TVB Stuttgart Interview: Neue Aufgaben für Ex-Profi Michael Schweikardt

In der vergangenen Saison lenkte Michael Schweikardt (hinten Max Häfner, gegen die Berliner Paul Drux und Jakov Gojun/10) noch das Spiel des TVB, jetzt hat er außerhalb des Spielfelds Verantwortung übernommen. Foto: Ralph Steinemann Pressefoto

Nach 16 Jahren hat Michael Schweikardt seine Profi-Karriere beendet. Nun kümmert er sich beim Handball-Erstligisten TVB Stuttgart um das Scouting und die Anschlussförderung und trainiert den Drittligisten TSB Heilbronn-Horkheim. Thomas Wagner hat mit Schweikardt über die neuen Aufgaben gesprochen.

Herr Schweikardt, im Februar war Ihnen mitgeteilt worden, dass Sie beim TVB keinen neuen Profi-Vertrag mehr bekommen würden. Wie viele Pläne hatten Sie in der Schublade?

Ich hatte über ein halbes Jahr Zeit, mir ausgiebig Gedanken zu machen. Mein erstes Ziel war es, mit dem Sport und in erster Linie mit dem Handball verbunden zu bleiben. Da der TVB sich im Scouting und in der Anschlussförderung breiter aufstellen wollte, war das eine tolle Möglichkeit für mich, die ich gerne wahrgenommen habe. Von daher bin ich sehr glücklich über den Übergang vom Profispieler hinein in die Karriere nach der Karriere und habe nicht viele weitere Optionen geprüft.

Wie regeln das die anderen Vereine in der Bundesliga? Beschäftigen die auch eigene Scouts?

Soweit ich informiert bin, ist es bei allen Vereinen ein Mischjob, wie bei mir eben auch. Es gibt Vereine, da macht der Cheftrainer das nebenbei, mal übernimmt es der sportliche Leiter oder auch der Jugendkoordinator. Da sind die Vereine in unserem Sport noch nicht so weit, dass sie hauptamtliche Scouts einstellen können.

Was ist bei der Anschlussförderung genau Ihre Aufgabe?

Es ist ein breiter Aufgabenbereich, ich kümmere mich um unsere Top-Talente von der U 15 bis hin zum aktiven Bereich. Ein Teil ist zum Beispiel das Individualtraining in Kleingruppen mit vier bis fünf Spielern. Damit können wir auf die Spieler gezielter eingehen. Derzeit haben wir eine Zusatzeinheit pro Woche, wir planen aber noch eine weitere Einheit. Das ist aber gar nicht so einfach bei der schulischen Belastung, die unsere Spieler haben.

Und wie sehen die Trainingsinhalte aus?

In der Regel ist es ein Techniktraining. Durch die kleine Trainingsgruppe kann man auf Feinheiten bei den Spielern eingehen und sieht schnell Verbesserungen.

Eigenverantwortliche, mündige Spieler sind toll. Aber letztlich soll die intensive Jugendarbeit ja auch Früchte tragen.

Klar. Unser Ziel ist es, die Jugendlichen so weit zu bekommen, dass wir den einen oder anderen irgendwann ins Bundesligateam einbauen können. Aber wir wissen alle, dass es extrem schwierig ist. Man sieht es ja an den U-Nationalmannschaften, selbst von diesen Spielern schafft es nicht jeder in die Bundesliga. Es ist ein langer und harter Weg – und die Talente brauchen auch ein Quäntchen Glück, damit sie da oben ankommen. Und sie müssen vor allem verletzungsfrei bleiben.

Aktuell hat der TVB ja den einen oder anderen Spieler mit besten Voraussetzungen.

Ja, bei Fynn Nicolaus beispielsweise sehen wir realistische Chancen, dass er nach der Jugend direkt Bundesliganiveau hat. Der DHB hat ihn ja auch in seinen Elite-Kader berufen. Das zeigt, dass er zu den Top-Talenten in Deutschland gehört. Fynn wurde in jungen Jahren in Großbottwar schon sehr gut ausgebildet. Da möchten wir anknüpfen und Fynn zusammen mit dem Deutschen Handball-Bund auf das höchstmögliche Level bekommen.

Der TVB hat weitere große Talente, die aber vielleicht noch etwas Zeit brauchen und es über die zweite Mannschaft schaffen könnten. Die kämpft allerdings derzeit in der Baden-Württemberg-Oberliga gegen den Abstieg.

Den Abstieg wollen wir natürlich verhindern. Seit ein paar Wochen finden regelmäßiger wie noch zu Beginn der Saison gemeinsame Trainingseinheiten der U 19 und der zweiten Mannschaft statt. Dadurch haben wir die Qualität und Intensität gesteigert. In den letzten Spielen wurden auch schon deutlich bessere Ergebnisse eingefahren, so dass wir absolut überzeugt sind, dass die Qualität der Mannschaft ausreicht, um am Ende der Saison in der Klasse zu bleiben. Die BWOL oder vielleicht in Zukunft auch mal die dritte Liga ist eine gute Plattform für unsere Spieler, um sich weiterzuentwickeln.

Nicht alle Talente bleiben beim TVB. Max Öhler beispielsweise war eigentlich eingeplant, wechselte dann aber nach Bietigheim. Sind die jungen Spieler mitunter zu ungeduldig oder sehen sie keine Chance beim TVB?

Dass uns der eine oder andere junge Spieler verlassen wird, kann man nicht immer verhindern. So ist Jonathan Buck aus unserer zweiten Mannschaft nach Pforzheim gewechselt. In die gleiche Liga, aber für ihn passt das eben besser, weil er in Pforzheim studiert. Max Öhler dagegen haben wir Perspektiven aufgezeigt. Ich denke, ein weiteres Jahr in der A-Jugend hätte ihm sehr gut getan, er hätte zudem eine gute Rolle in der zweiten Mannschaft spielen können. Und in der ersten Mannschaft hätte er angesichts unseres Verletzungspechs in der Vorbereitung auch viel Spielzeit gehabt.

Mit Luis Foege ist plötzlich ein anderes Talent in den Fokus geraten.

Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell ein Spieler in den Bundesligakader reinrutschen kann. Luis spielte vor drei Jahren noch in Ostfildern in der dritthöchsten B-Jugend-Liga, jetzt hat er in der ersten Mannschaft eine ordentliche Vorbereitung gespielt. Er hatte leider Pech, dass er sich verletzte. Ein anderes Beispiel ist Nick Lehmann, der seit der D-Jugend bei uns ist und jetzt fester Bestandteil des Bundesligateams ist.

Kommen wir noch einmal auf das Scouting zurück. Warum ist es sinnvoll, hierfür jemanden zu beschäftigen?

Die Spielerauswahl ist ein immens wichtiger Faktor. Wenn man sich dafür keine Zeit nimmt, ist man auf die Spielerberater und Spielervermittler angewiesen. Normalerweise läuft es so, dass die Berater sich bei Vereinen melden und Spieler anbieten. Wir beim TVB wollen aber dahin kommen, dass wir nicht nur reagieren, sondern aktiv nach bestimmten Spielertypen suchen.

Und wie läuft die Suche in der Praxis? Reisen Sie wochenlang durch Europa?

Nein. In erster Linie schaue ich mir viele Videos an. Das ist ja heutzutage einfach, da die großen europäischen Ligen alle Videoportale haben, bei denen man sich problemlos bedienen kann. In den Videos kann ich oft relativ schnell erkennen, ob ein Spieler für uns überhaupt infrage kommt. Ich schaue mir zwei, drei Spiele an. Wenn ein Spieler dann noch interessant ist, wird intensiver nachgeforscht. Aber natürlich bin ich auch mal unterwegs, neulich war ich in Montenegro oder im Sommer bei der U-21-Weltmeisterschaft in Spanien. Im Video siehst du viele handballerische Fertigkeiten – aber nicht immer, wie ein Spieler auf eigene schlechte Aktionen oder auf Fehler seiner Mitspieler reagiert. Die Gestik, Mimik und darauffolgende Aktionen interessieren mich dann.

Bedeutet das, Sie verlassen sich ausschließlich auf Ihr eigenes Urteil?

Nun, man holt schon noch Informationen ein von Leuten, denen man vertraut. Diesbezüglich ist unser Netzwerk mittlerweile sehr groß. Wir kommen unter anderem über ehemalige Mitspieler, die in leitenden Positionen sind, zu Informationen. Wenn es akut wird, werden wir uns immer mit Spielern treffen. Wir verpflichten niemanden, bevor wir ihn nicht persönlich kennengelernt haben.

Heißt das, dass Sie mit Spielerberatern nicht mehr viel zu tun haben?

Es läuft teilweise immer noch so, dass wir Spieler angeboten bekommen. Dann entscheiden wir, ob wir uns mit dem Spieler ausgiebiger beschäftigen. Ich telefoniere auch regelmäßig noch mit Spielerberatern. Man muss den Kontakt pflegen, sie haben schließlich großen Einfluss auf die Spieler.

Läuft das Scouting über die Saison hinweg immer gleich intensiv?

Es gibt immer akute Themen, wie jetzt auf rückraumrechts, wo wir auf der Suche nach einem Nachfolger für David Schmidt sind. Dann gibt es weniger dringende Themen. Wir müssen aber stets vorbereitet sein, falls etwas Unvorhergesehenes passiert. Oder für den Fall, dass sich auf der einen oder anderen Position etwas ändert, wenn ein Vertrag ausläuft. Wir möchten immer einen Kandidatenpool haben.

Sie arbeiten also quasi prophylaktisch.

Ja, wir führen viele Vorgespräche. Wenn wir einen Spieler im Auge haben für die übernächste Saison, dann teilen wir ihm mit, dass bei uns 2021 vielleicht ein Platz frei werden könnte. Im besten Fall verlängert er seinen Vertrag bei seinem aktuellen Verein dann nur für ein Jahr. Und falls nichts daraus werden sollte, haben wir unseren Hut in den Ring geworfen. Und der Spieler hat schon von uns gehört.

Freut sich der Scout Schweikardt, wenn ein Spieler einschlägt, den er verpflichtet hat?

Ich scoute und mache Vorschläge, aber ich leiste lediglich die Vorarbeit. Die Entscheidung, wer geholt wird, trifft mein Bruder zusammen mit Gesellschaftern.

Wie verführerisch ist es, zu Hause nach- oder aufzuarbeiten? Es hört sich nicht nach einem Acht-Stunden-Bürojob an.

Stimmt, beim Scouting gibt’s eigentlich kein Ende. Man könnte immer ein weiteres Spiel anschauen. Aber zu Hause mache ich das nicht, zumal ich ja abends noch mal mit dem Handball unterwegs bin.

Das ist ein gutes Stichwort. Sie trainieren nebenbei noch den Drittligisten TSB Heilbronn-Horkheim.

Ja, ich wollte schon immer im Trainerbereich arbeiten.

Jugendteams trainieren Sie schon länger, Horkheim ist Ihre erste Station bei einer aktiven Mannschaft. War’s eine große Umstellung?

Zunächst einmal habe ich eine intakte Mannschaft vorgefunden. Der Verein schenkt mir das Vertrauen und lässt mich Dinge ausprobieren, das ist ein gutes Zeichen. So gesehen, war der Einstieg ins Trainergeschäft recht einfach. Den Ablauf, wie ich im Training und im Spiel agiere, hatte ich durch die fünf Jahre als Jugendtrainer beim TVB schon intus. Aber es ist schon etwas anderes, ob ich mit Jugendlichen oder Erwachsenen arbeite, die teilweise gleich alt sind wie ich. Ich bin relativ sachlich rangegangen. Im Training bin ich der Trainer, und es wird das gemacht, was ich vorgebe. Abseits des Trainingsplatzes bin ich, das glaube ich zumindest, der Gleiche geblieben. Ich rede mit den Leuten ganz normal. Es ist nicht so, dass ich mich zu sehr distanziere.

Wie kommt Ihr Coaching bei der Mannschaft an? Gibt’s ein Feedback?

Ich bekomme tatsächlich viele Rückmeldungen von den Spielern. Sie fühlen sich gut vorbereitet auf die Spiele, zudem finden sie das Training abwechslungsreich. Das freut mich natürlich sehr. Aber ich weiß natürlich auch, dass ich mich noch verbessern und darauf achten muss, dass ich Abwechslung reinbringe.

Sie selbst mussten sich in Ihrer 16-jährigen Karriere immer wieder auf neue Trainer einstellen.

So viele waren das eigentlich gar nicht. Ich hatte alleine sechs Jahre Velimir Petkovic in Göppingen und dort zuvor Christian Fitzek, in Melsungen Michael Roth und für ein paar Spiele Matjaz Tominec. Und dann beim TVB meinen Vater, meinen Bruder, Thomas König und Markus Baur.

Acht Trainer, und teilweise sehr unterschiedliche Charaktere.

Ja, das kann man schon sagen (lacht). Doch selbst wenn ich mich mal mit einem Trainer weniger gut verstanden habe, habe ich versucht, von jedem Trainer etwas mitzunehmen. Ich lasse von jedem Trainer etwas einfließen in meine Arbeit, auch von Petkos alter jugoslawischer Schule. Da habe ich positive Dinge in Erinnerung. Ich denke, eine Vielseitigkeit und Mischung ist ganz gut. Nichtsdestotrotz sollte jeder Trainer seinen eigenen Stil haben und nicht versuchen, einen anderen Trainer zu kopieren.

Wie würden Sie sich selbst als Trainer charakterisieren?

Ich bin sehr sachlich im Umgang mit den Spielern und versuche, ihnen schnelle Lösungen aufzuzeigen. Beim Coaching während des Spiels bin ich ein ruhiger Trainer und diskutiere nicht viel mit den Schiedsrichtern.

Sie waren auf dem Spielfeld eher an spielerischen Lösungen interessiert. Spiegelt sich das in Ihrer Mannschaft wider?

Ich versuche grundsätzlich, der Mannschaft Dinge mitzugeben, von denen ich überzeugt bin, dass sie zum Erfolg führen. Das ist nicht an meine eigene Art gekoppelt, wie ich selbst gespielt habe. Das Spiel mit dem Kreisläufer ist aber schon ein beliebtes Mittel von mir – als Spieler wie jetzt auch als Trainer.

Sie verbieten Ihren Spielern aber nicht, aus dem Rückraum zu werfen, oder?

Das werden die Spieler nie aus meinem Mund hören. Ich erwarte ein gutes Entscheidungsverhalten. Ein Spieler muss wissen, was er wann machen muss. Wenn zwei Gegenspieler an mir dran sind, ist nach Adam Riese irgendwo ein Mitspieler frei. Beim Sechs gegen sechs ist das eine relativ einfache Rechnung. Dann will ich lieber einen Pass haben als einen Wurf.

Spielen Sie im Training eigentlich selbst noch mit?

Ja, beim Fußball spiele ich mit (lacht). Sonst werfe ich ab und zu mal aufs Tor, das war’s dann aber auch. Es macht immer noch viel Spaß.


Zur Person

  • Michael Schweikardt (36) spielte in der Jugend und bis 2003 beim TV Bittenfeld und wechselte mit 19 Jahren zum Erstligisten FA Göppingen, wo er sieben Jahre blieb.
  • Nach zwei Spielzeiten bei der MT Melsungen wechselte er 2012 zu seinem Heimatverein zurück.
  • Schweikardt absolvierte 427 Bundesligaspiele (944 Tore), davon 127 für den TVB (306 Tore).
  • Nach der Saison 2018/2019 beendete er seine Profi-Karriere, blieb dem TVB aber erhalten: Er ist für das Scouting und die Anschlussförderung zuständig. Nebenbei trainiert der zweifache Familienvater den Drittligisten TSB Heilbronn-Horkheim.
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