Unsere Moscheen Eine aufgeklärte Religion

Teil drei der Serie:
Waiblingen. Der Islam ist traditionell viel toleranter und aufgeklärter, als wir denken, und der verbohrte islamistische Fundamentalismus ein historisch junges Phänomen. Ein Gespräch mit dem evangelischen Dekan Eberhard Gröner aus Waiblingen über die Auslegung heiliger Bücher, seine Begegnungen mit Imamen und die Wichtigkeit von Moscheen in Deutschland.

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Herr Gröner, der interreligiöse Dialog zwischen Christen und Muslimen wird immer wieder gern beschworen, aber oft lassen sich dabei die immergleichen Verdachts-Argumente beobachten: Da wird der Imam erst mal aufgefordert, sich von Selbstmordattentätern zu distanzieren.

Das macht den Dialog schwierig. Wir konfrontieren die Gesprächspartner oft mit unseren Vorurteilsstrukturen, die aufgeklärte Muslime eigentlich kränken müssten. Zum Glück stehen die da in der Regel drüber.

Wir reden immer von „dem“ Islam . . .

. . . und dass der Islam in unzählige sehr unterschiedliche Gruppierungen zerfällt, wird dabei vergessen. Wenn wir vom Islam an sich reden, ist das, wie wenn ein Muslim die Katholiken, die evangelische Landeskirche, protestantische Freikirchen, Mormonen und die Zeugen Jehovas in einen Topf schmeißen würde unter dem Stichwort: So sind „die“ Christen. Wenn ich einen gebildeten Imam einer Ditib-Moschee mit den Salafisten gleichsetze, ist das nicht nur eine religiöse, sondern auch eine intellektuelle Beleidigung. Genauso könnte man einen evangelischen Theologen auffordern, sich erst mal von abstrusen Vorstellungen abzugrenzen, die noch vor wenigen Jahren in manchen christlich-fundamentalistischen Zirkeln kursierten – dass Behinderung eine Strafe Gottes sei, zum Beispiel.

Immer wieder heißt es aber, der Islam sei rückständig – er müsse erst einmal schaffen, was das Christentum längst hinter sich hat: die Aufklärung durchlaufen.

Ja, das ist eine der gängigsten Thesen. Aber da stellt sich mir zunächst die Frage: Wie aufgeklärt sind wir eigentlich? Wir sollten uns daran erinnern, welch ein mühsamer Kampf das war, bis bei uns Aufklärung und Christentum Hand in Hand gingen. Der Aufklärungsgedanke musste sich immer wieder mühsam gegen die Orthodoxie im Christentum durchsetzen. Der Islam war da toleranter.

Toleranter?

Das Hochinteressante am Islam ist, dass er jahrhundertelang eine Religiosität war, die viele widersprüchliche Aussagen nebeneinander geduldet hat. Der Islam hatte eine ungeheure Ambiguitätstoleranz, also eine Bereitschaft, verschiedene Meinungen und Auslegungen zu akzeptieren.

Das ist das Gegenteil von dem, was Kritiker dem Islam unterstellen.

Der Islam hat eine große Tradition als sehr aufgeklärte Religion. Er gedieh in mehrsprachigen Handelskulturen, immer in Kontakt mit anderen Gesellschaften, da ergab es sich zwangsläufig, dass man sich auf andere einließ. Es handelte sich um Vielvölkerstaaten – und deshalb gab es da immer Debatten um Menschenrechte und Religionsfreiheit, weil man schlicht miteinander auskommen musste. Und es entstanden ausdifferenzierte und durchaus nicht rigide Rechtssysteme. Beispiel Ehebruch: In bestimmten Rechtsschulen des Islams brauchte man dafür vier Zeugen – und die mussten dabei gewesen sein! Das war also im Grunde nicht nachzuweisen.

An dieser Stelle würde Ihnen ein Islam-Ächter nun aber Koranstellen vor den Latz knallen.

Ja. Oder man kann Bibelstellen zitieren, mit denen sich angeblich die Unterordnung der Frau rechtfertigen lässt: „Das Weib schweige in der Gemeinde.“ Der Koran ist so breit wie die Bibel – was ich darin finden will, finde ich auch. Aber das ist ein fundamentalistischer Ansatz. Das ist ein grundsätzliches Problem mit religiösen Texten, mit heiligen Büchern: Wie eindimensional kann man sie auslegen?

Es kommt also nicht nur darauf an, was drinsteht, sondern was man rausliest?

Hier, schauen Sie sich das an: ein jüdisches Andachtsbuch aus dem 19. Jahrhundert. Da steht der hebräische Originaltext aus dem Alten Testament, daneben eine 500 Jahre später entstandene aramäische Version, ein Kommentar von 1100, eine Auslegung von Moses Mendelssohn aus dem 18. Jahrhundert und noch eine neuere Lesart. Fünf Übersetzungen und Kommentare aus vielen Jahrhunderten auf einer einzigen Seite! Wer damit umzugehen gewohnt ist, für den ist es selbstverständlich, dass auch die sechste, siebte, achte Auslegung noch ihr Teil Wahrheit enthält. Das ist Religion als offene Diskussionsform, als permanenter Diskurs. Und diese Breite der Interpretationen und des Gesprächs, das ist etwas, das auch den Islam auszeichnet. Über 1000 Jahre hinweg standen verschiedene Deutungen nebeneinander. In manchen muslimischen Lehren galt auch Wein als Gabe Gottes.

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