Uganda Gib dem Affen Liebe

 Foto: Dominik Asbach
Es ist Dienstagmorgen, sieben Uhr, als Gerald die Stahltür zur Wildnis aufstößt. Sechs Männer und zwei Frauen in grünen Overalls, davon vier ugandische Tierpfleger, der Rest Touristen, treten auf eine Lichtung. Es riecht nach feuchter Erde, Tau liegt auf dem Gras, die Luft ist voll vom Kreischen der Papageien und Webervögel. Vor uns liegt sattes Grün, Baumriesen, überwuchert von Schlingpflanzen – der Regenwald. Hinter uns ein vier Meter hoher Zaun mit Strom führenden Drähten, der die Menschen dahinter vor den Lebewesen schützen soll, mit denen wir jetzt durch den Wald spazieren wollen: Schimpansen.

Ich bin mit einer Touristengruppe auf Ngamba Island, einer Insel im Victoria-See, 23 Kilometer entfernt vom ugandischen Festland. Seit zehn Jahren gehören hier 40 Hektar Regenwald 35 Schimpansen. Es sind Waisen, viele mussten mitansehen, wie ihre Eltern abgeschlachtet wurden, Primatenfleisch gilt in manchen Regionen Afrikas als Delikatesse, Affenkinder lassen sich als Haustiere verkaufen. Die Behörden beschlagnahmen jedes Jahr Schimpansen, die in Körben kaum größer als sie selbst gehalten werden, die abgemagert sind und von ihren Herrchen misshandelt wurden. Auf Ngamba Island haben sie ein neues Zuhause gefunden, ein natürliches. Das Projekt finanziert sich aus Spenden und durch Touristen – auf der Insel gibt es die weltweit einzigartige Möglichkeit, mit einer Gruppe von Schimpansen durch den Regenwald zu ziehen. Nirgendwo kann man – die nötigen Impfungen vorausgesetzt – unseren nächsten Verwandten in der Natur so nahe kommen.

Der Zaun in unserem Rücken trennt den kleinen Teil der Insel, auf dem die Tierpfleger wohnen, von der Welt der Affen. Er ist notwendig, weil Schimpansen, obwohl körperlich im Durchschnitt nur halb so groß wie Menschen, bis zu siebenmal stärker sind als wir. Ein aggressiver Schimpanse kann einen Menschen umbringen.

Das Tor fällt zu, ich knöpfe den Overall auf, nehme aus meiner darunter verborgenen Hüfttasche eine Wasserflasche und trinke einen Schluck. "Was hast du da?" Gerald, der Chef der Tierpfleger, schaut mich bestürzt an. "Eine Flasche mit Wasser", antworte ich. "Die musst du hier lassen – die Schimps werden sie dir wegnehmen und dir damit auf den Kopf hauen." Langsam wird es mir ein bisschen mulmig, die Brille musste ich schon abgeben, mein Halstuch auch. Wie gefährlich ist dieser Ausflug? Ich werfe die Flasche auf die andere Seite des Zaunes.

Zwei Minuten später stehen unsere Wegbegleiter vor uns im hohen Gras: Acht Schimpansen, Jungtiere von den Tierpflegern ausgesucht, weil sie nicht aggressiv gegenüber Menschen sein sollen. Der kleinste Schimpanse, er reicht mir bis knapp über die Kniekehle, kommt auf mich zu, bleibt vor mir stehen. Sein Fell ist dunkelbraun, dicht und struppig. Am Kopf ragen zwei unbehaarte, ziemlich große Ohren heraus – und sein freundliches, schwarz gesprenkeltes Gesicht.

Der Schimpanse blickt mich an aus seinen braunen Augen. "Das ist Nakuu", sagt Gerald. "Sie will mit dir gehen." Ich bin gerührt und aufgeregt. Was soll ich machen? Gerald sagt: "Dreh dich um und geh in die Hocke." Ich tue, was er sagt – und Nakuu schlingt Arme und Beine um mich. Ich spüre ihre behaarten Arme an meinem Hals, ihren warmen Atem in meinem Nacken. Mir wird heiß, sie könnte mich jetzt erwürgen oder mein Genick brechen. Gerald scheint mir meine Gedanken anzusehen, er lacht aus vollem Hals. "Keine Angst, sie will, dass du sie Huckepack nimmst."

Inzwischen ist aus der Schimpansen- und der Menschengruppe eine einzige geworden. Eine Frau führt einen Schimpansen an der Hand, zwei weitere Touristen tragen Affen auf dem Rücken, ich habe wohl Glück gehabt. Ein Mann hinter mir hat einen deutlich größeren Affen abgekriegt. Wir gehen einen schmalen Pfad entlang, der durch den Regenwald führt, ein Zweig versperrt mir auf Kopfhöhe den Weg, ich bücke mich – und spüre wie Nakuu sich Schutz suchend an meine Rücken schmiegt, wie ein Kind. Ich spüre ein tiefes Glücksgefühl, würde Nakuu am liebsten drücken. Es ist ein skurriles Bild: Wir Menschen gehen, einige bepackt mit Schimpansen, den schmalen Pfad entlang. Links und rechts von uns zieht die Horde der übrigen Affen mit Geschrei durchs Unterholz.

Dann gibt es einen riesigen Krach. Aikuru, ein Schimpansenweibchen, springt auf einen toten Baum, der kahl und ohne Äste am Wegesrand steht. Das Holz biegt sich weit in Richtung Boden, schnellt zurück – und bricht, der Affe wird ein paar Meter weiter auf den Boden geschleudert. Wüstes Geschrei – aber Aikuru steht sofort wieder auf und bespringt einen kleinen Baum. Äste knicken ab. "Sie sind keine nachhaltigen Bewohner des Regenwalds, unsere Schimps." Gerald schüttelt den Kopf. "Wenn sie hier draußen übernachten und sich jede Nacht einen Schlafplatz einrichten würden, wäre vom Wald bald nichts mehr übrig." Auf Ngamba kommen die Schimpansen jede Nacht freiwillig in den Käfig. Dort warten Essen – was auf der Insel wächst, könnte nur zwei Schimpansen ernähren – und Hängematten. Aber jetzt ist Tag und sie machen den Regenwald unsicher. Zumindest für Dominik, den Fotografen. Yoyo, ein neunjähriges Weibchen, hat sich an ihn herangeschlichen – und greift blitzschnell nach dem Objektiv. Dominik schreit, zieht die Kamera weg – zwei Tierpfleger springen ihm zu Hilfe und verjagen die Schimpansen. Ab jetzt geht einer hinter und einer vor Dominik, um die Kamera zu schützen.

Ich bin erschöpft, setze Nakuu auf dem Boden ab. Sie macht ein paar Schritte, greift eine Liane – und schwingt sich zu ihren Artgenossen in den Wald. Wenige Minuten später, Licht am Ende des Regenwald-Tunnels – vor uns liegt die Weite des afrikanischen Meeres: der Victoriasee. Ein leichter Wind kräuselt die Wasseroberfläche, ein weißes Passagierschiff fährt in der Ferne vorbei. Weit weg ist der Außenbordmotor eines Fischerbootes zu hören – und ganz in der Nähe das Geschrei der Affen, hoch, durchdringlich, hektisch. Sie haben einen an die 40 Meter hohen Feigenbaum mit weit ausladendem Astwerk erobert, auf dem sie herumtollen und um Früchte streiten. Wir rasten ein paar Minuten am Ufer, dann gehen wir wieder los – nach wenigen Metern sind die Schimpansen an unserer Seite. "Für sie sind wir eine Gruppe", sagt Gerald. "Deshalb folgen sie uns." Ich habe mich erholt und gehe in die Knie, um Nakuu Huckepack zu nehmen. Ich wende ihr den Rücken zu, doch nichts passiert. "Jetzt will sie nicht mehr", sagt Gerald. Ich drehe mich wieder um zu ihr, sie streckt mir die Hand hin: glatte, helle Haut, dreigliedrige Finger, Fingernägel – wer einmal einem Schimpansen die Hand gegeben hat, weiß, dass uns Menschen nicht viel von ihnen unterscheidet. Nakuu die Hand zu geben ist, als ob ich einem Kind die Hand reichen würde – und genauso verhält sie sich auch. Jetzt hat sie eben keine Lust auf Erwachsene und spielt lieber mit ihren Freundinnen.

Wir gehen weiter und schließlich zurück. Irgendwann stehen wir wieder an unserem Ausgangspunkt vor dem Zaun. Gerald nimmt Nakuu auf den Arm, krault ihr das Fell. Dann lässt er sie auf den Boden herab, packt ihre linke, bedeutet mir, ich solle ihre rechte Hand nehmen. Wir schaukeln sie hoch und höher, sie quietscht vor Vergnügen. Ich gebe Nakuu noch einmal die Hand. Sie schaut mich an, den Mund geöffnet – und lächelt. Was für ein wunderbares Tier. Ich winke ein letztes Mal, dann folge ich Gerald durch die Stahltür. Wir Menschen kommen ins Gehege – und die Schimpansen bleiben in der Freiheit. So ist das auf Ngamba.

Info Ngamba Island ist eine ugandische Insel im Victoriasee, 23 Kilometer entfernt von Entebbe, wo sich auch der internationale Flughafen befindet. Entebbe wird von KLM, SN Brussels Airlines und Emirates angeflogen, Flüge ab 750 Euro. Eine Überfahrt nach Ngamba dauert 50 bis 90 Minuten (Tipp: unbedingt mit dem langsamen Boot fahren, weil die Überfahrt schöner ist).

Um die Infektionsgefahr für die Schimpansen beim "Forest Walk" zu verringern (menschliche Krankheiten können für Menschenaffen lebensbedrohlich werden), müssen Besucher Impfungen gegen Hepatitis A und B, Masern, Meningokokken, Gelbfieber, Polio und Tetanus nachweisen (die meisten sind für Afrika-Besucher ohnehin Pflicht oder werden empfohlen). Außerdem muss man als Besucher belegen, dass man aktuell nicht an Tuberkulose erkrankt ist.

Der Spaziergang mit den Schimpansen durch den Regenwald kostet 300 Euro. Der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle für das Schimpansenreservat. Das Ngamba-Island Chimpanzee Sanctuary wird maßgeblich von der deutschen Abteilung des Jane Goodall Instituts in München finanziert. Übernachtung 180 Dollar im Luxus-Zelt mit Blick über den Victoria-See und Vollpension. Veranstalter: In Uganda: Wild Frontiers Uganda (G&C Tours Ltd), http://www.wildfrontiers.com oder http://www.wildfrontiers.co.ug. In Deutschland: AST African Special Tours, Telefon 0 61 01 / 49 90 00, http://www.ast-reisen.de. Globetrotter Select, Telefon 08171 /99 72 72, http://www.globetrotter-select.com.

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