Urbach Abschiedsfest in der Kultkneipe "Zom Täle"

Urbach. Es begann am 6. August 1983 unter der Prämisse, eine „Kneipe“ zu eröffnen. Was daraus nach 34 Jahren geworden ist, lässt sich nicht auf den Zapfhahn reduzieren. Einer der Geburtsstunde, Charly Hoff, schloss zur frühen, sonntäglichen Morgenstunde, auf den Tag genau am 06. August 2017, die Haustüre ab, zu einer Urbacher Institution, die es wohl schwerlich so in dieser Form jemals wieder geben wird.

Die Aura des „Täles“ ist eine Symbiose zwischen Wirtsleuten, Gästen und Mitarbeitern. Gewachsen in der langen Zeit. Es menschelt aus jeder Ritze, man hat sehr viel zusammen erlebt, und genau das galt es am Samstagabend zu feiern und, wenn möglich, irgendwie zu konservieren. „Letzte Runde“ also definitiv auf dem Gelände in und um das Haus. Und alle sind gekommen. Es dürften um die 700 Gäste gewesen sein, um dem Raben Tschüss zu sagen. Ehrensache für Wegbegleiter, Musiker und Veteranen. Wenn ein mutiger Autofahrer die Gartenstraße passieren wollte, ging das gerade so noch um 19 Uhr. Nicht aber eine Stunde später. Die Straße wurde vereinnahmt: „Natürliche Vollsperrung“ sozusagen.

Rabe als Wappentier

Die Macher: Charly Hoff und Hardy Langer sind die Gründungsväter. Als sie eröffneten, damals noch im Dreigestirn mit Gerhard Blechert, wurde ein Wappentier gesucht. „Es gab Lamm, Rössle, Löwen in Urbach. Für das ehemalige „Remstalcafé“ fiel dann die Wahl auf einen schwarzen Raben mit dürren Beinen, fleddrigem Gefieder und einem ureigenen Blick, der jeglichen Interpretationen vollen Spielraum lässt. Heute ist das Wappentier für Urbach wohl genauso prägend, wie es die Urbacher Mineralbrunnen sind, oder besser: waren. Tragik am Rande: Auch der Schlussakkord fiel für beide ziemlich zur gleichen Zeit.

Gäste (meist Freunde) und Gastwirte: Gemeinsam in die Jahre gekommen

Hoff und Langer haben die Entscheidung nicht leichten Herzens gefällt. „Wir sind keine geschniegelten Gastronomen“, so Hoff. „Unsere Gäste sind unsere Freunde. Es gibt Geschichten, wo die Wirte die Gäste kurzerhand mit nach Hause genommen haben, nach der Sperrstunde und von Nachhause. Wir sind hier gemeinsam in die Jahre gekommen.“ Die Jahre sind auch einer mit der Gründe für die Schließung. Hoff (58), Langer (60) und Arnim (70 und aktueller Mitbetreiber) haben ja noch drei Betriebe, in denen sie gefordert sind und mit denen sie das Täle auch bezuschusst haben. Aber, und das kommt unisono: „In Urbach sind unsere Wurzeln.“ In einer sehr emotionalen Rede spricht Charly Hoff von der Bühne: „Wir sind stolz wie Bolle, dass so viele Freunde hier sind.“ Verabschiedet wird mit den Worten: „Jetzt ist mal gut. Uns fehlt die Manpower“ und ein flehentliches „Vergesst uns nicht!“ wird hinterhergeschickt.

"Es gibt nichts Vergleichbares"

Die Mitarbeiter: Assy (Astrid), Stammkraft seit 10 Jahren, war Dienstag bis Samstag und an Veranstaltungen „das Gesicht“ hinterm Zapfhahn. Immer lächelnd, Spaß am Job, Ausstrahlung und Vollprofi in Person. Für Assy geht es im Fidels Fritz (Schwanen Waiblingen) beruflich weiter. Nicht so bei Frank, der seit 19 Jahren „die gute Seele“ (Zitat: Hoff) vom Täle war. Für ihn steht heute fest: „Ich geh mit dem Täle in Rente. Es war die letzten 34 Jahre Anlaufstelle. Es gibt nichts Vergleichbares.“

Revolutionär einst die Entscheidung, auch an Heiligabend zu öffnen

Die Gäste: Revolutionär war auch die Entscheidung der fidelen Gastronomen, an einem Termin wie Heiligabend zu öffnen. Während es ab 19 Uhr recht zäh mit drei bis vier Gästen losging, änderte sich dies ab 22 Uhr schlagartig. „Da ging die Türe nicht mehr zu“, so Hoff. Als Geschenk gab es für jeden Gast immer einen witzigen Button. In den 34 Jahren kamen so um die 60 Exemplare zustande. Auch Beate aus Urbach war bestimmt zwei Jahrzehnte treu mit dabei. Es reduzierte sich mit dem eigenen Nachwuchs. Als Zeitzeugen prangt eine Vielzahl der Buttons auf ihrer Jeansjacke. Flotte, freche Sprüche aus Rabes Schnabel reflektieren den Spirit der „etwas anderen Kneipe“: „Schlof-bloß-net-ei-nachten 2009“, „Lalle Jahre wieder 1994“ oder „Immer noch voll drauf“ zum 10-Jährigen oder „Sauber ei’gschenkt!“ für 25 Jahre. Beate erinnert sich: „Meine Mutter war anfangs beleidigt, als ich Heiligabend noch wegging.“ Mit der Schließung wird sie wohl künftig an dem Termin zu Hause bleiben. Stammgast Bernd schwärmt von der täglichen „Frühschicht“ im Täle. Täglich ab 17 Uhr bis zum Glockenschlag der Afrakirche Punkt 19 Uhr, auch mal länger. Viele Gespräche fanden hier statt, mit wechselnden Teilnehmern. Monteuren auf der Durchreise, Sängern und Mitgliedern des Posaunenchors. „Das sind soziale Kontaktwege“ schildert Bernd. Auch die „Frühschicht“ sucht künftig ein neues Wirkungsfeld.

Geballte Melancholie in der Songauswahl

Musik: Musikalisch war alles, was regional Rang und Namen hat, im Laufe der Zeit in der Kult-Kneipe. Am Freitag spielten Masi und Jogse unplugged. Am Samstag räumten Marc Daniels, Helmut „Ginger“ Gerlinger und Heiko Zikerow mit Leidenschaft und Können in der Kultkneipe ab. Spätestens hier werden die Augen feucht. Geballte Melancholie in der Songauswahl. Mit Poesie von „Prince“ „Honey i know the times are changing. Let me guide you through the purple rain“ und Bob Segers „Turn the page“. Schlagt das Kapitel zu.


Gute Nachricht: Das Haus bleibt stehen

Die Gartenstraße 8 wird nicht abgerissen. Das dementieren Hoff und Langer. Es gibt Planungen für eine Neubebauung des Geländes hinter dem Haus. Jedoch nicht anstelle des Hauses. Die Bebauung endet an der Rückseite der Kneipe. Gespräche, darunter auch ein vielversprechender Kontakt, mit Nachpächtern in den alten Räumen laufen. Weitere Interessenten können sich unter zom-taele@yeti-media.de, bei der Fidel Gastro Be -und Vertriebs GmbH oder Charly Hoff melden.

Die Macher der Kult-Kneipe haben am Samstag vorsorglich schon die Wände im Gastraum kahl geräumt. Das gab insgesamt eine traurige Optik, aber geschah vor dem Hintergrund, die altehrwürdigen Wandzierungen dem Nachpächter weitergeben zu können und zu bewahren.

Das Plakat zum Abschiedsfest zeigt den winkenden Raben mit Koffer in der Hand fertig zum Abflug. Der Hahn (Stadtbiergarten Schorndorf), der Schwan (Biergarten Schwaneninsel Waiblingen) und die schwarze Ente (Fidels Fritz ehem. Luna Waiblingen) winken mit Taschentüchern und Tränen in den Augen. Untertitel: „Schee war’s“. Dieses Abschiedsszenario gab es auch nur an diesem Tag gedruckt auf Shirts zu kaufen. Die Nachfrage war so groß, dass E-Mail-Adressen hinterlegt wurden, um die Nachbestellung zu sichern.

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