Unsere Moscheen Mit den Menschen kam ihre Religion

Teil vier der Serie:
Waiblingen/Schorndorf. Nicht nur Pasta, Pizza, Knoblauch und Zucchini: Die ersten Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Griechenland und dann auch aus der Türkei hatten nicht nur andere Speisen und Gewohnheiten im Koffer. Mit den türkischen Migranten kamen nicht nur Arbeitskräfte, sondern Menschen mit einem anderen Glauben.

Die ganze Serie finden Sie hier.

Heute leben rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland, die türkische Staatsbürger sind, davon mehr als 10 000 Menschen im Rems-Murr-Kreis. Ihre Geschichte begann vor allem in den 1960er Jahren. Am 31. Oktober 1961 schließen die deutsche und die türkische Regierung in Bad Godesberg ein Anwerbeabkommen. Über die deutsche Verbindungsstelle in Istanbul werden türkische Arbeitskräfte für das Wirtschaftswunderland Deutschland geworben. Mit der Türkei gab es im Gegensatz zu den anderen Anwerbestaaten zunächst besondere Klauseln: So durften nur unverheiratete Männer aus der Türkei kommen, vorerst war kein Familiennachzug vorgesehen und in Deutschland wollte man auch nur Türken aus der Westtürkei. Im September 1964 fielen diese Sonderregelungen mit der Neufassung des Anwerbeabkommens. Restriktionen für die türkischen Arbeitnehmer gab es aber auch in den Folgejahren.

Auch Arbeitskräfte wollen beten

„Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“, formulierte der Schriftsteller Max Frisch und benennt darin das Grundproblem der Arbeitsmigration nach Deutschland.

Und das Zitat könnte man im Falle der türkischen Einwanderung noch erweitern: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen muslimische Menschen“.

Denn völlig ignoriert hatten die Verantwortlichen, dass mit den Menschen aus der Türkei auch der Islam nach Deutschland kommen würde. Die Muslime, die nach Deutschland kamen, kamen in eine Gesellschaft, in der es für sie zunächst keine Orte gab, an denen sie ihrer Religion nachgehen konnten, ihre Rituale pflegen: Weder gab es Lebensmittelläden, in denen die Muslime die Lebensmittel einkaufen konnten, die sie gemäß ihrer Vorschriften essen durften, noch waren öffentliche Gebäude und Betriebe auf Bedürfnisse eingerichtet, die sich zum Beispiel aus Hygienevorschriften ergeben. Kaputte Kloschüsseln waren noch der harmloseste Ausdruck dieser Situation.

Gläubige Muslime beten fünfmal am Tag. „Christliche“ Arbeitszeiten laufen aber nach anderen Uhren. Und selbst wenn Zeit für das Gebet war, wo sollte man beten? Zunächst konnten viele nur im privaten Rahmen beten. Schwierig für gläubige Muslime, denn für sie hat das Gebet in der Gemeinschaft, also in einer Moschee und mit einem Imam, einen großen Stellenwert. Eine Notlösung auch die Betreuung der Gemeinden durch einen Imam: Die Imame der ersten Jahre waren „normale“ Arbeiter, die parallel zur Schichtarbeit das Amt ausübten.

Mehr Religionsfreiheit in Deutschland als in der Türkei

Niemand hatte sich in Deutschland und auch in der Türkei Gedanken über die religiöse Betreuung der Menschen gemacht. Es gab weder Strukturen noch Räume. Beides haben sich die „Gastarbeiter“ im Laufe der Jahre selbst geschaffen.

„Wir sind mit 450 Personen nach Deutschland eingereist. Unter den 450 Personen gab es keinen einzigen türkischen Gastarbeiter bis auf mich, der den Freitagsgottesdienst leiten konnte. Damals gab es weder Moscheen noch Imame in Deutschland“, berichtet Imam Said M., einer der ersten Imame in Deutschland, den der Autor Rauf Ceylan für sein Buch „Die Prediger des Islams“ interviewt hat.

Der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Ataturk hatte sich zum Ziel gesetzt, die türkische Gesellschaft zu säkularisieren. 1924 wurde das Präsidium für Religiöse Angelegenheiten gegründet, das staatskonformen und gebändigten Islam unterstützen sollte. Alle anderen nichtstaatlichen religiösen Bewegungen standen deshalb unter Verdacht. Viele religiöse Bewegungen entstanden in der Türkei im Untergrund. Unter den Menschen, die nach Deutschland kamen, waren natürlich auch Anhänger dieser nichtstaatlichen Bewegungen. Sie profitierten in Deutschland von den demokratischen Strukturen und ganz einfach auch vom deutschen Vereinsrecht. Für sie bedeutet die Migration einen Gewinn an religiöser Freiheit.

Und auch wenn in den ersten Moscheevereinen die religiöse und politische Orientierung zweitrangig war und die Menschen hier vor allem einen Ort suchten, um ihre religiösen und sozialen Bedürfnisse zu befriedigen, so entstand im religiösen Exil doch eine viel differenziertere Mischung von religiösen Vereinen als in der offiziellen Türkei.

Identitätsstiftendes Moment über die religiösen Unterschiede hinaus war vor allem die türkische Sprache und andere vertraute kulturelle Muster, die im fremden Land Halt und Schutz gaben. So waren Moscheen und islamische Vereine von Anfang an viel mehr als nur Orte von religiösen Zusammenkünften.

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