Unsere Moscheen In nächster Nachbarschaft: Die Moschee in Schorndorf

Die islamische Gemeinde in Schorndorf gilt über die Stadtgrenzen hinaus als liberale und weltoffene Gemeinde. Ansicht der Schorndorfer Moschee. Foto: Habermann / ZVW


Teil fünf der Serie:
Schorndorf. Steht man im Gebetsraum der Schorndorfer Moschee im Hammerschlag, kann man den Himmel sehen. Oben im Dach, dort, wo sich bei traditionellen Moscheen die Kuppel wölbt, ist ein großes Glasfenster eingebaut. Nach Osten hin ist nochmals eine ganze Außenwand verglast.

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Licht und Helligkeit sind nicht nur ästhetische Details, sondern durchaus auch symbolisch zu verstehen. Im großen Fenster nach außen stehen in arabischer Schrift der Name Mohammeds und der vier „rechtgeleiteten“ Kalifen. Im Gebetsraum liegen Teppiche, deren Muster die einzelnen Plätze anzeigen: 200 Menschen können hier beten. Kommen mehr, rückt man eben zusammen. Die einzelnen Plätze sind so angeordnet, dass sich im Idealfall die Schultern der Gläubigen berühren.

Die 99 Namen Gottes, die „schönsten Namen Gottes“, stehen in arabischer Schrift auf der Außenseite der Empore, dort, wo die Frauen beten. Die Frauen beten getrennt von den Männern und haben auch einen eigenen Zugang zur Empore. Fünfmal am Tag betet der gläubige Muslim. Richtig voll im Gebetssaal wird es an hohen Feiertagen oder zum Freitagsgebet, wenn aus der ganzen Umgebung Muslime zum Gebet in die Schorndorfer Moschee kommen. Dabei müssen die Betenden und Besucher nicht Mitglied sein im Verein, der die Moschee unterhält.

Die Frauen beten getrennt von den Männern

Moscheebauten sind so vielfältig wie die Gemeinden, die sie erbauen. Es gibt, außer der Ausrichtung der Gebetsräume nach Mekka, keine baulichen Vorschriften für die Form oder die Ausstattung von Moscheen. Eine Moschee, wie die Schorndorfer, ist viel mehr als ein Gebetsraum. Es gibt hier eine Teestube, Kurs- und Unterrichtsräume, Zimmer, in denen sich Jugendliche treffen, große Festräume und auch die Wohnung des Imam befindet sich innerhalb der Moschee. So ist die Moschee ein Gotteshaus und ein Kultur- und Gemeindezentrum. Solche multifunktionalen Gebäude, die Religion und Alltagsleben unter einem Dach vereinen, haben sich in den letzten Jahrzehnten vor allem in der islamischen Diaspora entwickelt. Und sind mittlerweile für Moscheeneubauten in der Türkei zum Vorbild geworden.

Leben ist in der Moschee, auch wenn nicht gebetet wird. Männer sitzen vor dem Fernseher in der Teestube und schauen Fußballübertragungen an. Kinder treffen sich am Wochenende zum Koranunterricht oder treffen sich im Jugendraum. Dabei sind die Räume für Jungs und Mädchen getrennt.

Im zentralen Innenhof sitzen an warmen Tagen die Gemeindemitglieder. Im Untergeschoss ist der große Festsaal für Veranstaltungen. Während der Fastenzeit treffen sich hier die Gemeindemitglieder mit ihren Gästen zum Fastenbrechen. Jedes Jahr reist extra zum Ramadan ein türkischer Koch an, der die vielen Gäste, meist mehrere Hundert jeden Abend, bekocht.

Eingeweiht wurde die Schorndorfer Moschee im Jahr 2005. Die Vereinsmitglieder haben das Gebäude finanziert. Lediglich der Imam wird in den Moscheen der Ditib vom türkischen Staat bezahlt. „Die Menschen identifizieren sich mit dem Ort“, erklären der alte und neue Vorstand Yalcin Akgün und Ragib Özbek die Spendenfreudigkeit. Und, so fügen sie lachend hinzu: „So was funktioniert nur im Ausland.“ Jeder fühle sich hier verpflichtet und verantwortlich. Eine Verpflichtung, die vielleicht mit den nachwachsenden Generationen auch wieder nachlässt.

Das Wort Moschee leitet sich vom arabischen „masjid“ ab und bedeutet „Ort der Niederwerfung“. In der Moschee treffen sich die Gläubigen für das gemeinschaftliche Ritualgebet „salat-ul-dschami“ und das Freitagsgebet „salat-ul-dschuma“. Die wichtigste Moschee für gläubige Muslime ist die Moschee um die Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islams in Mekka (Saudi-Arabien).

Die Architektur der Moscheen weltweit hat sich mit der Ausbreitung des Islams stark an den Baukulturen der einzelnen Länder orientiert. So findet man auf der arabischen Halbinsel Säulenhallen mit offenem Innenhof, Säulenhallen aus Lehm oder gestampftem Lehm in Westafrika und der Sahara, Dreifachkuppeln mit breitem Innenhof auf dem indischen Subkontinent oder frei stehende Pavillons in einem umfriedeten Garten in China oder moderne, an zeitgenössischer Architektur ausgerichtete Moschee-Bauten, wie man sie auch in Deutschland findet.

Die Kirche im Dorf und die Moschee am Stadtrand

Die zunehmende Zahl von Moscheebauten zeigt: Viele Muslime haben ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland gefunden und wollen bleiben. Laut einer Statistik des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland aus dem Jahre 2009 beläuft sich die Anzahl der Moscheen auf knapp 3000. Davon sind ca. 2600 Gebetsräume, 206 Moscheen mit Minarett und rund 120 Moscheen befanden sich im Jahr 2009 in Deutschland im Bau. Nicht immer verläuft der Bau einer Moschee so vergleichsweise harmonisch wie in Schorndorf. Oft gibt es Streit um Moscheebauten in Deutschland. Dabei zeigt die Erfahrung aus Schorndorf: Dort, wo Moscheebauten im Dialog mit den Nicht-Muslimen entstehen, können Orte der Begegnung und Nachbarschaft entstehen. Und die Moschee am Stadtrand gehört wie die Kirche zum Dorf.

Gebaut mit Spenden

Die Schorndorfer Moschee im Hammerschlag wurde 2005 nach fünf Jahren Bau- und Planungszeit eingeweiht. Sie wurde finanziert mit den Spenden und Beiträgen der Mitglieder. Die Kosten betrugen knapp eine Million Euro. Der Verein hat ca. 300 Mitglieder.

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