Unsere Moscheen Was macht ein Imam?

Schorndorf. Hakki Gür ist Imam in Schorndorf. Seit September 2010 lebt und arbeitet er in der Ditib-Moschee Merkez Camii im Hammerschlag in Schorndorf. Er ist Angestellter des türkischen Staates und das Los hat bestimmt, dass er nach Deutschland entsandt wurde. Denn die freien Stellen werden über ein Losverfahren zugeteilt.

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Dabei wollte er eigentlich lieber nach England, wie sein Vater, der von 1940 bis 1956 als Imam in England gewirkt hat. Jetzt also Deutschland und Schorndorf, wo die Menschen zwar nicht das Deutsch reden, das er am Goethe-Institut in der Türkei zur Vorbereitung gelernt hat, aber in jedem Falle „großartige Menschen sind“. Er schätzt besonders den Kontakt zu den Menschen in Schorndorf. Egal ob sie Muslime oder Christen sind. Menschen, sagt der Imam, sind eben so unterschiedlich wie die Finger an einer Hand.

Die Töchter des Imam gehen in Schorndorf zur Schule

Seine jüngste Tochter, Asude Nur, ist neun Monate alt und in Schorndorf geboren. Asude Nur hat zwei Schwestern: Büsre Berre, sechs Jahre alt, und Ayse Betul, sie ist zwölf Jahre alt. Die beiden Großen sprechen richtig gut deutsch. Der Papa muss noch ein bisschen lernen, um so gut zu sein wie seine Töchter. Und fürs Lernen nimmt sich Hakki Gür jeden Morgen Zeit. Imam Hakki Gür ist ein wissbegieriger Mann. Das war schon an der Universität so, wo er islamische Religionswissenschaften studiert hat. „Ich wollte immer einer der Besten sein“, sagt der Imam, der auch als Hodscha, Lehrer, angesprochen wird, und lächelt dabei.

Wie er überhaupt oft lächelt und ein sehr freundlicher Mensch ist, der geduldig alle Fragen beantwortet und ebenso geduldig wartet, bis Sükriye Eldemir, die als Übersetzerin die Worte des Hodschas übersetzt, fertig ist. Sükriye ist Studentin der Frühen Pädagogik an der Fachhochschule in Schwäbisch Gmünd und in der Schorndorfer Moschee für den interreligiösen Dialog zuständig. Beim Gespräch kommt sie sich vor wie bei einer Vorlesung, sagt sie. So viel muss sie mitschreiben von dem, was Hakki Gür über die Aufgaben und das Leben eines Imams erzählt.

Imame bleiben fünf Jahre in Deutschland

Hakki Gür ist 1968 geboren und besuchte das theologische Gymnasium. Schon seine Lehrer in der Grundschule fanden, dass der Junge ein guter Theologe werden könnte. Nach der Schule hat Hakki Gür acht Semester islamische Religionswissenschaften studiert. Dabei hat er sich mit allen Religionen und ihrer Geschichte beschäftigt. Besonders fasziniert haben ihn die vergleichenden Religionswissenschaften: der Blick in das Denken anderer Religionen. Im Studium habe er einen akademischen und auch modernen Blick auf die Religion bekommen, sagt der Imam. Das, so sagt er, hat ihn und sein Leben geprägt: dass sein Glaube, seine Religion „wissenschaftlicher“ wurde.

Hakki Gür war bereits nach seinem Schulabschluss Angestellter der Ditib. Und er wollte als Imam ins Ausland gehen. Dafür musste er etliche Prüfungen ablegen. „Nur die Besten“ dürfen ins Ausland, sagt Hakki Gür. Die Imame werden in Kursen auf das Land vorbereitet und bleiben in der Regel fünf Jahre dort.

24 Stunden am Tag Diener der Gemeinde

Hakki Gür wohnt in einer Wohnung in der Moschee. Er ist dem Vorstand der Moschee unterstellt und der Vorstand kann den Imam auch entlassen. Was die Schorndorfer sicher nicht tun werden. Man versteht sich hier. Hakki Gür beschreibt seine Gemeinde als „offen“. Er sieht sich als Diener der Gemeinde, der beobachtet, zuhört und auch eine vermittelnde Rolle einnimmt.

Im Mittelpunkt seiner Aufgaben stehen die täglichen Rituale: Fünfmal am Tag betet er mit der Gemeinde. Und bei den Gebeten sind dann mal fünf, mal viele Hundert da - je nachdem, ob es ein ganz normaler Alltag ist oder ein hoher Feiertag wie im Fastenmonat Ramadan oder jetzt jüngst beim Opferfest.

Beim Gebet predigt der Imam zu islamischen Themen, rezitiert Zitate des Propheten und interpretiert diese. Auf aktuelle Fragen geht der Imam nur dann ein, wenn es Fragen an ihn aus der Gemeinde dazu gibt.

Diese religiösen Aufgaben sind seine Pflicht. Die Kür ist das, was die Menschen abseits von Glauben und Religion beschäftigt. Hakki Gür bedankt sich für die Frage, ob er sich denn auch mit den eher menschlichen Fragen seiner Gemeindemitglieder auseinandersetzt. „Das ist eine tolle Frage“, sagt er und spricht gerne darüber, dass sein Telefon 24 Stunden jeden Tag und an jedem Tag der Woche an ist. Er hört zu und berät bei allen Sorgen, die einen Menschen beschäftigen können. Wo der Imam keine Antworten mehr hat, da vermittelt Hakki Gür zu anderen, die helfen können. Der Imam Hakki Gür ist da, wenn ein Mensch Sorgen oder Fragen hat, er kommt zum Sterbebett und nimmt rituelle Waschungen vor. „Ich bin für die Menschen da an guten und an schlechten Tagen.“

Hakki Gür will, dass die Moschee ein offener Ort ist. Und wer keine Zeit hat, zu ihm in die Moschee zu kommen, den besucht er auch. Und so beginnt sein Tag kurz vor sechs mit dem ersten Gebet und endet oft erst spät in der Nacht.

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