Unsere Moscheen Die Grundlagen des Islam

Lutz Richter-Bernburg erklärt die Grundlagen des Islam. Foto: Bernhardt/ ZVW

Teil zwei der Serie:
Es gibt einfache Fragen, aber nicht immer einfache Antworten. Die Frage nach dem Islam ist so eine Frage. Ich erinnere mich an eine Reise nach Ägypten und den Besuch einer Moschee in Hurghada. Zwei Gruppen, zwei Reiseführer: ein Mann und eine Frau. Die Frau erzählt ihrer Gruppe, warum islamische Frauen kein Kopftuch tragen müssen. Der Koran verlange das nicht. Sie trägt ihr Haar offen. Der zweite Reiseführer sitzt nur wenige Meter entfernt und erklärt, warum der Koran von den Frauen verlange, dass sie ein Kopftuch tragen. Dabei blickt er mehrmals böse in die Richtung seiner Kollegin.

Religion ist, was Menschen daraus machen, sagt Lutz Richter-Bernburg in so einem Fall. Nichts Absolutes und Eindeutiges - auch wenn viele Gläubige das anders sehen. Der Professor war bis zu seinem Ruhestand im Oktober 2010 Direktor der Abteilung Orient- und Islamwissenschaft im Asien-Orient-Institut an der Universität Tübingen. Richter-Bernburg hat 50 Jahre Islamwissenschaft in Deutschland erlebt. Das kleine, beschauliche Institut an der Tübinger Wilhelmstraße ist schon fast ein Ruhepol in der aufgeregten Debatte um den Islam. Und weil Religion das ist, was Menschen daraus machen, besteht Richter-Bernburg auf differenzierte Antworten auf die einfachen Fragen des Reporters.

Hat sich der Islam verhärtet?
„Ja“, sagt Richter-Bernburg. „Ich glaube schon. Nehmen Sie Saudi-Arabien mit dem sogenannten Wahhabismus. Der ist bereits im 18. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel entstanden, als Europa noch weit jenseits des Horizontes war. Das ist eine rein hausgemachte Richtung, die aus meiner persönlichen Sicht ganz verwerflich ist. In der Gegenwart spricht man auch vom Petro-Islam. Und der Einfluss von saudi-arabischen Öldollars, mit deren Hilfe diese Art von Islam verbreitet wird, ist nach meinen Begriffen kriminell.“

Der Einfluss der streng dogmatischen Wahhabiten in Saudi-Arabien zeigt sich etwa in der Einrichtung einer Religionspolizei, die die Einhaltung sittlicher Normen kontrolliert. Dazu gehört das Verbot für Frauen, ein Auto zu fahren oder sich in der Öffentlichkeit mit fremden Männern zu zeigen. Frauen müssen sich verhüllen, dürfen ohne Erlaubnis nicht reisen, arbeiten oder heiraten. Es gibt öffentliche Hinrichtungen und Auspeitschungen. Die Todesstrafe gilt ebenso für Gotteslästerung oder Hexerei - auch heute noch.

Die Arbeit eines deutschen Islamwissenschaftlers unterscheidet sich deutlich von der seiner Kollegen in den islamischen Ländern. Denn Professoren wie Richter-Bernburg untersuchen alte arabische Texte mit den Mitteln der Wissenschaft und hinterfragen sie. Für viele islamische Wissenschaftler dagegen ist der Koran eine göttliche Offenbarung und kein Dokument, das den Regeln der historischen Textkritik unterliegt. „Die geschichtliche Dimension des Islam wird von der Orthodoxie gern verleugnet“, kritisiert Richter-Bernburg.

Konflikt zwischen Aufklärung und Glauben

Dieser Konflikt zwischen Aufklärung und Glauben ist inzwischen wieder in Deutschland angekommen. In Tübingen, Osnabrück und Münster werden neue theologische Studiengänge aufgebaut, um künftig in Deutschland Imame und türkische Religionslehrer auszubilden. Die klassische Islamwissenschaft bleibt dabei außen vor, um nicht die Akzeptanz der muslimischen Verbände in Deutschland zu verlieren.

Lutz Richter-Bernburg hat keine Scheu, sich an der islamischen Orthodoxie zu reiben. „Die islamischen Theologen waren im Mittelalter viel entspannter in Bezug auf religiöse und historische Fragen, als es die Orthodoxie heute ist“, sagt er. „Viele Muslime sind meiner Meinung nach viel zu neurotisch auf den Westen fixiert. Sie sollten sehen, was andere nicht-westliche Zivilisationen seit dem Zweiten Weltkrieg geschafft haben. Denken Sie an Taiwan oder Südkorea. Südkorea war nach dem Koreakrieg völlig zerstört. Da war nichts.“ Heute gehört das Land, in dem Christen und Buddhisten leben, mit zu den führenden Industrienationen. Ein Land, das sich nicht über den Westen beklagt, sondern versucht, ihn mit allen Mitteln zu überholen.


Was ist der Islam?

„Islam ist ein arabisches Wort und es bedeutet: Ergebung in Gottes Willen“, erklärt Lutz Richter-Bernburg. Die Wortwurzel bedeutet: Ganzheit, Heilsein. Deshalb könnte man Islam auch als „gänzliche Hingabe an Gott“ übersetzen, sagt der Wissenschaftler. Der Islam entstand im 7. Jahrhundert und kann eine rasante Erfolgsgeschichte vorweisen. Etwa 1,6 Milliarden Muslime gibt es heute auf der Welt. Nur ein Bruchteil lebt in Deutschland: etwa 3,8 bis 4,3 Millionen. Der Islam ist die zweitgrößte Religion nach dem Christentum mit 2,2 Milliarden Menschen und die am schnellsten wachsende Religion.


Wie wird man Muslim?

„Man stammt von muslimischen Eltern ab oder man konvertiert zum Islam“, sagt Lutz Richter-Bernburg. „Dann muss man nur mit der entsprechenden Intention das Glaubensbekenntnis aussprechen.“ Es besteht aus zwei Elementen: dem strikten Monotheismus, also den Glauben an einen Gott: „Es gibt keinen Gott außer Gott ...“ Und das zweite Element der Aussage lautet: „... und Mohammed ist sein Gesandter.“ Das bedeutet, erklärt Richter-Bernburg, dass die Offenbarung, die durch Mohammed im Koran verkündet wurde, Gottes authentisches Wort ist. Oder genauer: für Muslime das letztgültige Wort Gottes bis zum Tag des Jüngsten Gerichtes.


Was ist der Koran?

„Koran heißt Lesung“, erklärt Lutz Richter-Bernburg. „Aber man kann den Begriff noch präziser fassen, denn hier geht es um den Vortrag eines vorformulierten Textes. Denn nach Glauben der Muslime hat der Engel Gabriel Mohammed diesen Text eingegeben. Der Autor des Korans ist demnach auch nicht Mohammed, sondern Gott selber.“

Die Texte des Korans sind erst nach Mohammeds Tod gesammelt worden. Die Offenbarung zog sich über einen Zeitraum von 22 Jahren hin. Begonnen hat es im Jahr 610, damals war Mohammed etwa 40 Jahre alt. Das Ende der Offenbarung kam mit dem Tod Mohammeds im Jahre 632.

Die Anordnung der Korantexte, so wie wir sie heute kennen, folgt nicht der Chronologie, sondern - mit Ausnahme der ersten Sure - dem Prinzip der abnehmenden Länge. Die längsten Suren stehen am Anfang, die kürzesten am Schluss.

Für den Koran verwendet Richter-Bernburg gerne den Begriff der „Subsidiarität“. Das erklärt er so: „Der Koran regelt nur die Fragen des menschlichen Verhaltens und Zusammenlebens, die im Horizont der Zeit als so vertrackt angesehen wurden, dass sie einer göttlichen Normierung bedurften. Alles, was auf der menschlichen Ebene gut geregelt war, wird im Koran nicht erwähnt. Nehmen Sie das Beispiel der Beschneidung von jungen Muslimen. Das war eine alte Sitte im Vorderen Orient, eine völlig unbezweifelte Tradition, deshalb steht darüber nichts im Koran.“


Wie zuverlässig ist die Überlieferung des Korans?

„Die Überlieferung des koranischen Textes ist natürlich schwieriger, als sie die islamische Orthodoxie akzeptiert“, erklärt Lutz Richter-Bernburg. „Das kann man beispielsweise an den Inschriften im Felsendom in Jerusalem sehen.“ Der Felsendom ist das älteste islamische Monumentalgebäude, das noch erhalten ist. Dort sind im Innenraum Inschriften zu sehen. Die sind eindeutig koranisch, aber sie entsprechen nicht wörtlich dem, was wir heute im Korantext lesen. Das bedeutet, so der Wissenschaftler: „Es gab eine gewisse Fluidität der frühen Texte“, also eine Veränderung im Laufe der Zeit. Dennoch wurden die Texte bereits 20 Jahre nach Mohammeds Tod kodifiziert, in der Form, in der wir noch heute den Koran lesen.

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