Unfall auf B 29 in Schorndorf Gericht: Den Tod eines Menschen verschuldet

Neben diesem Fahrzeug stand der Mann, der am frühen Morgen des 11. Oktober 2018 von einem heute 61-jährigen Mercedes-Fahrer auf dem Beschleunigungsstreifen im Bereich der Auffahrt Schorndorf-West mit etwa 90 Stundenkilometern angefahren, ein paar Meter von seinem Wagen entfernt in den Straßengraben geschleudert und dabei so schwer verletzt wurde, dass er noch an der Unfallstelle verstarb. Foto: Benjamin Beytekin (Archiv)

Schorndorf.
Egal ob ein Angeklagter vor Gericht die Wahrheit sagt oder nicht (was er darf) – am schwierigsten ist die Wahrheitsfindung, wenn er schweigt. So wie ein der fahrlässigen Tötung angeklagter 61-Jähriger, der am frühen Morgen des 11. Oktober 2018 den Tod eines Autofahrers verschuldet hat, der mit einem Fahrzeug, das einem Bekannten gehört hat, auf dem Beschleunigungsstreifen der B-29-Auffahrt Schorndorf West liegen geblieben war und sich außerhalb des Kleinwagens der Marke VW Fox aufhielt, als er frontal vom Mercedes des Angeklagten erfasst wurde. Aber wie konnte das passieren?

Die Frage, warum der bei dem Unfall getötete dreifache Familienvater das Fahrzeug etwa 35 Meter vor Ende des Beschleunigungsstreifens abgestellt hatte, spielte für Richterin Petra Freier, die Staatsanwältin und den Nebenklagevertreter nicht mehr die entscheidende Rolle. Sehr wohl aber beim Verteidiger, der in seinem Plädoyer gleich mehrere Pflichtverstöße des Opfers auflistete und allenfalls ein ganz geringes Verschulden seines Mandanten sah, weshalb er diesen auch freigesprochen sehen wollte. Demgegenüber beschäftigte sich das Gericht, unterstützt von einem Dekra-Gutachter, vor allem mit der Frage, ob und wie das morgens kurz vor 6 Uhr auf dem Beschleunigungsstreifen stehende Fahrzeug beleuchtet war und ob der 61-Jährige das Fahrzeug nicht auch dann hätte rechtzeitig erkennen können, wenn es nur schwach oder gar nicht beleuchtet war. Und genau dieser Meinung, dass der Unfall in jedem Fall vermeidbar gewesen wäre, wenn der Unfallverursacher aufmerksamer gewesen und seinen Blick, wie’s von einem guten Autofahrer unabhängig vom Versuch, in den fließenden Verkehr einzufädeln zu wollen, erwartet werden kann, auch nach vorne gerichtet hätte, war das Gericht. Weshalb der Angeklagte zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt wurde, die aber, wohl zunächst einmal nicht rechtskräftig werden dürfte.

Lkw-Fahrer sah das spätere Unfallopfer ohne Licht fahren

Dazu hatte der Verteidiger zu detailversessen insistiert, als der Gutachter seine allerdings nur sehr bruchstückhaft auch von Zeugen, darunter auch Polizeibeamte, bestätigten Ausführungen zur Beleuchtungssituation des liegen geblieben Fahrzeugs machte. Unabhängig davon, dass nicht abschließend geklärt werden konnte, welche Lämpchen nun wie geleuchtet haben, stimmten alle Zeugen darin überein, dass die Beleuchtung funzelig-schwach war. Und als der blaue VW Fox bereits vor dem Unfall einem Lkw-Fahrer im Tuscaloosa-Kreisel auffiel, da soll das spätere Unfallopfer trotz der frühmorgendlichen Dunkelheit sogar noch gänzlich ohne Licht unterwegs gewesen sein. Weshalb er, so der Lkw-Fahrer, auch per Lichthupe versucht habe, den Lenker des blinden Pkw auf sein Versäumnis aufmerksam zu machen. Als er wenig später an dem auf dem Beschleunigungsstreifen stehenden Fahrzeug vorbeigefahren sei und noch überlegt habe, ob er anhalten solle, habe ihm der da noch im Auto sitzende Fahrer per Handzeichen signalisiert, er solle weiterfahren.

„Nicht jeder hätte sich so umsichtig verhalten, wie Sie das getan haben“, lobt Petra Freier diesen Zeugen ebenso wie zwei weitere, die hinter dem 61-jährigen Unfallverursacher bereits auf die B 29 eingefädelt hatten und es dann neben sich plötzlich krachen hörten. Beide fuhren nicht etwa weiter, wie es viele andere getan hätten, sondern hielten an, um die Unfallstelle abzusichern und gegebenenfalls Erste Hilfe zu leisten. Was nicht möglich war, weil der Pkw-Lenker nicht in seinem Fahrzeug und auch im nahen Umfeld der Unfallstelle zunächst nicht aufzufinden war. Später entdeckte ihn dann eine Polizeibeamtin etwa 15 Meter von der Unfallstelle entfernt im Graben. Freilich kam jede Hilfe zu spät: Der Verunglückte erlag noch an der Unfallstelle einem offenen Schädelhirntrauma.

„Das Maß des Verschuldens liegt nicht am untersten Rand“

„Entweder Sie waren unaufmerksam und/oder schneller, als es die Sichtverhältnisse erlaubten“, hielt Richterin Petra Freier dem Angeklagten in der Urteilsbegründung mit Blick auf die vom Gutachter errechnete „Anstoßgeschwindigkeit von 90 bis 100 km/h“ vor. In seiner Vermeidbarkeitsberechnung war der Gutachter zum Schluss gekommen, dass der Mercedes-Fahrer zunächst einmal 200 Meter freie Sicht auf das Ende des Beschleunigungsstreifens hatte und selbst ein unbeleuchtetes Fahrzeug aufgrund der Rückstrahler und des angestrahlten weißen Kennzeichens spätestens aus 150 Meter Entfernung hätte erkennen können. Selbst mit einer Reaktion 85 Meter vor der Gefahrenstelle wäre der Aufprall noch zu vermeiden gewesen – und ein Ausweichen nach links auf die rechte Spur der B 29, wo nach Angaben der hinter dem 61-Jährigen fahrenden Zeugen ausreichend Platz gewesen wäre, wäre noch 40 Meter vor der Kollision möglich gewesen. Unter diesen Umständen sei sie nicht bereit, dem Opfer im Sinne der Verteidigung eine Schwere der Mitschuld in dem Maße zuzurechnen, dass sich im Umkehrschluss ein Freispruch für den Angeklagten ergebe. Ganz im Gegenteil: Das Maß des Verschuldens des 61-Jährigen, der während der ganzen Verhandlung kein einziges Wort – auch nicht zu seinen persönlichen Verhältnissen und zu eigenen Verletzungen – sagte und auch die ihm von der Richterin pflichtgemäß eingeräumte Gelegenheit zum „letzten Wort“ ungenutzt verstreichen ließ, bewege sich „nicht am untersten Rand“, sagte Petra Freier. Als Bewährungsauflagen verhängte sie weitere vier Monate Führerscheinentzug, die allerdings ebenso erst in Kraft treten, wenn das Urteil rechtskräftig wird, wie die Verpflichtung, an jedes der drei Kinder des Unfallopfers eine Art Schmerzensgeld in Höhe von 2000 Euro zu zahlen.

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