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Unsere Moscheen Der Streit um die Beschneidung

Schorndorf. Zur religiösen Tradition der Juden und Muslime gehört die Beschneidung der männlichen Nachkommen. Diese Praxis ist umstritten und ein Urteil des Kölner Landgerichtes im Mai wertete dieses Praxis als Körperverletzung, was eine heftige Debatte auslöste. Freimütig und offen antwortete das Schorndorfer Ehepaar Müre und Nuri Ari, das vor kurzem seine beiden Söhne beschneiden ließ, auf unsere Fragen.

Übermorgen diskutiert der Bundestag einen neuen Gesetzesentwurf zur Regelung der Beschneidung aus religiösen Gründen. Das war nötig geworden, seit nach dem Urteil des Kölner Landgerichts die Wellen hochschlugen. Nachdem es bei einem vierjährigen Jungen nach der Beschneidung zu Blutungen kam, wurde ein Arzt in Köln wegen Körperverletzung angeklagt. In erster Instanz wurde er freigesprochen. In der Revision des Urteils stellte das Gericht eine Körperverletzung fest. Der Chirurg selbst wurde zwar aufgrund eines „unvermeidbaren Verbotsirrtums wieder freigesprochen, die allgemeine Verunsicherung blieb. Viele Ärzte hörten mit dem Eingriff auf.

„Völlig unverständlich“ ist für den Schorndorfer Versicherungskaufmann Nuri Ari diese Diskussion gewesen, die es seitdem in den Medien gegeben hat. „Das ist ein Ritual, das es seit Jahrhunderten gibt“, sagt er und fügt hinzu: „Es gibt deutsche Ärzte, die sich darauf spezialisiert haben. Es wird von Fachärzten operiert. Es ist nicht wie vor 200 Jahren. Die Hygienevorschriften werden eingehalten und es wird mit Betäubung gemacht“. Das sei selbst in Anatolien so. „Ich kenne keine Familie, die es ohne Chirurgen macht.“

„Fast täglich“, sagt Dr. Andreas Hartwig, werde er von muslimischen Eltern aus der Region angerufen, die bei ihm eine rituelle Zirkumzision, so der Fachausdruck, an ihren Söhnen durchführen möchten. Als aber das Kölner Urteil publik wurde, „da habe ich keine Beschneidungen mehr gemacht“, erklärt der 61-jährige Arzt, der in Bad-Cannstatt eine eigene Praxis für Kinderchirurgie führt. Seit 37 Jahren habe er jährlich zwischen 10 bis 15 rituelle Beschneidungen durchgeführt. Komplikationen gab es bisher keine.

Bei Vollnarkose oder örtlicher Betäubung

„Das passiert aber bei Kindern, die nicht in chirurgische Einrichtungen gebracht werden.“ Der Eingriff geschieht bei Vollnarkose oder örtlicher Betäubung. „Es hängt von den Eltern ab, ob und wie die Kinder vorbereitet werden. Die schreien dann nicht und haben keine Schmerzen.“

„Da wo medizinisch keine Indikation vorliegt, sollte man es auch nicht tun“, ist zwar seine private Meinung zu rituellen Beschneidungen, „aber man sollte sich da auch nicht einmischen. Das sind jahrtausendealte Traditionen. Man kann nicht sagen: ab heute nicht mehr und fertig!“ Würde man so vorgehen, befürchtet er „Beschneidungen im Hinterhof oder auf dem Küchentisch; oder es wird einen Beschneidungstourismus ins Ausland geben“. Wird der Eingriff fachgerecht durchgeführt, so Dr. Hartwig, „heilt das normalerweise nach sieben bis zehn Tagen ab“. Die Kosten der Beschneidung werden natürlich privat abgerechnet und belaufen sich auf 300 Euro.

Auch bei Saim (5) und Selim (2), den beiden Söhnen der Aris, verlief alles gut. Müre Ari erzählt, wie sie in einer Cannstatter Klinik zuerst ein Vorgespräch mit dem Arzt hatten. Beim Beschneidungstermin selbst bekamen die Kinder vom Anästhesisten zuerst ein Beruhigungsgetränk mit Apfelsaft gemischt. „Unten herum“ wurde den Buben eine Creme aufgetragen, dann erhielten sie eine örtliche Betäubungsspritze.

„Es gab kein Geschrei, nichts“, erinnert sich die bei Bauknecht ausgebildete Bürokauffrau. Die eigentliche Entfernung der Vorhaut geht sehr schnell. „Papa, ist es vorbei?“, fragte Saim danach eher ungläubig seinen Vater. Dabei war er, religiöses Ritual hin oder her, intensiv mit seinem Gameboy beschäftigt. Da ihr Ältester, wie nicht wenige Kinder, auch an einer Phimose (Vorhautverengung) litt, hätte sie den Eingriff auch aus medizinischen Gründen gemacht.

Nuri Ari selbst geht locker mit seinem „Mal“ um. Er war in seiner Jugend Ringer beim ASV Bauknecht und unter der Dusche hieß es dann herausfordernd: „Heh, du bist ja beschnitten! Klar. Dann musste man es den Sportkameraden halt erklären.“ Auch auf unsere eher intime Frage, ob denn, wie man so hört, das Sexualerleben mit einer Beschneidung eingeschränkt sei, antwortet er offen. „Kann ich nicht bestätigen.“

Die Beschneidung, die „Sünnet“, wie es türkisch heißt, geht bei den Juden wie bei den Muslimen auf Abraham zurück, der auch im Koran als Prophet gewürdigt wird und dort als Stammvater und „erster Muslim“ häufig erwähnt wird. „Wir sind alle Söhne und Töchter Abrahams“, sagt Nuri Ari. Nachdem Abraham bereit war seinen Sohn Isaak, bei den Muslimen „Ismael“, zu opfern, sandte Gott/Allah den Erzengel Gabriel mit einem Lamm hinab, erzählt Ari die Gründungsgeschichte des muslimischen Opferfestes. „Ihr habt die Prüfung bestanden“, sagte Gabriel, „opfert nun das Lamm.“

Die wichtigsten Tage im Leben eines männlichen Muslimen

Über die Beschneidung selbst ist im Koran nichts zu finden, sagt Nuri Ari. Das Ritual geht auf eine der Hadhiten, einer Sammlung von Sprüchen und Lebensweisheiten Mohammeds zurück. Dort sagte Mohammed sinngemäß, so Ari, „beschneidet euch, so wie es Abraham, unser Vater, auch getan hat“. Und der Prophet Mohammed selbst ist nach dem Glauben der Muslime schon beschnitten auf die Welt gekommen. So ist „die Sünnet der zweite wichtige Schritt, mit dem auf die Religion vorbereitet wird“. Der Schnitt, mit dem man(n) zum Moslem wird. Das erste Ritual geschieht gleich nach der Geburt, wenn dem Neugeborenen mit der Glaubensformel auch der eigene Name ins Ohr geflüstert wird.

„Die wichtigsten Tage im Leben des männlichen Muslim sind die Beschneidung, der Eintritt in den Wehrdienst und die Hochzeit“, erklärt Nuri Ari und bringt damit im Gespräch überraschend die Sphären von Religion, Staat und Familie miteinander in Beziehung. Dabei ist im Islam für die Beschneidung aber kein feststehendes Alter, wie bei den Juden der achte Tag nach der Geburt, vorgeschrieben. Auch das dazugehörige traditionelle große Familienfest muss nicht am Tag der Beschneidung selbst stattfinden. Es ist auch so, sagt Ari, „dass der Islam ein Fest nicht vorschreibt“. Aber es ist zur beliebten Tradition geworden.

„Ich warte damit, bis der Kleine es aufnehmen kann“, sagt die in Welzheim aufgewachsene Frau Ari. Aber mitbekommen haben die Kinder auch schon jetzt, dass es Geschenke geben wird. Wie kleine Prinzen werden sie beim familiären Beschneidungsfest dann auf den Schultern getragen und in ein weißes Kostüm gekleidet, „mit einem Umhang, einer lockeren Hose und mit spitzen Schühchen und einem Zepter in der Hand“, erklärt Müre Ari. „So wie Aladin in Tausendundeiner Nacht“. Auf den Kleidern gibt es Beschriftungen, wie etwa „Gott bewahre ihn vor bösen Blicken und Neid“.

Der kleine Saim kann’s kaum erwarten. „Mama, wann machen wir das Fest?“, fragt er dauernd seine Mutter und sie weiß natürlich, „er wartet auf die Geschenke“. Bei der Größe des Festes, sagt Nuri Ari, „kommt es auf die Kaufkraft der Familie an“. Für die Kinder gibt es Spielzeug, Süßigkeiten, Geld. „Vom Opa oft eine Goldmünze.“

Während des Gesprächs wissen die beiden Eltern ihre Söhne wohlversorgt im Kindergarten in der Burgstraße. „Es ist derselbe, in den ich auch schon gegangen bin“, erinnert sich Nuri Ari. „Das ist für mich wie ein Heimatgefühl.“ Freudig erinnern sich die Aris an ein anderes kleines Ritual, nämlich den spätherbstlichen Laternenumzug mit den Kindergartenkindern und anderen Eltern vor einigen Wochen. „Der Kleine ging danach mit der Laterne ins Bett“, sagt Nuri Ari. Dabei lachen er und seine Frau Müre zusammen.

 

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