TVB-Trainer Schweikardt im Interview „Deutsche Nationalspieler sind unbezahlbar“

Trainer und Geschäftsführer in Personalunion: Jürgen Schweikardt. Foto: Ralph Steinemann

Die vierte Saison ist die beste des TVB 1898 Stuttgart in der Handball-Bundesliga. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner spricht der Trainer und Geschäftsführer Jürgen Schweikardt über die Pläne des Vereins.

Herr Schweikardt, in den vergangenen Wochen hat es reichlich Bewegung gegeben im Kader des TVB für die kommende Saison. Zwei Positionen sind noch zu besetzen: Linksaußen und Rechtsaußen. Sind Sie bei den Planungen ein Stück vorangekommen?

Die Recherchen laufen fast täglich, aber es gibt nichts, was wir morgen bekanntgeben können.

In der vorigen Saison war der Kader Ende März fix, ehe sich der TVB doch noch von Stefan Salger trennte. Ist aktuell eine ähnliche Überraschung auszuschließen?

Eine Überraschung ist’s natürlich nur dann, wenn man nicht damit rechnet. Also kann man Überraschungen nie ausschließen. Aktuell rechne ich aber nicht damit.

Sieben Spieler werden oder müssen den TVB verlassen. Darunter sind einige, die quasi zum Inventar gehören wie Ihr Bruder Michael, der Kapitän Simon Baumgarten oder auch Tobias Schimmelbauer. Wie schwierig ist es in solchen Situationen, persönliche Beziehungen und Freundschaften mit dem knallharten Geschäftsführer-Job zu vereinbaren?

Klar, das sind sehr schwierige Entscheidungen und Gespräche gewesen. Man muss sich aber immer wieder vor Augen halten, dass man in dieser Funktion verantwortlich ist für den Verein und deshalb an erster Stelle auch an den Verein denken muss. Es waren perspektivische Entscheidungen. Wir – es sind ja auch die Gesellschafter sowie Sven Franzen und Karsten Schäfer involviert – glauben daran, dass das jetzt die richtigen Maßnahmen sind. Und wenn man daran glaubt, muss man es eben auch umsetzen zum Wohle des Vereins.

Das heißt, Sie entscheiden nicht alleine?

Natürlich nicht. Es gibt eine Geschäftsordnung, nach der die Geschäftsführung bestimmte Geschäftsvorfälle absegnen lassen muss. Konkret machen wir Vorschläge, die zur Vorlage an die Gesellschafterversammlung weitergeleitet werden.

In der Regel trennt sich ein Verein von einem Spieler, weil er mit dessen Leistungen nicht zufrieden ist. Bei den oben Genannten trifft dies nicht zu, da gilt eher das Sprichwort: Alter schützt vor Leistung nicht. Schimmelbauer spielt vielleicht sogar seine beste Saison im TVB-Trikot. Waren die Trennungen dennoch alternativlos?

Alternativlos waren sie nicht, es gibt immer verschiedene Wege und Szenarien. Wir haben viel darüber nachgedacht und uns dafür entschieden, dass wir jetzt einen Umbruch einleiten, der uns sowieso in den nächsten Jahren ins Haus gestanden hätte. Tatsächlich ist die aktuelle Leistung ein Entscheidungskriterium. Die Perspektive und die Leistungsentwicklungsmöglichkeiten der Mannschaft sind andere Argumente.

Die Runderneuerung zur neuen Saison fällt ziemlich heftig aus. Haben Sie es in den früheren Jahren verpasst, den Kader altersmäßig so aufzustellen, dass ein Umbruch fließender vonstatten gehen kann?

Ich sehe das nicht so dramatisch. Sicherlich sind sieben Abgänge viel, drei bis vier hatten wir allerdings in der Vergangenheit immer. Das ist normal. Es ist aber keinesfalls so, dass wir die gesamte Mannschaft austauschen. Im 17er-Kader bleiben uns ja noch genügend Spieler erhalten.

Gibt es grundsätzlich einen Altersschnitt, der angestrebt wird? In der neuen Saison liegt er bei etwa 26,5 Jahren.

Intern haben wir da keine Vorgaben, man muss die Konstellation der Mannschaft insgesamt anschauen. Ich denke, wir haben in der nächsten Saison eine gesunde Mischung aus erfahrenen Spielern wie Jogi Bitter, Manu Späth und Dominik Weiß auf der einen und jungen Spielern wie Sascha Pfattheicher, Max Häfner und Samuel Röthlisberger auf der anderen Seite.

In früheren Jahren war der Anteil der ausländischen Spieler beim TVB meist recht gering. Das ändert sich zur neuen Spielzeit: Vier der fünf Neuen sind Ausländer, dazu kommen noch Samuel Röthlisberger und Robert Markotic vom aktuellen Kader. Mutiert der TVB allmählich zur Multi-Kulti-Truppe?

Der Begriff Multi-Kulti ist mir zu negativ besetzt. Für uns ist nicht die Herkunft des Spielers entscheidend, sondern der Charakter und die Leistungsstärke. Ich finde grundsätzlich den Ansatz, nur auf deutsche Spieler zu setzen, nicht mehr zeitgemäß in Zeiten, in denen das Europa, wie wir es haben, nicht mehr selbstverständlich ist. Es ist vielmehr völlig normal, dass die Spieler aus unterschiedlichen Ländern kommen. Natürlich werden wir aber auch in der Zukunft darauf achten, dass wir trotzdem unsere regionale Herkunft repräsentiert wissen. Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass wir uns weiterentwickeln und uns irgendwann mal in Richtung oberes Mittelfeld orientieren wollen. Und je höher man kommt, desto dünner wird die Luft. Es ist dann einfach nicht mehr zu machen, alle Spieler aus der eigenen Jugend oder Region zu holen. Wir müssen europaweit nach den Spielern suchen, die uns helfen und die auf der anderen Seite auch finanzierbar sind. Deutsche Nationalspieler beispielsweise sind unbezahlbar.

Von den fünf Neuen ist den Fans vermutlich nur Patrick Zieker bekannt. Wie kam der Kontakt zu den anderen zustande? Werden Ihnen Spieler angeboten oder scoutet der TVB ausschließlich selbst?

Beides. Natürlich bekommen wir ständig Spieler angeboten. Aber wir scouten auch selbst und haben unsere Kontakte in ganz Europa. So werden wir auf den einen oder anderen Spieler aufmerksam. Ganz unbekannt sind unsere Neuen allerdings nicht. Pesevski war bei der WM, Faluvegi spielte in der Champions League und Lönn im EHF-Cup. Asgeirsson ist da eine Ausnahme, er ist international noch nicht so in Erscheinung getreten.

Gibt’s eine Rangliste der Kriterien bei einer Verpflichtung? Ablöse, Gehaltsvorstellung, Alter, Flexibilität?

Zwei Kriterien stehen an erster Stelle: die Persönlichkeit und die handballerische Leistungsstärke. Wenn beides passt, beschäftigen wir uns intensiver mit dem Spieler. Wir überlegen dann, ob wir ihn uns leisten können.

Wie groß ist hier das Risiko einer Fehlverpflichtung bei eher unbekannten Spielern?

Auch wenn die meisten unserer Neuen internationale Erfahrung mitbringen, heißt das noch lange nicht, dass sie auch in der Bundesliga einschlagen. Bei jeder Verpflichtung spielt auch das Risiko mit, dass vor allem die ausländischen Spieler mit den Gegebenheiten hier nicht zurechtkommen. Das ist nie auszuschließen. Andererseits beschäftigen wir uns lange und intensiv mit den Spielern und sind überzeugt von ihnen, sonst hätten wir sie nicht verpflichtet.

Eine besondere Herausforderung dürfte es sein, einen Schweizer, einen Isländer, einen Ungarn, einen Mazedonier, einen Kroaten, einen Schweden, eine Handvoll Deutsche und ein paar Schwaben zusammenzubringen. Wird die Amtssprache nun Englisch sein?

Die Amtssprache wird Deutsch bleiben, aber am Anfang hilft natürlich auch Englisch. Alle zusammen sind wir Europäer und ich glaube, die Mentalitäten liegen nicht so weit auseinander. Ich denke, es wird eher eine Bereicherung sein, Einflüsse aus anderen Ländern zu bekommen.

Der TVB verliert mit den Abgängen einige Identitätsfiguren. Wer hat das Potenzial, in die Rolle von Baumgarten, Schweikardt, Schagen, Schimmelbauer oder Kraus zu schlüpfen?

Wir verlieren zweifelsohne Identifikationsfiguren. Aber unsere Mannschaft hat, vor allen Dingen mit Jogi Bitter und Manu Späth, nach wie vor zwei, die diese Rolle schon jetzt einnehmen. Auch Dominik Weiß ist schon seit vielen Jahren bei uns. Und auch von den anderen Spielern wird der eine oder andere in diese Rolle hineinwachsen.

  • Bewertung
    1

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!