Unsere Feuerwehr Aufgabe ist Stress für Familie und Psyche

Waiblingen. Stell dir vor, es ist Weihnachten. Der Gänsebraten steht duftend auf dem Tisch, unterm Christbaum liegen die Geschenke, alle freuen sich – und dann geht der Piepser. Das Familienfest ist gelaufen, und im Einsatz sehen der Feuerwehrmann oder die Feuerwehrfrau womöglich schlimme Bilder, die sie nicht so schnell vergessen werden.

Video: Die Belastung bei der Feuerwehr ist hoch - körperlich und psychisch.

Einsatzkraft bei der Feuerwehr – das ist in der Regel kein Beruf, wie viele Leute immer noch glauben. Die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr leisten ihren Dienst aus freien Stücken für die Gemeinschaft. Müssen nicht nur wie alle Eltern Familie und Beruf vereinbaren, was oft schon schwer genug ist. Hinzu kommen die Einsätze, die Kraft, Nerven und Zeit kosten. Wohl kein anderes Ehrenamt, so viel Stunden es auch kostet, bringt solch eine Belastung für die Einzelnen und ihre Angehörigen mit sich. Und nur die Führungskräfte wissen, was sie erwartet, wenn der Piepser sie mal wieder ins Feuerwehrhaus ruft.

Wenn die Grillparty mal wieder ohne den Gastgeber steigt

Die Situation an Weihnachten haben alle schon erlebt, die ein paar Jahre dabei sind. Es wirkt fast gesetzmäßig: „Der Alarm kommt immer genau dann, wenn alles schön hergerichtet ist, nicht davor und nicht danach“, meint Florian Müller, stellvertretender Kommandant der Abteilung Beinstein. Oder man hat eine Gartenparty für die Freunde vorbereitet, und just im Moment, da der Chef-Griller die Steaks auflegen will, muss er schleunigst weg. Wenn er Stunden später zurückkehrt, ist die Party vorbei. „Ein großes Problem ist die Unplanbarkeit“, ergänzt Abteilungskommandant Jürgen Aldinger. Anders als etwa der Fußballer weiß der Feuerwehrler nicht, wann sein „Spiel“ angepfiffen wird und wie lange es dauert. „Du musst immer einen Plan B und C in der Tasche haben“, erzählt Florian Müller – und einer dieser Pläne heißt oft „Oma und Opa“. Sogar beim Sonntagsspaziergang mit der Familie empfiehlt es sich, zwei Schlüssel mitzunehmen, denn wer weiß schon, ob alle gemeinsam nach Hause kommen.

Früher mussten alle die Helden spielen, die nichts umhaut

Wenn doch, dann liest ein Feuerwehr-Papa den Kindern später eine Gutenachtgeschichte vor – und muss von einem Moment auf den nächsten los, noch dazu erklären, warum. Dann zackig ins Auto und in Richtung Feuerwehrhaus. Jürgen Aldinger: „Plötzlich bist du in einen komplett anderen Film geworfen.“ Wohnungsbrand statt heile Welt. Führungskräften wird abverlangt, in solchen Szenenwechseln kühlen Kopf zu bewahren und auf die Einsatzkräfte Ruhe auszustrahlen. Der Hobbyradler nimmt’s sportlich: Dieses Umschalten sei ein gutes Training, von dem er auch im Beruf profitiere. Abwesenheitszeiten im Beruf müssen in der Regel nachgeholt werden. Etliche Stunden arbeitete Florian Müller schon nachts, nachdem die Familie zu Bett gegangen war. Und wenn ein Einsatz beendet ist, müssen die Ehrenamtlichen wieder auf den Job-Modus umschalten. Eine Rückkehr zur Normalität, die oft eine halbe bis dreiviertel Stunde benötigt.

Du musst jedes Spiel gewinnen

Als Training lassen sich überdies die Übungen der Feuerwehr verstehen. Doch im Gegensatz zum Kicker oder Handballer gilt hier: „Du musst jedes Spiel gewinnen.“ Umso wichtiger, dass der Feuerwehrmann seine Strategie in der Brandbekämpfung, den Umgang mit der Technik und seine Verhaltensregeln verinnerlicht hat: „Im Einsatz funktionierst du einfach.“ Atemschutzträger gehen dann mit 20 Kilo Ausrüstung, eingepackt bis an die Augen durch dunkle, komplett verrauchte Gebäude, die sie nicht kennen, um Menschen zu retten, während der Brand sich ausbreitet. „Das ist der maximale Stressfaktor“, sagt Sebastian Kölz, Abteilungskommandant in Hohenacker. „Da ist es besonders wichtig, dass die Dinge, die man in Übungen immer durchnimmt, wie das taktische Vorgehen im Brandrauch, automatisch ablaufen.“

Hilfe vom Notfallseelsorger

Oktober 2013, Fronackerstraße. Explosion und Wohnungsbrand. Ein Mann stirbt, Atemschutzträger finden den leblosen Körper. Eine Frau wird vor Ort reanimiert. Das ist einer der Einsätze, die kein Beteiligter vergisst, die einen in den Tagen und Wochen danach, womöglich länger, aufwühlen. Hier kann die Feuerwehr Waiblingen jederzeit auf die professionelle Hilfe des Notfallseelsorgers Timo Stahl zurückgreifen, der früher bei den Einsatzkräften war und jetzt als Pfarrer in Tübingen tätig ist.

Erinnerungen beherrschen lernen

„Du darfst dich von diesen Erinnerungen nicht beherrschen lassen“, sagt Nick Bley, Abteilungskommandant Waiblingen, sondern musst sie zu beherrschen lernen“. Einfach verschwinden werden sie nicht. Hilfreich für die Einsatzkräfte ist das Wissen, nichts falsch gemacht zu haben. Solche Erlebnisse werden mit der Mannschaft nachbesprochen und -bearbeitet. Viel mehr als früher, als der Feuerwehrmann der harte Held sein musste, den nichts umhaut, und als psychische Belastungen einfach verleugnet wurden. Der Trupp, der ins Haus in der Fronackerstraße ging, hat den Vorfall intensiv und gut verarbeitet, berichtet der Abteilungskommandant. Seelsorgerische Hilfe brauchten auch zwei Kameraden, die nach einem Frontalunfall am Bittenfelder Kreisel mithalfen. Einer steht wieder im Dienst, der andere macht seitdem keine Einsätze mehr. Die denkbar schwerste Bewährungsprobe für die Waiblinger war der überraschende Todesfall eines Kameraden, den sie selbst zu bergen hatten. Da war die seelsorgerische Hilfe nötiger denn je.

Notfallseelsorge

Nach einem Brand mit Verletzten oder nach der Hilfe bei einem schweren Verkehrsunfall zwei Nächte nicht schlafen zu können oder den Ort eines solchen Unfalls zu vermeiden, das sind „normale Reaktionen auf ein unnormales Geschehen“, sagt der Notfallseelsorger Timo Stahl.

Er war als Diakon im Remstal tätig, gab Reli-Unterricht am Staufer-Gymnasium und gehörte mehrere Jahre der Waiblinger Feuerwehr an. Heute ist er Gemeindepfarrer in Tübingen – und ehrenamtlicher Feuerwehrpfarrer.

Solche Belastungsreaktionen kann der Seelsorger mit Einzelnen und dem Team bearbeiten. Dabei wird zum Beispiel erklärt: Wie lassen sich diese vielen Puzzleteile von Bildern und Erinnerungen ordnen, das Chaos im Kopf bändigen? Oft hilft das Verbalisieren beim Einordnen, können Kameraden fehlende Puzzleteile liefern. Helfen kann auch Ruhe, sich etwas Gutes tun, Musik hören. Selbst das gegenständliche Sortieren zum Beispiel der Werkbank oder Garage kann das Einordnen von Erlebnissen, die mit dem Alltag nicht vergleichbar sind, unterstützen.

Sollten sich Belastungsreaktionen zu posttraumatischen Belastungsstörungen verhärten, ist eine therapeutische Behandlung angezeigt.

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