten, teilte die HBL am Montag nach einer Telefonkonferenz der Verantwortlichen der 18 Clubs mit.

Um die wirtschaftlichen Schäden abzumildern, haben einige Clubs bereits Kurzarbeitergeld beantragt. „Wir haben zudem beschlossen, dass wir nur eine Chance haben zu überleben, wenn Spieler und Sponsoren ebenfalls ihren Beitrag dazu leisten“, sagte Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse Berlin. So wollen die Clubs ihre Profis etwa zu einem Gehaltsverzicht bewegen.

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