Unser Verein Brieftauben: Die Rennpferde des kleinen Mannes

Der Beinsteiner Stefan Vitez (67) findet alle seine Tauben sehr schön und unterscheidet nicht zwischen ihnen. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen-Beinstein. Geheime Botschaften, die auf kleine Zettelchen geschrieben und zusammengerollt per Brieftaube versendet werden – das ist längst Vergangenheit. Heute werden Brieftauben hauptsächlich für Wettflüge gezüchtet. Der Brieftaubenzüchterverein „Stauferbote“ befasst sich seit mehr als 50 Jahren mit dieser Sportart – und ist in Waiblingen allerdings vom Aussterben bedroht.

Man muss eine gute Beziehung zu den Tauben haben, sagt Stefan Vitez. „Mit ihnen kann man gut schwätzen.“ Der 67-Jährige ist Erster Vorsitzender des Vereins „Stauferbote“ – somit auch einer der wenigen Mitglieder, die sich an einer Hand abzählen lassen. Viele sind aus privaten oder berufliche Gründen ausgetreten, andere sind gestorben. „Damals, als viele dabei waren, hat es mehr Spaß gemacht“, sagt der Waiblinger. Früher habe es auch eine aktive Vereinsarbeit gegeben. An Wettbewerben kann Stefan Vitez dennoch teilnehmen, weil er beim Verband der Reisevereinigung Stuttgart Mitglied ist. Die Flugwettbewerbe, auch Auflässe genannt, organisiert die Reisevereinigung und schreibt die Bedingungen vor, die dabei einzuhalten sind. Dazu gehört unter anderem die sogenannte Beringung der Brieftauben.

Tauben werden mit Ringen gekennzeichnet und registriert

Der 67-Jährige schnappt sich eine seiner Tauben und deutet auf die zwei Ringe, die jeweils an den Füßen des Vogels angebracht sind. Auf dem einen Ring sind die Vereinsnummer, der Jahrgang des Vogels und die laufende Nummer zu sehen. „Wenn die Taubenjungen fünf bis sechs Tage alt sind, werden sie beringt.“ So wird jede einzelne Taube gekennzeichnet, digital registriert und kann jederzeit dem Züchter zugeordnet werden. Diese Regelung gilt es nicht nur bei Flugwettbewerben einzuhalten, sondern generell. Der zweite Ring ist innen mit einem GPS-Chip ausgestattet und außen mit dem Namen und der Telefonnummer des Brieftaubenzüchters versehen. Stefan Vitez betont, dass keine Taube ohne eine Telefonnummer fliegen darf.

Während des Gesprächs mit der Zeitung wird dem Waiblinger per Anruf eine zugeflogene Taube gemeldet. Er notiert sich die Nummer und wird den Züchter ausfindig machen – das gehört als Vereinsvorsitzender zu seinen Aufgaben.

Während Schautauben aus 500 Meter Entfernung nicht mehr zurückfinden können, sei es bei den Brieftauben ganz anders, sagt Vitez. „Die Brieftauben besitzen einen angeborenen Orientierungssinn.“ „Tauben müssen die Gegend erkunden und sich daran gewöhnen.“ Mit einem frühen Training werden sie auf Flugwettbewerbe vorbereitet. Und so geht’s: Damit sich die Vögel an etwas orientieren können, wird ein Gegenstand aus dem Käfig ins Freie gestellt, zu dem die Taube zurückfliegen soll. Die Entfernung beginnt mit einem Kilometer und nimmt mit jeder Übungseinheit zu.

2003 regionaler Meister beim Flugwettbewerb

Bei den Wettbewerben geht es mit einem Lkw des Verbands der Reisevereinigung zum Austragungsort. Der Waiblinger reise meistens mit etwa 35 Tauben zum Wettbewerb. „Von dort aus fliegen die Tauben heim“, erklärt Vitez. Über den Chip wird die Flugzeit erfasst und mitverfolgt, welcher Mitstreiter als Erstes zu Hause ankommt.

„Eine Brieftaube kann bis zu 150 Kilometer pro Stunde fliegen. Sie meiden wegen Greifvögeln den Wald, überfliegen Straßen und freie Wege“, schildert der Waiblinger das Flugverhalten. Die Tauben richten sich nach dem Wind. Gegen den Wind fliegen sie langsamer, mit Rückenwind schneller. Dabei hat Vitez in den vergangenen Jahren etwas Interessantes beobachtet: „Die Weibchen sind viel zäher und können mehr Strapazen aushalten – die sind heimsicherer.“ Und ergänzt: „Die Familie hält immer eine Frau zusammen.“

Sehr gerne erinnert sich Stefan Vitez an seine regionale Meisterschaft im Jahr 2003. Seine Brieftaube ist als Erste und Schnellste heimgeflogen und habe den Titel nach Hause geholt. „Zwölf Einsätze und zwölf Preise“, sagt er stolz.

Gartenhütte zu Taubenschlag umgebaut

Früher ist der Beinsteiner Kleintierzüchter gewesen und hatte Kaninchen gezüchtet. Wenige Zeit später erkannte er, dass bei solchen Wettbewerben nicht die Leistung, sondern das Äußere eine Rolle gespielt hat. „Das sind unverhältnismäßige Wettbewerbe“, findet er. Daher wandte er sich von diesem Hobby ab und entdeckte vor etwa 30 Jahren den Brieftaubensport für sich. Er bezeichnet sie als „Rennpferd des kleinen Mannes“.

„Ich hänge sehr arg an meinen Tauben, wenn ein Habicht kommt, dann bin ich schon traurig“, sagt er. „Damit muss man auch leben.“ Sein Blick schweift durch die Gartenhütte, die er zu einem großen Käfig, auch Taubenschlag genannt, gestaltet hat. Jede seiner Tauben kenne er, nur bei den Jungen werde es etwas schwierig, gesteht der Waiblinger.

  • Bewertung
    1

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!