Uganda Auge in Auge mit Berggorillas

Eindrückliches Erlebnis: Berggorillas weichen nicht aus, sie suchen Blickkontakt mit den Menschen. Foto: Hannes Schleicher/Gebeco, Markus Grabitz

Uganda - Unter dem Ast einer Akazie irgendwo in der Savanne hängt nur der Kopf einer kleinen Antilope in der Luft. Beim Näherkommen wird deutlich, dass ein hauchdünner Streifen Fell den Kopf mit dem Ast verbindet, auf der anderen Seite des Astes ist auch noch der Schwanz zu sehen. Es kann kein Zweifel sein, dass ein Leopard das Tier getötet und auf den Baum geschleppt hat. Auf dem Ast etwa drei Meter über dem Boden hat die Raubkatze es gefressen, ohne dass ihr die lästigen Weißrückengeier die Beute streitig machen konnten. Den Leoparden selbst haben die Teilnehmer der Safari leider nicht zu Gesicht bekommen. Er ist ein scheuer Einzelgänger. Überwiegend nachts aktiv oder in den frühen Morgenstunden, lauert er in einem Hinterhalt, bevor er zum kurzen Sprint ansetzt und das Beutetier von hinten reißt. Es gibt kaum eine Beschäftigung, die so entspannend ist wie das Beobachten von wilden Tieren in Uganda. 2000 Kilometer, davon mehr als die Hälfte auf Pisten, geht es im Jeep zehn Tage über Land. Uganda hat selbst für ostafrikanische Verhältnisse Safariliebhabern sehr viel zu bieten: Riesige Feuchtgebiete am Nil und die großen Seen, die Nationalparks mit Savannenlandschaften, der tropische, immer feuchte Regenwald in der Ebene und bis hinauf auf 3000 Meter Höhe - in dieser Vielfalt finden viele bedrohte Tiere Zuflucht. Es gibt fast alle spektakulären Exoten. Löwen, Elefanten, Nilpferde, selbst eine Herde Nashörner, die hier ausgerottet waren, wird hochgepäppelt, um sie im Murchison-Falls-Park auszuwildern. Im Vergleich zu Kenia und Tansania gibt es hier weniger Großkatzen.
 

Über 1000 Vogel-Arten sind hier zu Hause

Die Bestände erholen sich erst langsam wieder von den Zeiten der Barbarei unter Idi Amin, in denen viel abgeschossen wurde. Dafür gibt es Juwelen, die anderswo nicht zu sehen sind. Es gibt wohl kein Land Afrikas mit einem derartigen Vogel-Reichtum. Über 1000 Arten sind hier zu Hause. Andernorts in Ostafrika findet eine Safari fast ausschließlich aus dem Auto heraus statt. Aussteigen ist da viel zu gefährlich, allein schon wegen der Löwen. In Uganda ist es anders: Dort kann der Gast - in Begleitung eines Rangers mit seiner AK-47, versteht sich - stundenlang zu Fuß durch die Wildnis streifen und unter fachkundiger Begleitung etwa nach dem Schuhschnabel spähen. Der anderthalb Meter große Vogel - weltweit leben nur noch etwa 8000 Stück - gibt Rätsel auf: So ist unklar, ob er mit anderen großen Vögeln wie Störchen oder Reihern verwandt ist. Der größte biologische Schatz sind die Menschenaffen. Paviane sind weit verbreitet, stellenweise eine Landplage.
 

98,7 Prozent der DNA eines Schimpansen sind identisch mit der eines Menschen

Schimpansen und Berggorillas aber leben nur noch in den streng geschützten Parks. Und es ist aufwendig, sie zu sehen. Das fängt mit den Kosten an. Ein Besuch bei der wildlebenden Schimpansen-Horde im Kibale Park kostet umgerechnet über 100 Euro pro Person. Allein der Marsch durch den Wald in einer Gruppe von acht ist schon ein Erlebnis. Man muss wissen: Einige Schimpansen-Familien aus dem Bestand wurden von Spezialisten daran gewöhnt, Besuch von Menschen zu bekommen. Das Alphamännchen dieser Gruppe heißt Mangeze (Weisheit). Irgendwann kommt er herunter von seinem Baum, setzt sich auf den Waldboden. Es ist, als hielte der Chef der Menschenaffen Hof für die menschlichen Besucher. Bis auf vier Meter dürfen sie sich ihm nähern. 98,7 Prozent der DNA eines Schimpansen sind identisch mit der eines Menschen. Man ist versucht, das Verhalten menschlich zu deuten. Man hüte sich davor, Affen für die besseren Menschen zu halten. Die berühmteste Primatenforscherin der Welt, Jane Goodall, beschreibt in ihrer Biografie, wie desillusioniert sie war, als sie entdeckte, dass die überwiegend vegetarisch lebenden Schimpansen auch zu Kannibalen werden können: Da werden Jungtiere aus der eigenen Horde schon einmal mit einem einzigen Biss in den Kopf im Beisein der Mutter getötet. Mangeze hockt fünf Minuten da, lässt die Blicke und die Knipserei über sich ergehen. Dann beschließt er, dass es reicht, und trollt sich zu seinen „Ministern“, die verteilt auf nahen Bäumen sitzen und uns beobachten.
 

Das Personal in den Nationalparks in Uganda ist am besten ausgebildet

Uganda bekommt gute Noten für die Mühen zum Schutz der Natur. Eine zufällige Begegnung mit Marc, der in Sambia mit der Nationalparkverwaltung zusammenarbeitet und sich in Uganda umsieht. Marc: „Im Vergleich zu Kenia, Tansania und Sambia kann ich sagen, dass das Personal in den Nationalparks hierzulande am besten ausgebildet ist. Der Schutz der Parks vor Wilderern ist hier gut.“ Offensichtlich haben die Verantwortlichen in Uganda besser verstanden als anderswo, dass die letzten freilebenden Menschenaffen ein Kapital sind, mit dem sie wuchern können. Jeder Tourist, der die Berggorillas besuchen will, zahlt für eine Stunde bei den Tieren knapp 650 Euro. Derzeit sind zwölf Gorilla-Gruppen, die im Dreiländereck Uganda, Kongo und Ruanda leben, an diese Besuche gewöhnt. Acht Besucher dürfen sich jeweils auf den bis zu drei Stunden langen Marsch zu den Gorillas machen, von denen es weltweit wieder 880 Stück in der Wildnis gibt. Die Begegnung mit den letzten Berggorillas, die hier seit rund 500 000 Jahren leben, ist ein großes Erlebnis, häufig der dramaturgisch letzte Höhepunkt der Uganda-Safari. Der Silberrücken sitzt etwa drei Meter entfernt, zupft von einem Ast Blätter ab, bohrt in der Nase, isst, was er dort findet und beschenkt seine Besucher mit einem tiefen, dunklen Blick in deren Augen. Irgendwann kullern zwei miteinander spielende Babys beinahe zu Füßen der Besucher durch das Unterholz.
 

20 Prozent der Einnahmen der Nationalparks gehen an die umliegenden Dörfer

Gorillas scheuen den direkten Blickkontakt mit Menschen nicht. Bei Schimpansen ist das anders, sie wenden den Blick ab. Das ist auch besser so: Ihresgleichen fixieren sie mit den Augen, bevor es zum tätlichen Angriff kommt. Und die Menschen in Uganda? Der Gedanke ist gewöhnungsbedürftig: Sie stehen zwar nicht im Mittelpunkt der Safari-Reisen, profitieren aber vom sanften Tourismus bei Gorillas und Schimpansen. 20 Prozent der Einnahmen der Nationalparks gehen an die umliegenden Dörfer. Krankenstationen, Schulen sind dort besser als anderswo. Das Geld hilft, damit der Natur- und Artenschutz eine Chance hat in diesen Gegenden, die unter starkem Bevölkerungsdruck und grassierender Arbeitslosigkeit leiden. Die größte Gefahr für den Bestand der Wildtiere geht nicht von Schmugglern aus, die es auf Elfenbein abgesehen haben. Illegaler Holzeinschlag, Wilderei für den Kochtopf und Giftköder, die Viehhalter gegen Löwen und Hyänen auslegen, sind die größten Bedrohungen. Dabei ist Uganda ein sicheres Reiseland. Die Menschen sind von großer Freundlichkeit und Zurückhaltung. Es stellt kein Risiko dar, bei Tag auf dem Land Anhalter mitzunehmen. Am vorletzten Tag schraubt sich der Jeep zwischen Kanungu und Kabale bei Blitz, Donner und Regen die Berge hoch. Am Wegesrand ein Mann, offensichtlich in Not. Das Auto hält, er bittet darum, mit seiner Frau mitgenommen zu werden zur Hebamme. Seine Frau kann kaum gehen, auf dem Arm hat sie ein Bündel. Fünf Kilometer sind sie von ihrem Haus zur Straße gelaufen. Die Wehen waren schneller. Das Mädchen, ihr fünftes Kind, ist nur in ein Tuch gewickelt. Wie es heißt? Der Vater zögert, kann aber schon wieder scherzen: „Warum nennen wir es nicht ,Am Rande der Straße‘.“ Wo es vor zehn Minuten unter einem Baum geboren wurde.

Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!