Unsere Feuerwehr Geschützt vor Giftgas und Viren

Waiblingen/Winnenden. Es gibt sie also doch, die grünen Männchen. Sie kommen nicht vom Mars, sondern vom Gefahrgutzug der Freiwilligen Feuerwehr. Er wird gerufen, wenn Gifte wie Chlorgas oder Ammoniak austreten. Mit ihren Schutzanzügen sehen die Einsatzkräfte aus, als wären sie aus dem Virenthriller „Outbreak“ entsprungen.

Video: Unsere Feuerwehr Teil 8 Michael Pflüger von der Feuerwehr Winnenden erklärt uns wie die Feuerwehr bei Gefahrgut vorgeht.

Wobei von Springen keine Rede sein kann. Unbeholfen und langsam wirken die Bewegungen der Anzugträger. Die schwere Ausrüstung macht den Gang in den kleinen Raum am Waiblinger Hallenbad, in dem die Chlorgasflaschen lagern, zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Nach nur 20 Minuten unter Atemschutz und luftdichter Verpackung werden ihre Haare und Poloshirts komplett durchgeschwitzt sein wie nach einem Dauerlauf im Hochsommer. Selbst einfache Kommunikation fällt durch die Schutzhelme schwer. Über ein Ventil kann die ausgeatmete (Pressluftflaschen-) Luft entweichen, sonst würde sich der Anzug aufblähen wie ein Ballon. Wo immer der Gefahrgutzug mit voller Montur übt, macht sich Beklemmung, ein unheimliches Endzeit-Gefühl breit. Ein Radfahrer, der beim Fototermin für die Zeitung zufällig vorbeifährt, bleibt konsterniert stehen und erkundigt sich unsicher, was den vorgefallen sei. Andere suchen mit kaum weniger besorgter Miene lieber gleich das Weite. Doch diesmal war keine Gefahr im Verzug, nur eine kleine Übung, wenn auch mit realitätsnahem Hintergrund: Die Stadtwerke haben für alle Schwimmbäder Chlorgas-Alarmpläne erstellt. Aus Sicht der Feuerwehr eine ideale Einsatzvorbereitung für schnelles und sicheres Eingreifen.

Einsatzort wird im Radius von 100 Metern abgesperrt

Zuletzt kamen die Leute mit den grünen Schutzanzügen in Waiblingen vor vier Jahren zum Einsatz, als im Keller des Direktionsgebäudes der Kreissparkasse giftiges Ammoniak-Gas austrat. Dabei spielten sich mitten in der Stadt Szenen wie aus einem Katastrophenfilm ab, verletzt wurde niemand. Jährlich hat der Gefahrgutzug der Feuerwehr Winnenden, der als Spezialeinheit kreisweit für Ernstfälle zur Verfügung steht, etwa drei bis fünf Einsätze. Meistens dann, wenn etwa nach Unfällen größere Mengen Benzin oder Öl ausgelaufen sind. Das hört sich vielleicht nicht unbedingt nach viel Arbeit an, ist es aber doch, wenn man bedenkt, dass die Einsatzkräfte diese Sonderaufgabe zusätzlich zum normalen Feuerwehrdienst erfüllen, einschließlich aller erforderlichen Übungen und Fortbildungen. In Person von Andreas Hofer und Dennis Pennekamp hat auch die Feuerwehr Waiblingen Gefahrgut-Experten in ihren Reihen, aber für größere Einsätze wird immer die besser ausgerüstete Truppe aus der Nachbarstadt dazu alarmiert.

Naturgemäß ist die örtliche Feuerwehr schneller zur Stelle, und bis die Spezialeinheit eintrifft, legen die Waiblinger nicht die Hände in den Schoß, sondern verfahren nach der bundesweit gültigen GAMS-Regel: Gefahr erkennen, absperren, Menschen retten, Spezialkräfte alarmieren. Zum Schutz der Bevölkerung wird der Einsatzort in einem Radius von 100 Metern abgesperrt. Bei der Einteilung der Gefahr gilt das ABC – atomar, biologisch und chemisch. Von den betreffenden Stoffen können Gefahren der Inkorporation, der Kontamination und der gefährlichen Einwirkung von außen ausgehen. Zur Begriffserklärung: Inkorporation heißt die Aufnahme gefährlicher Stoffe in den Körper. Von Kontamination spricht die Feuerwehr bei Verunreinigung von Böden, Gewässern, Pflanzen, Tieren und Gegenständen. Eine „gefährliche Einwirkung von außen“ ist zum Beispiel Radioaktivität.

Eine Gefahrentafel am Transporter gibt Stoff und Risiken an

Womit sie es zu tun hat, kann die Feuerwehr bei Gefahrgut-Transporten an der orangefarbenen Gefahrentafel erkennen, die in Nummern den Stoff und seine Risiken benennt. Etwa 1203 für Benzin und 33 für leicht entzündlich. Doch bei weitem nicht immer steht auf einem Gas oder einer Säure drauf, um was es sich handelt. Dann beginnt manchmal das große Rätselraten - und aus Sicherheitsgründen wird immer von der höchsten Schutzstufe ausgegangen. Nicht immer läuft es so glimpflich ab wie bei einem vermeintlichen Nitroglyzerin-Fund in einer alten Scheune. Statt um Sprengstoff handelte es sich um harmloses Glyzerin, das wohl als Frostschutzmittel gedacht war.

Immer gilt bei Gefahrgut-Einsätzen die Devise: „Es darf nichts austreten, was wir nicht im Griff haben“, wie der Winnender Kommandant Michael Pflüger sagt. In Zweifelsfällen rufen die Einsatzkräfte einen Chemiker als Fachberater hinzu. Zur Ausrüstung der Winnender gehören säurebeständige Edelstahlpumpen ebenso wie Blasenbehälter, die bis zu 20 000 Liter Flüssigkeit vorübergehend zurückhalten können. Der kann zum Beispiel benötigt werden, um einen umgekippten Tanklaster leer zu pumpen, bevor er aufgerichtet und geborgen wird.

ABC-Zug Backnang

Zusätzlich ist im Rems-Murr-Kreis ein sogenannter CBRN-Erkundungswagen bei der Feuerwehr Backnang stationiert. CBRN bedeutet: chemisch/biologisch/radiologisch/nuklear. Der CBRN-Erkunder dient zum Aufspüren, Messen und Melden von radioaktiven und chemischen Quellen sowie kontaminierten Gebieten.

Darüber hinaus verfügt er über Gerätschaften zur Probennahme. Als einziges Fahrzeug dieses Typs im Rems-Murr-Kreis rückt es als Bestandteil des Gefahrgutzugs zu Einsätzen im gesamten Landkreis aus.

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