Umwelt China hat Probleme mit Staudamm

Der Drei-Schluchten-Staudamm Foto: AP

Chongqing - Am Drei-Schluchten-Staudamm häufen sich die Warnzeichen. Am gestauten Jangtse rutscht die Erde ab, das Klima ändert sich, Schiffe können im Nebel nicht fahren. Die Umsiedler finden in den Städten selten Arbeit. Jetzt räumt Peking erstmals Probleme ein.

Nebel liegt auf dem Jangtse, er bedeckt die Ufer und zieht Schlieren durch die Städte nahe des Drei-Schluchten-Staudamms. Der Bau hat Chinas längsten Fluss auf einer Strecke von 650 Kilometer gezähmt – ein See mit der doppelten Fläche des Bodensees. Am Horizont ziehen Fischerboote, Hochhäuser, riesige Baustellen und Karsthänge vorbei. Es ist ein vielfältiges, scheinbar harmonisches China – gebe es nicht die Schneisen, die das Berggeröll bis zum Jang­tse gefressen hat. Das Donnern liegt den Bewohnern noch immer in den Ohren.

Lawinen als Folge der Feuchtigkeit

Fünf Jahre nach Fertigstellung des wohl strittigsten Bauwerks der Welt häufen sich die Warnzeichen. Die gestauten Wassermassen haben die Luftfeuchtigkeit in der Gebirgsregion steigen lassen, das Gestein an den Hängen saugt sich voll. Vor kurzem ging wieder eine gewaltige Lawine ab, erzählen die Einheimischen, in den Staatsmedien blieb sie unerwähnt. Bereits im April dieses Jahres rutschten gar 3,6 Millionen Kubikmeter Erde herunter – damit könnte man auf dem Stuttgarter Schlossplatz eine Pyramide in der Höhe des Fernsehturms errichten. An den Ufern und vor den Staumauern haben sich Giftstoffe und Müll abgesetzt. Oft sind es noch Überbleibsel der Häuser und Fabriken, die das Wasser verschluckt hat.

Hunderte Städte und Dörfer versanken im Wasser, als der Pegel im Jangtse-Oberlauf erst auf 135 Meter, dann auf 156 und schließlich auf 175 Meter stieg. Offiziell wurden 1,3 Millionen Menschen umgesiedelt und dabei allein 1600 Schulen und mehr als 600 Fabriken aufgegeben. Dennoch verheißen die Plakate am Aussichtspunkt bei Yichang nur Vorteile: Elektrizität mit ökologischer Wasserkraft. Überflutungsschutz für den mittleren Jangtse. Bessere Schifffahrtswege für Industrie und Touristen. Die Sicht darauf gleicht einer Mondlandschaft, in die ein eifriger Riese Strommasten steckte und gewaltige Schleu­sen fallen ließ. Und dann schrieb: „Das chinesische Volk führt ein epochales grandioses Wasserbauprojekt durch.“

Die Anwohner

Wang Zhi (27) ist ein schmaler, leiser Mann des Volks, doch mit einer eigenen Sprache. Vor einiger Zeit habe er die drei Schluchten erkundet, sagt er, zu Fuß, mit dem Motorrad und zu Boot. Bei Familien habe er übernachtet, herzliche Leute seien das, die meisten von ihnen Umsiedler. „Kaum einer von ihnen wollte die Heimat verlassen, vor allem die ­Alten nicht.“ Die Erlebnisse haben ihn geimpft gegen die Parolen aus Peking, sagt er – lieber vertraue er seinem eigenen Verstand. Und der sagt ihm auch, dass er seinen wirklichen ­Namen nicht gedruckt sehen will.

Wang wohnt in der Sechs-Millionen-Me­tropole Chongqing, die durch den gezähmten Fluss Anschluss gefunden hat an die Meere der Welt. Am Ufer spiegelt sich das Opernhaus auf dem Wasser, es wirkt wie ein zerschnittenes Schiff, ein spektakulärer, symbolischer Bau. Doch die Symbole fassen die Wirklichkeit nicht, sagt Wang: Ganzjährig sollten die großen Schiffe nach Chongqing fahren, propagierte die Regierung, stattdessen müssen vor allem die kleineren Frachter flussabwärts ankern. Ihnen fehlt das technische Gerät, um durch den zähen Nebel zu gleiten. Viel häufiger als zu seiner Kindheit bilde der sich, das Wasser fließt langsamer und verdampft deshalb stärker, sagt Wang. „Der Nebel hindert selbst die großen Touristenschiffe an der Weiterfahrt.“

Die Umsiedlerin

Es sind Schiffe wie die „Jangtse zwei“: 400 Passagiere, 160 Bedienstete, überall Luxus. Die Kreuzfahrten sind weniger spektakulär als früher, weil das Wasser gestiegen ist und die Schluchten nicht mehr so gewaltig wirken – doch das sagen die Reiseleiter nur unter der Hand. Drei Viertel der Gäste sind bereits Chinesen, die Wirtschaft im Land brummt, die Mittelschicht feiert bei einem Drink an der Panorama-Bar den neuen Wohlstand. Summer (21) schenkt ihnen nach, sie trägt einen englischen Namen, damit sich auch die Ausländer heimisch fühlen. Den Stausee hat sie bisher nur aus der Ferne gesehen. Zwei Monate lang fährt sie die Strecke zwischen Yichang und Chongqing, vier Tage flussauf-, vier Tage -abwärts. Sie studiert Tourismus-Marketing, von ihrer Universität haben noch mehr als ein Dutzend angeheuert, das lindere die Langeweile. Immer wieder passiert sie ihren Geburtsort. Einige der Gebäude ragen noch aus dem Wasser, verwittert und grau.

Summers Leben erzählt auch vom Damm, so wie das der meisten Anwohner. Bei ihrer Geburt ist der Damm bereits geplant. Als sie 11 ist, erreicht das Wasser ihre Heimat Fengje, eine Stadt mit 920 000 Einwohnern, die ersten von 80 00 ziehen um. Mit 13 folgt Summer mit ihrer Familie hangaufwärts: „Das neue Haus war schöner“, sagt sie, „aber die Umgebung auch gefährlicher. Immer wieder rutschte die Erde ab.“ Dabei legt sie den Kopf etwas schräg, man solle ihren richtigen Namen bitte nicht nennen. Einmal kam der Präsident in die Mittelschule, erzählt sie weiter, die Schüler wurden streng ausgewählt. Die Politiker-Reden habe sie noch im Ohr. „Den Umsiedlern wurde Geld versprochen – aber viele haben es bis heute nicht bekommen.“

Die Bauern

Offiziell siedelten 1,3 Millionen Menschen um, so viel Einwohner wie Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim und Ulm zusammen haben. Summers Familie hatte noch Glück: Die großen Städte entstanden hangaufwärts fast eins zu eins neu. Die Eltern gingen weiter zur Arbeit, Kinder behielten ihre Schulfreunde. Doch die Bauern mussten ihre Heimat verlassen, viele versuchten mit der Entschädigung von rund 30 000 Yuan (3500 Euro) in Chongqing ihr Glück – wenn korrupte Beamte sie nicht betrogen. Doch wie sich wehren, wenn man schlecht lesen und schreiben kann?

In Chongqing beginnt das neue Leben meist mit der günstigen Mietwohnung, doch schon bald reicht das Ersparte nicht. Für einen guten Job fehlt die Ausbildung, Felder sind in der Betonwüste nicht zu bestellen. Die Frauen gehen putzen oder bedienen in den Restaurants, die Männer arbeiten auf dem Bau oder in den Fabriken. Die Lastenträger versammeln sich vor den großen Kaufhäusern und Schiffen: gebückt gehende Männer, die auf einen Bambusstab ein Gewicht laden, das ihr eigenes erreicht. Überall haben sie ihren Stab dabei – in der Stadt heißen sie nur die „Stangenarmee“. Ein Teil der Armee hat bei den Behörden protestiert, manche bekamen danach tatsächlich etwas Geld. Denn die Lage der Bauern bereitet auch Peking Sorgen, man befürchtet Ausschreitungen.

Die Politiker

Chinas Regime hat mit dem neuen Fünfjahresplan eine neue Nachdenklichkeit dokumentiert, die Jagd nach Superlativen scheint vorbei. Von „Nachhaltigkeit“ ist die Rede. „Schneller ist nicht immer auch besser“, sagte Premierminister Wen Jiabao, als dieses Jahr in Ostchina ein Hochgeschwindigkeitszug verunglückte. Man könnte hinzufügen: größer auch nicht. Denn im Mai dieses Jahres räumte Wen erstmals Probleme mit dem Damm ein. Es bestehe Handlungsbedarf bei der Unterbringung der Umgesiedelten, zudem habe der Staudamm „negative Einflüsse“ auf die Umwelt, ließ er über die staatliche Nachrichtenagentur mitteilen. Bis 2020 wolle man den Lebensstandard der Umgesiedelten und der Flussanwohner erhöhen.

Dass das nicht immer Gutes verheißt, wissen viele Anwohner schon jetzt. Um weitere Erosionen zu verhindern und die Luft zu verbessern, soll am Rand des Stausees ein Grüngürtel entstehen. Dafür müssen weitere 300 000 in den nächsten Jahren ihre Häuser verlassen. Der Staudamm-Kritiker Wang Zhi hat seinen Platz gefunden: eine 80-Quadratmeter-Wohnung in Chongqing, die er noch abbezahlen muss. Er sei nicht gegen die Regierung, betont er abermals – aber gegen die Unvernunft. „Jede Sache hat zwei Seiten – das sollte man sagen dürfen.“

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