Unsere Feuerwehr Rauch ist gefährlicher als Flammen

Waiblingen. Ob ein Hochhaus in Flammen steht oder jemand an einem Papiercontainer gezündelt hat: Wo immer es in Waiblingen brennt, ist die Freiwillige Feuerwehr gefragt. Im zweiten Teil unserer Serie geht’s um eine der größten Gefahren, die Einsatzkräfte und Hausbewohner bei der Brandbekämpfung zu gewärtigen haben: giftigen Rauch.

Video: Markus Fried erklärt die Gefahr von Brandrauch.

270 Einsätze hatten die Ehrenamtlichen der Waiblinger Feuerwehr 2015, bei etwa einem Drittel davon handelte es sich um Brände. Im September 2015 brannten bei Beinstein 800 Strohballen, durchs Untere Remstal zog sich bald darauf ein beißender Lagerfeuer-Geruch. Im Juni hatte die Wehr ein größeres Feuer in einer mehrgeschossigen Garage mit ausgebautem Dachstock in Neustadt zu löschen. Beim Eintreffen der Einsatzkräfte erhellte ein roter Feuerschein den Neustädter Nachthimmel, Fenster waren geborsten und die Dämmung der Gebäudefassade war weggeschmolzen. Eine kilometerweit sichtbare Rauchsäule stand im November 2013 über Hegnach, als eine mit Matratzen gefüllte Lagerhalle brannte. Solche Einsätze hat die Feuerwehr zum Glück nicht alle Tage. Keiner, der dabei im Einsatz war, vergisst sie.

Wie ein 100-Meter-Lauf bei 39 Grad Fieber

So spektakulär die Brände auch sind, die Feuerwehrleute müssen einen kühlen Kopf bewahren und mit rationaler Strategie vorgehen. Der Truppführer leitet die Erkundung des Einsatzorts. Die teilt sich in der Theorie in vier Etappen auf: Nach dem ersten Blick auf das Geschehen (Frontalansicht) werden Bewohner und Nachbarn befragt. Sie können Anhaltspunkte liefern, ob und wo sich jemand im Haus befindet. Es folgen Innenansicht: Ist das Treppenhaus zugänglich oder verraucht? Und Gesamtansicht: Gibt es weitere Zugänge zum Gebäude? Oberste Priorität hat die Rettung von Menschen. Der Atemschutztrupp dringt zuerst ins Innere vor. Handelt es sich um einen Kellerbrand, können parallel die Löscharbeiten beginnen.

Schon während der Fahrt rüstet sich der Angriffstrupp vollends aus. Die Männer prüfen noch einmal, ob die Atemmaske dicht ist. Das Einatmen von Brandrauch ist lebensgefährlich, schon nach drei Atemzügen kann Bewusstlosigkeit eintreten. Weil der Rauch nach oben steigt und unten weniger dicht ist, gehen die Einsatzkrätze tief in die Hocke, auch etwa beim Treppensteigen. Jeder trägt ein Gerät mit sich, das in regelmäßigen Abständen piepst und immer lauter tönt, wenn sich jemand länger als einige Sekunden nicht bewegt – das ist der sogenannte „Totmannmelder“.

Unter erschwerten Bedingungen tragen die Feuerwehrleute 20 Kilo Ausrüstung mit sich. Versorgt werden sie im giftigen Qualm durch ihre Pressluft-Atemgeräte. Körperlich wird ihnen dabei einiges abverlangt, der regelmäßige Komplettcheck von Augen, Ohren, Lunge und des Herz-Kreislauf-Systems durch einen Arzt, mit dem die Feuerwehr zu diesem Zweck eine Extra-Vereinbarung getroffen hat, ist Pflicht für jeden Atemschutzträger. Sie sind außerdem dazu aufgerufen, sich fit zu halten und regelmäßig Sport zu treiben. „Wir haben auch viele äußerst sportliche Leute bei der Feuerwehr“, konstatiert Gesamtkommandant Jochen Wolf. Der Einsatz im Atemschutztrupp lasse sich von der Belastung her in etwa vergleichen mit einem 100-Meter-Lauf bei 39 Grad Fieber. Die Feuerwehr selbst wartet mit einem speziellen Sportangebot auf: „Fit for Firefighting“. Trainiert werden können Atemschutz-Einsätze zum Beispiel im Übungsturm des neuen Neustädter Feuerwehrhauses, der zu Übungszwecken schnell mit Disconebel verraucht werden kann und auch mit einer Steigleitung fürs Löschwasser ausgestattet ist, wie sie bei Einsätzen in hohen Gebäuden genützt werden.

Temperaturen von 600 und 700 Grad können in einem brennenden Gebäude entstehen. „Das spürt man“, versichert Daniel Herzog, Atemschutzträger von der Abteilung Bittenfeld. Die Einsatzkleidung schützt, aber bei extremen Verhältnissen natürlich nur bedingt. Jacke und Hose sind mit einer Art Luftpolster gefüttert, die Hitze abhalten. Bei entsprechend hohen Temperaturen färbt sie sich rotbraun-orange. „Wenn das passiert, dann nichts wie raus.“ Die Stiefel der Feuerwehrleute haben oben und unten Stahlkappen als Schutz gegen heiße Materialien sowie Nägel und andere scharfe Gegenstände. Und zu den Helmen, die im Dunkeln fluoreszieren, gehört ein Nackenschutz, damit keine Asche von oben in die Kleidung fallen kann.

Eine wichtige Rolle besonders bei größeren Einsätzen spielt der Lage- und Dokumentationsdienst der Abteilung Hegnach. Auf einer Skizze des Einsatzorts wird die Position jedes beteiligten Fahrzeugs markiert. Außerdem, wo ein Brand welchen Ausmaßes im Gang ist, wo Verletzte versorgt werden und wo Leitungen zur Wasserversorgung gelegt wurden. So haben die Führungskräfte die Situation immer im Blick – und auch der Oberbürgermeister und die Presse bekommen hier zuverlässige Informationen.

Brandrauch-Fakten

70 Prozent der Hitze, sagen Feuerwehrleute, stecken im Rauch. Mit Hochleistungslüftern werden nach einem Brand betroffene Gebäude entraucht.

Heiße Brandgase, Rauch und Qualm sind fast immer die Todesursache, bevor Flammen überhaupt wirksam werden können.

Eine zehn Kilo schwere Schaumgummimatratze aus einem Kinderbett verwandelt sich in 25 000 Kubikmeter Rauch. Dies entspricht dem Volumen von 30 Einfamilienhäusern.

Die Zusammensetzung des Brandrauchs hängt davon ab, was brennt. Besonders häufig kommen als Bestandteile vor: Kohlendioxid, Kohlenmonoxid, Ruß, Chlorwasserstoff, Blausäure, Stickoxide, Schwefeloxide, Dioxine. Quelle: rauchmelderpflicht.eu

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