Waiblingen/Schorndorf/Winnenden. Muslime hören den Begriff „Islamismus“ nicht gern. Enthält er doch den Namen ihrer Religion, die sie nicht mit radikalem Fanatismus oder gar Terrorismus in einen Topf verrührt sehen wollen. Islam bedeutet für sie Hingabe, Harmonie und Frieden. Doch „Islamisten“ gab es vereinzelt auch bei uns im Kreis. Ob es weiterhin welche gibt, ist schwer zu ermitteln.

Frustrierend

Wie der Islam missbraucht wird

Es war einer dieser frustrierenden Tage für den Schorndorfer SPD-Gemeinderat Yalcin Akgün, im November 2006, als er noch offiziell im Namen der Islamischen Gemeinde zu Schorndorf e.V. im Hammerschlag für den interreligiösen Dialog verantwortlich war. Offen und herzlich hatten sie die zehn Besucher der evangelischen Gemeinde Miedelsbach empfangen, erklärt, erläutert, beteuert. Dennoch bekamen sie von einzelnen Besuchern immer wieder den Terror und den Wahn von „Islamisten“, Selbstmordattentate mit unschuldigen Opfern und all die kriegerischen Auseinandersetzungen in der islamischen Welt an den Kopf geworfen.

Bis schließlich dem geduldigen Yalcin Akgün der Kragen platzte: „Wir haben die Nase voll, immer mit Sachen in Verbindung gebracht zu werden, mit denen wir nichts zu tun haben“. Man solle endlich aufhören, dem Islam als Religion Untaten anzudichten, die einzig und allein in menschlichen Verfehlungen oder Fehldeutungen des Korans begründet lägen, so Akgün weiter.

„Die Menschen kommen manchmal mit so viel Vorurteilen auf mich zu, dass ich abends ins Bett gehe und meiner Frau sage: Du, ich glaube, wir kommen mit der Arbeit, die wir hier in Schorndorf tun, keinen Schritt weiter“, verzweifelte Akgün.

Ist auch der Begriff „Islamismus“ schon so ein Vorurteil, eine unrechtmäßige Vermischung von Islam und Radikalismus? „Wünschenswert wäre es schon, hier das Wort Islam aus dem Begriff rauszukriegen“, sagt Akgün heute, „weil ich denke, dass all diese extremistischen Gruppen den Islam definitiv falsch auslegen.“ Akgün ist aber Realist genug, um zu wissen, dass sich der Begriff schon zu sehr im allgemeinen Sprachgebrauch eingenistet hat.

Gleichwohl sieht Akgün rückblickend die Früchte der Dialogarbeit: „Wir sind riesige Schritte vorangekommen. Die Bürger von Schorndorf und Umgebung wissen, dass wir nichts mit Extremismus am Hut haben“, sagt Akgün. Rund 600 Führungen, dazu ungezählte Dialogveranstaltungen, interreligiöse Besuche und Gegenbesuche, Offene Türen und dergleichen hätten nachhaltige Wirkung gezeigt.

Und in Richtung religiöser Fanatiker findet Yalcin Akgün damals wie heute deutliche Worte: „Wir wollen die nicht und wir haben mit denen auch nichts zu tun. Der Gesetzgeber ist hier gefordert, durchzugreifen und gegen diese Leute vorzugehen.“

„Islamisten“ oder „Fanatiker“ – ihre Spuren lassen sich auch im Rems-Murr-Kreis finden. Darunter war womöglich sogar einer, der hin und wieder im Hammerschlag betete, sich freilich aber woanders für den „Heiligen Krieg“ anwerben ließ. Oder war er nur ein frommer „Romantiker“, zutiefst unzufrieden mit seinem Leben, der Glaubensbrüder in Not helfen wollte und bereit war, für eine mutmaßlich „höhere Sache“ zu sterben? – wie es aus seinem ehemaligen Umfeld verlautete.

Heiliger Krieg

Ein Schorndorfer starb im Kaukasus

Im Oktober 2002 erschütterte eine Nachricht die Bürger von Schorndorf. Die Nachricht von zwei Leichen. Die hatten russische Militärs 25 Kilometer südwestlich der tschetschenischen Hauptstadt Grosny geborgen. Bei ihnen fanden sich die Pässe des Neu-Ulmers Mevlüt P. und des Schorndorfers Tarek B.. Nach Darstellung der Russen waren sie „ausländische Kämpfer“ gewesen, die in den Reihen tschetschenischer Rebellen gegen die Russen gekämpft hatten. „Islamistische Terroristen“ also, oder eben Widerstandskämpfer und „Heilige Krieger zur Verteidigung des Islam“ (Mudschaheddin), je nachdem, welche Seite die Sprachregelung vorgibt. In einem Feuergefecht am 8. Oktober 2002 sollen sie ums Leben gekommen sein.

Ende Oktober erschien in den Schorndorfer Nachrichten eine Todesanzeige der Hinterbliebenen, mit einem Zitat Mohammeds: „Die Menschen schlafen, aber wenn sie sterben, erwachen sie.“ Tarek B. stammte aus Tunesien und hinterließ eine deutsche Ehefrau und deren Familie, seinen Bruder und dessen Familie sowie viele Freunde und Bekannte in Schorndorf, die ihn alle sehr schätzten. Keiner davon hat sich bislang so geäußert, als habe er gewusst, dass Tarek B. in den Heiligen Krieg ziehen wollte oder dass er sich habe radikalisieren lassen. Er sei ein verträumter Typ und sanftmütig gewesen und mochte Kinder.

Er hatte zwar nicht den typischen Salafisten-Bart, aber ein frommer Muslim war er schon. Es betete regelmäßig, aß kein Schweinefleisch und duldete keine bildlichen Darstellungen von Menschen in seiner Wohnung. Zuletzt fühlte er sich religiös eher in der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ („Nationale Lösung“) in der Heinkelstraße 27 heimisch, lud sogar in deren Namen zum Tag der Offenen Tür ein. Dort in der Heinkelstraße gab es einst auch noch den später verbotenen „Kalifatstaat Islamischer Verein“. Ob Tarek B. auch dorthin Kontakte hatte, bleibt Spekulation.

Das Schicksal des Tarek B. – es ist kein Einzelfall: „Zehn bis 20 Freiwillige ziehen jedes Jahr von der Bundesrepublik aus in den weltweiten Heiligen Krieg“, zitierte Der Spiegel damals, 2002, Geheimdienstkreise. Und auch noch im aktuellen baden-württembergischen Verfassungsschutzbericht steht: „Für das Jahr 2011 gehen die Sicherheitsbehörden von mindestens 20 Personen mit Deutschlandbezug aus, die sich in Terrorcamps im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet aufhielten oder aufhalten.“ Die Internetplattform „Islamische Bewegung Usbekistan“ mit deutschsprachiger Zielgruppe bilanzierte Ende 2011 stolz, dass im Laufe des Jahres 87 Märtyrer im „Heiligen Krieg“ gefallen seien, darunter auch ein deutscher „Bruder“ aus Essen.

2002, im selben Jahr, in dem Tarek B. in Tschetschenien starb, wurde ein Weinstädter Aktivist des Kalifatstaats beim versuchten Grenzübertritt vom Irak in den Iran mit Spendengeldern festgenommen und als deutscher Staatsbürger nach Deutschland zurück abgeschoben. Was er dort wollte, bleibt bis heute schleierhaft.