Udo Jürgens Abrechnung mit der digitalen Welt

Hamburg - Über 900 Lieder hat er komponiert, mehr als 100 Millionen Platten verkauft. Und wer, wenn nicht Udo Jürgens, kann von sich behaupten, mit seinen Liedern jahrzehntelang die wunden Punkte der Gesellschaft angeprangert zu haben?

Jetzt ist der legendäre Entertainer zurück - mit seinem neuen Album "Der ganz normale Wahnsinn". Und das lässt kein gutes Haar an der digitalisierten Welt rund um Facebook, Google Streetview und Twitter.

"Du bist durchschaut" heißt das Lied, in dem Jürgens gegen diese "schöne neue Welt" wettert. Eine Welt, in der jeder alles über jeden weiß, von den auf Facebook veröffentlichten Leberwerten bis zur CD mit den Kontodaten. In der Nachbarn nicht mehr über den Gartenzaun schielen müssen, sondern sich Haus und Garten von nebenan ganz einfach online über Google Streetview ansehen können.

Fanseite bei Facebook

Dass Udo Jürgens selbst eine Fanseite bei Facebook besitzt, auf der er kräftig Rummel für ebendieses neue Album macht, erwähnt er in dem Song nicht. Als moderner Künstler muss man eben Kompromisse eingehen, wenn es um die Werbung für die neue CD geht. Selbst wenn das so ganz und gar nicht zum Inhalt passen will.

Kritik an Facebook und Co. kommt übrigens auch aus anderen Reihen: "Überall sind Kameras, was für 'ne Riesenshow, egal wer meine Daten hat, ich hab' mein eigenes Video" singt die Berliner Band Culcha Candela in "Schöne Neue Welt". Und Cris Cosmo lässt in seinem Lied "Scheiß auf Facebook" verlauten: "Pfeif auf You Tube und auf digitale Freunde auch, das Leben der andern hab' ich langsam satt".

Aber nicht nur die Überwachung und die neuen Möglichkeiten, im Internet seiner Gefühlswelt Ausdruck zu verleihen, passen Jürgens nicht, auch der vermehrte Gebrauch von Anglizismen ist ihm ein Dorn im Auge. So heißt es in "Alles ist so easy": "Wir handeln nicht - wir dealen / Wir fühlen nicht - wir feelen / Wir plaudern nicht - wir chatten / Wir fliegen nicht - wir jetten".

Heuchlerische Spießbürger

Wörter, die zur Zeit von "Ein ehrenwertes Haus" noch nicht in aller Munde waren. Damals beschrieb der Sänger heuchlerische Spießbürger, die es nicht ertragen konnten, unter einem Dach mit einem unverheirateten Paar zu leben. Und mit seinem Hit "Griechischer Wein" zielte er auf die unglückliche Situation von Gastarbeitern in Deutschland ab, die nie richtig integriert wurden.

"Du bist durchschaut" endet mit dem Fazit, es würde uns recht geschehen, dass es keine Privatsphäre mehr gibt. Wir würden schließlich alles mitmachen. Ganz davon ausnehmen kann sich auch Jürgens nicht.

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