Ungewöhnliche Hobbys Korber macht aus alten Teilen Steampunk-Kunst

Aus alt mach neu: Oliver Marc Dürr (43) aus Korb setzt Gegenstände aus vergangenen Zeiten zu futuristisch anmutenden Kunstwerken zusammen. 

Wenn man in das Dachgeschosszimmer eintritt, in dem Oliver Marc Dürr seine Werkstatt eingerichtet hat, kommt man sich vor, als wäre man gerade aus einer Zeitmaschine gestiegen. Alles steht voller alter Holzmöbel, die mit staubigen Büchern und historischen Fotoapparaten gefüllt sind. An den Wänden hängen Streichinstrumente, Blechschilder und Waffen, die längst keinem mehr gefährlich werden können. Und wer hat bitteschön noch eine Wanduhr zuhause?

Bei genauerem Hinsehen bemerkt man skurrile Details: Die Wanduhr ist überhaupt keine Uhr, sondern eine Lampe. Der Vorderlader auf der Kommode  (der übrigens aus dem Jahr 1870 stammt) hat einen Klavierleuchter als Zielfernrohr. Das Gewehr daneben endet in einer Klarinette. Aus dem Bücherregal starrt einem ein mit allerlei Drähten und Schrauben gespickter Schädel entgegen, von dessen Augen ein eigentümliches Licht ausgeht. "Wie in einem Harry-Potter-Film", fasst der Hobbybastler den ungewöhnlichen Anblick zusammen.

Inspiriert von Jules Verne und DMAX

Apropos Filme: Als Kind hat der heute 43-Jährige gerne die Adaptionen von Jules-Verne-Klassikern wie "20 000 Meilen unter dem Meer" und "Reise zum Mittelpunkt der Erde" angesehen. Er war fasziniert von der Mischung aus veralteter Technik und Science-Fiction, hatte aber keine Schublade dafür. Dann, vor ein paar Jahren, sah er eine Sendung auf DMAX, in der Schrottsammler aus einer alten Schreibmaschine eine Computertastatur bastelten. In diesem Beitrag hörte er zum ersten von Steampunk und klemmte sich sofort hinter den Computer. Acht bis zehn Stunden saß er vor dem Bildschirm und saugte alles in sich auf, was das Internet zu diesem Thema hergab. "Ich hatte vorher einfach kein Wort dafür", erinnert sich der Korber. Schnell reifte in ihm die Überzeugung: Das will ich auch machen.

"Manche kaufen sich im Spielzeugladen eine Plastikpistole, kleben zwei Zahnräder dran, bemalen das Ganze mit Bronzefarbe und schreien 'Hurra, Steampunk!', erzählt der Korber. Das finde er zwar völlig in Ordnung, sein eigener Anspruch aber sei ein anderer. Dürr war Fahrradmechaniker, hat Waschmaschinen zusammengeschraubt und sieben Jahre im Baumarkt gearbeitet. Handwerklich ist er also fit auch wenn er für sein Hobby vieles Neues lernen musste. Doch das meint er gar nicht. Wenn der 43-Jährige von seinem Anspruch spricht, dann spricht er vom Material.

Wichtig ist die Geschichte dahinter

Dürr ist gewissermaßen ein Schatzsucher. Ständig stöbert er alte Gegenstände auf. Meistens über das Internet, manchmal auch auf Flohmärkten. Dreißig, vierzig, fünfzig Jahren sollen die Stücke, de er letztlich auswählt, schon auf dem Buckel haben. Dann darf es auch mal etwas mehr kosten. "Die Geschichte hinter den einzelnen Teilen ist fast das Wichtigste", sagt er. "Wenn sie schon etwas gesehen haben von der Welt, und das durch die Optik auch transportieren, dann wird es interessant." Wenn jemand dagegen künstlich versuchen würde, einen Gegenstand älter aussehen zu lassen, als er ist, merke er das sofort.

Wenn alle Teile da sind, legt er los. Dann wird gewerkelt, geschraubt und gelötet, dann sprühen die Funken. Was genau dabei herauskommen soll, ist ihm zu Beginn meistens selbst noch nicht klar. Er nimmt die alten Stücke in die Hand, betrachtet sie, baut sie auseinander und irgendwann sieht er etwas darin. Ein bisschen wie beim Schnitzen. Dann ist für ihn zum Beispiel plötzlich offensichtlich, dass der obere Teil einer Nähmaschine aussieht wie ein Schultergelenk. Ein andermal können seine Assoziationen dagegen völlig abstrakt sein. "Es muss nicht alles unbedingt Sinn ergeben", meint Dürr. "Es soll am Ende cool aussehen, technisch aussehen. Authentisch. Was zum Hinstellen".

Der Traum vom Maschinenmenschen

So wie die Teile, aus denen sie entstehen, erzählen auch Dürrs Kunstwerke eine Geschichte. Sie erzählen von unzähligen Arbeitsstunden, von einer großen Fantasie und vom Erfolg, etwas erschaffen zu haben. Natürlich freue er sich auch darüber, wenn seine Werke anderen gefallen. Doch in erster Linie bastelt er für sich selbst. Wenn der 43-Jährige von seinem Hobby spricht, blitzt der Entdeckergeist der alten Jules-Verne-Filme in ihm auf: "Wenn ich einen fertigen Gegenstand betrachte, und daran immer wieder neue Details bemerke das ist das Größte."

Die Werkstatt in der Korber Dachgeschosswohnung steht niemals still. Vor Kurzem hat Oliver Marc Dürr sein bisher größtes Projekt in Angriff genommen: Er will zwei "lebensgroße Maschinenmenschen" bauen, "bei denen auch die Organe aus alten Teilen bestehen." Ein aufwendiges Unterfangen, das ihn vermutlich noch Jahre beschäftigen wird. Was kann es für einen Hobbybastler schöneres geben?


Steampunk was ist das?

Steampunk ("steam" = englisch für "Dampf") entstand im engeren Sinne in den 80ern als literarische Strömung, die Science-Fiction mit den technischen Errungenschaften vergangener Epochen kombinierte. Inspiriert wurden die Autoren dabei von den Zukunftsvisionen eines H. G. Wells ("Die Zeitmaschine") oder den Büchern des bereits genannten Jules Verne. Der Begriff leitete sich von einem kurz davor aufgekommenen Genre ab, in dem sich die Zukunft als digitales, statt als mechanisches Zeitalter darstellte: dem Cyberpunk. Heute bezeichnet Steampunk im erweiterten Sinne sowohl eine bestimmte künstlerische, retrofuturistische Ästhetik, als auch die damit verbundene Subkultur.

Tipps für Neueinsteiger

Das Wichtigste ist Zeit, meint Oliver Marc Dürr. "Wenn man sich keine Zeit nimmt, dann sieht man das später und umgekehrt." Außerdem sollte man sich keinen allzu großen Kopf machen, wenn man nicht jedes Detail im Voraus sorgfältig geplant hat. "Vieles passiert erst beim Bauen", versichert der Korber. Und, für Ordnungsfanatiker und Allergiker vielleicht ein Ausschlusskriterium: "Staub gehört dazu."

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