Unsere Moscheen „Wir sind ein Teil von Deutschland“

Urbach. Wenn man in Urbach auf dem Bahnsteig Richtung Stuttgart steht, kann man in den Gebetsraum der Moschee schauen. Die Eyüp Sultan Moschee, das Gemeindehaus des Türkisch-Islamischen Vereins in Urbach, liegt direkt am Bahnhof in der Hornschuchstraße.

Ein symbolträchtiger Ort: Die Älteren erinnern sich daran, dass sie einst mit dem Zug aus ihren Dörfern in der Türkei nach Deutschland kamen. Auch nach Urbach, in den späten 60er Jahren, um hier in der Baumwoll-Spinnerei der Firma Hornschuch zu arbeiten.

Seit damals ist viel passiert. Die Menschen, die als Gastarbeiter kamen, sind größtenteils geblieben, haben Kinder und Enkelkinder bekommen, die in Deutschland geboren sind. Man hat sich eingerichtet, auch in Urbach, und Häuser für die eigene Religion und Kultur gebaut. Zunächst trafen sich die Urbacher und Plüderhäusener Muslime in einer Baracke auf dem Hornschuch-Gelände, 2011 weihte die Gemeinde ihre neue Moschee am Bahnhof ein.

Yücel Ceylan, erster Vorsitzender der Gemeinde, Imam Talip Boynukara und Fatih Arslan, im Verein aktiv als Integrationsbeauftragter, führen die Gäste in den Gebetsraum. In einer Ecke sitzen Männer auf dem Boden und rezitieren Verse aus dem Koran auf Arabisch. Imam Boynukara, der eigentlich diesen Unterricht leitet, hat die Aufgabe delegiert und führt nun zusammen mit den Vorstandsmännern durch die Moschee. Der ausladende Kronleuchter kommt aus der Türkei, für die Wandmalereien hat man eigens einen Maler aus Paris kommen lassen und da oben, weist Fatih Arslan die Besucher hin, steht in der Reihe der Propheten der Name Jesu in arabischer Schrift.

Man habe mit dem Bau der Moschee und der Art, wie sie gebaut ist, auch ein Zeichen setzen wollen. Vom Bahnsteig aus kann man hereinsehen und im Inneren fällt die Farbigkeit auf. „Wen jemand kommt, soll er Freude haben“, sagt Fatih Arslan.

In der Moschee, die vor allem auch Sozial- und Kulturzentrum ist, gibt es Gruppen für Männer, Frauen und Jugendliche. Beim Beten sind auch hier die Frauen auf der Empore. Doch diese Trennung sehen die Männer in der Gemeinde nicht als Ausdruck mangelnder Gleichberechtigung. „Die Frauen sind über uns“, witzelt Vorstand Yücel Ceylan. Der Imam betont die wichtige Rolle der Frau: „Das Paradies liegt unter den Füßen der Mütter“, zitiert er aus dem Koran, die Fortpflanzung liege bei den Frauen, Frauen seien die ersten Lehrer des Menschen, „Frauen sind etwas Besonderes.“ Und weil das so sei, haben die Frauen ihre eignen Plätze und sind, wie sie es ausdrücken, „befreit“ von manchen Pflichten.

Der Verein hat rund 200 Mitglieder. Mitglied werden können Männer und Frauen unabhängig voneinander oder einer meldet die ganze Familie an.

In der Teestube sitzen ein paar Männer zusammen und schauen Fußball. Die Moschee ist ein Ort, so sagen sie, „wo man Gemeinsames erleben kann“. Ein Ort auch, wo diskutiert wird, auch mit Menschen anderer Religionen. Integration und das Miteinander in der bürgerlichen Gemeinde ist den Männern wichtig. Deutsche und Türken, Muslime und Christen näher zusammenbringen, das hat sich Fatih Arslan in der Gemeinde zur wichtigsten Aufgabe gemacht. Sie laden ein am Tag der offenen Moscheen, aber auch an anderen Tagen, und wollen damit auch dem Bild entgegentreten, das viele vom Islam haben.

„Wir sind gerade der Sündenbock“

Ramazan Ulubas, der vom Koranunterricht zum Gespräch dazukommt, ist 20 Jahre alt, lernt Sanitär- und Heizungsinstallateur und ist als Jüngster im Vorstand der Gemeinde. Ihn ärgert das Bild, „das in den Medien vom Islam verbreitet wird“. Der Islam, das sagen sie alle, ist eine friedliche Religion. Wer anderes behauptet, missbrauche die Religion. „Wir sind gerade der Sündenbock“, sagt Ramazan Ulubas. Aber, so hofft er, „je näher man an uns dran ist, merkt man, dass wir nicht so sind.“ Gegenseitige Besuche, so sagen die Verantwortlichen in der Urbacher Moschee, können helfen, dass „man sich gegenseitig versteht“. „Langsam entwickelt sich das“, erzählen sie hoffnungsvoll, „mittlerweile spricht man uns an.“

Fatih Arslan will noch mehr tun für das friedliche Miteinander. Wichtig ist den Verantwortlichen in der Gemeinde, dass die Menschen, die hier leben, auch die Sprache beherrschen. Alle begrüßen deshalb auch eine Ausbildung der Imame in Deutschland und dass die Predigten auf Deutsch und Türkisch gehalten werden. Das ist ihnen wichtig, denn auch die Jungen sollen die Muttersprache ihrer Eltern nicht vergessen.

Für die Urbacher ist klar: „Wir sind ein Teil von Deutschland.“ Aber sie sind auch Türken: „Wir haben zwei Länder.“ Die Verbundenheit zur Türkei ist ein Teil ihrer Geschichte. Dabei hat sich einiges verändert, seit die ersten Türken in Urbach ankamen: „Unsere Eltern konnten sich noch nicht äußern“, deshalb habe vieles lange gedauert. Integration gehe eben nur, wenn man die Sprache kann und sich bewusst ist, dass man im fremden Land nicht nur für eine kurze Dauer ist. „Wir werden hier sterben“, sagen sie und meinen damit auch, dass Deutschland eine Heimat geworden ist. Eine Heimat, deren Gesetze man respektiert, und eine Heimat, in der sie aktiv sein wollen. Fatih Arslan will für den Gemeinderat in Urbach kandidieren, um „etwas für Urbach zu tun“. Damit alles ein bisschen normaler und selbstverständlicher wird. Und in Zukunft, so hoffen sie, könnten dann auch mehr Einladungen von der deutsch-deutschen Seite kommen. Die islamische Gemeinde in Urbach will offen sein für Besucher und sie sind ebenso neugierig auf das Leben der Mitbürgerinnen und Mitbürger, die einen anderen Glauben haben als sie.

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