Unsere Moscheen Teil 1:Gespräch mit dem Waiblinger Dekan Eberhard Gröner

Es gibt aber doch unbestreitbar fundamentalistische, alles andere als ambiguitätstolerante Strömungen im Islam.

Völlig klar, die gibt’s. Aber was ist Folge, und was gehört ursprünglich zum Islam? Es gibt genug islamische Gelehrte, die hell entsetzt sind über die Theorien der Salafisten. Was viele heute für „den“ Islam halten, ist das Zerrbild eines Islams der nachkolonialen Zeit. Im Kolonialismus wurde den islamischen Kulturen westliches Denken übergestülpt, sie sahen sich konfrontiert mit rationalistischen Anschauungen, die zwischen wahr und falsch unterschieden, nichts Drittes dazwischen zuließen, keine Aussagen vertrugen, die man nebeneinander stehen lassen kann. Dazu kam der kulturelle Zerfall nach dem Kolonialismus, der Formen der Identitätssuche auslöste – viele versuchten, ihre Religiosität als Halt zu bewahren und auszubauen. Dabei kam es zu Engführungen, Religion diente als Vergewisserungspunkt und auch zur Abgrenzung. Der fundamentalistische Islam hat sich teilweise aufgrund dieser kolonialen Leidensgeschichte entwickelt, die Radikalisierungen waren auch eine Folge der amerikanischen Wirtschafts- und Machtpolitik. Das ist die Tragik des Islams, dass darüber die frühere Toleranz ihre Selbstverständlichkeit verlor. Überspitzt könnte man sagen: Die westliche Welt ist schuld an diesem Islam, den sie jetzt als Zerrbild verurteilt.

So gesehen wäre das Fundamentalistische, das viele für etwas „Traditionelles“ halten, eher eine späte Entwicklung.

Fundamentalismus ist soziologisch gesehen ein Kind der Moderne. Fundamentalismus ist eine Lehre, bei der ich als Anhänger immer sofort weiß: Das ist richtig, und das ist falsch.

Religiöse Eindeutigkeit als Schutz gegen all die Komplexitäten der globalisierten Moderne.

Das ist eine Form der Angstbewältigung, wenn man es psychologisch ausdrücken möchte. Auch im Christentum gibt es Fundamentalisierungstendenzen, allerdings abgeschwächt.

Wie erleben Sie „den“ Islam in Waiblingen?

Wir haben die ganze kulturelle Bandbreite, angefangen bei integrierten Muslimen, deren Glaubenstiefe wahrscheinlich ähnlich ist wie bei vielen Christen – sie nennen sich sicher Muslime, sind aber sehr frei in ihren Glaubensvorstellungen und haben sich sehr stark dem areligiösen Lebensstil unserer Gesellschaft angepasst.

Sozusagen das Gegenstück zum Christen, der nur an Ostern und Weihnachten in die Kirche geht.

Und es gibt Migranten, die dazu neigen, sich eine Form von Religiosität zu bewahren, die enger ist als im ursprünglichen Heimatland.

Sie pflegen den Glauben quasi besonders intensiv, um sich ihre Wurzeln zu erhalten.

Wir hatten mal türkische Schüler zu Besuch – und sie äußerten sich erstaunt über die religiöse Enge, die in Teilen hier herrscht. Aber wir liegen vollkommen falsch, wenn wir davon ausgehen, dass alle Muslime in Deutschland in diesem Sinne religiös sind. Unser Problem ist auch oft, wie viel wir an Äußerlichkeiten festmachen – das kann zu Missverständnissen führen. Wer schon einmal mit zwei oder drei bundesdeutschen Ehepaaren spazieren gegangen ist, weiß, dass die christlichen Männer vorauslaufen und die Frauen hinterdrein. Streng getrennt nach Geschlechtern. Auch bei uns wäre sich eine Bäuerin in der Zwischenkriegszeit, die ohne Kopftuch aus dem Haus ging, nicht anständig gekleidet vorgekommen.

Sprich: Vieles, was wir gleich als offensives oder gar aggressives religiöses Bekenntnis interpretieren, ist womöglich zunächst mal einfach Sitte, Gewohnheit, Tradition.

Hinzu kommt, dass manches, das nur Tradition war, hier zum Bekenntnis werden kann, zur bewussten Abgrenzung, aufgrund von Druck und Anfeindungen.

Zurück zum interreligiösen Dialog: Bleiben solche Gespräche nicht oft sehr an der Oberfläche, versanden in unverbindlichem Höflichkeitsaustausch?

Meine Erfahrung ist, dass man mit Imamen sehr offene Diskussionen führen kann, wenn es sprachlich möglich ist und wenn auf beiden Seiten Vorbildung da ist. Ein Problem ist, dass viele Imame in den Ditib-Moscheen nur sehr kurz da sind und nur sehr schlecht deutsch können. Aber wenn sich diese Klippe überwinden lässt, sind sehr differenzierte Gespräche möglich.

Noch ein Vorurteil: Die Muslime schotten sich ab.

In unseren christlichen Kindergärten haben wir überdurchschnittlich viele muslimische Kinder, oft mehr als in den kommunalen Einrichtungen. Denn vielen muslimischen Familien ist eine religiös fundierte Wertevermittlung wichtig – und von den Feinheiten sehen sie da ab.

Dem Vorurteil folgend sollte man meinen: Ein christlicher Kindergarten ist das Letzte, was ein Muslim für sein Kind will.

Und das Gegenteil ist der Fall. Die Leute sind oft wesentlich weiter und offener, als uns unsere Zerrbilder nahelegen. Was nicht heißt, dass es nicht auch Engführungen gibt. Die Ängste der Menschen sind unterschiedlich. Die Erfahrungen, die sie gemacht haben, sind unterschiedlich.

Was empfehlen Sie, um Vorurteile abzubauen?

Sich austauschen. Miteinander schwätzen. Sich einlassen auf die andere Kultur. Am Leben teilnehmen. Man kann in direkten Gesprächen den Islam als sehr nachdenkliche und soziale Religiosität erleben. Es ist auffällig und hochinteressant, dass die soziale Komponente, die Verpflichtung, anderen zu helfen und etwas abzugeben, auch bei denen verankert bleibt und sehr tief sitzt, die sonst ihre Religion nicht streng praktizieren.

Und was hilft politisch?

Bei uns ist die Religionsfreiheit grundgesetzlich garantiert. Und deshalb müssen aus meiner Sicht Staat und Kommunen Platz für Moscheebauten haben. So etwas sollte nicht planungsrechtlich verhindert werden. Es gibt die Erfahrung, dass überall dort, wo Moscheen genehmigt sind und die Leute Offenheit leben – Offenheit leben müssen –, die größte gegenseitige Toleranz entsteht. Wichtig ist auch, dass wir dort, wo ein ganz hoher Anteil an muslimischen Kindern ist, muslimische muttersprachliche Erzieherinnen beschäftigen, die die Integration weitertreiben. Ungeheuer wichtig ist, dass der islamische Religionsunterricht kommt. Wobei noch zu klären ist: Wer hält den? Welche der vielen muslimischen Gruppen? Ein bedeutender Schritt ist auch das Zentrum für islamische Theologie, das sich an der Uni Tübingen im Aufbau befindet und die Imam-Ausbildung in Deutschland ermöglicht – das sind Öffnungsprozesse. Diskussion schafft Toleranz und mehr Wissen. Und das bedeutet letztlich mehr innere Sicherheit.

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