Urbach Besuch bei der Naturschutzgruppe „Save the nature“

Urbach. In Sachen Anrede sind sich die Kinder der Wittumschule konsequent uneinig. „Herr Eberle, weißt Du schon“, rufen die Kinder, die ihren Betreuer Charly Eberle abwechselnd duzen und siezen. Den stört das überhaupt nicht. Er genießt den Ausflug in den Wald. Schwer zu sagen, wer hier mit größerer Begeisterung bei der Sache ist: Der erwachsene Naturfan oder die Dritt- und Viertklässler. Ein Nachmittag mit Eberles „Save the nature-Gruppe“.

Abmarsch! Fast jeden Dienstag, wenn es nicht gerade aus Eimern gießt, spazieren Karlheinz „Charly“ Eberle und die 13 Kinder seiner Naturschutz-Gruppe los und erkunden Bergrutsch, Bäche, Bäume und Schluchten. An diesem Dienstag wollen sie neue Igelhäuser bauen. Sie nehmen ihren „Lieblingsweg“ und nach ein paar Minuten Fußmarsch passieren sie den Urbach. Der Wald begrüßt sie mit fallenden Blättern und die Ziegen am Hang meckern. Die Kinder toben, schreien, hüpfen und springen und blicken sich um. „Herr Eeebeerle“ rufen sie und zeigen ihm Spinnen, Schneckenhäuser, Äpfel und andere Schätze, die am Wegesrand versteckt sind. Eberle, er ist Betreuer im Ganztagsbetrieb der Wittumschule, erklärt, lacht, staunt und entfacht gleichermaßen Begeisterung wie Neugierde. Die Kinder können – ja sie sollen – dreckig werden, den Wald erkunden, Bäche überspringen und Böschungen erklimmen. Eine dreckige Hose? Eine Schramme? Wen stört das? Lasst die Kinder doch toben! „Hier können die Kinder richtig Spaß haben“, findet Eberle und zeigt auf Bäume, Steilhänge und Schluchten.

Das heißt aber nicht, dass jeder machen kann, was er will. Charly Eberle hat die Spinnen am Wegesrand genauso im Blick wie die junge Meute. Er erklärt ihnen, wie die Ziegen als natürliche Rasenmäher arbeiten. „Herr Eberle, guck!“, ruft Leia. Eine Spinne ist in ein Schneckenhaus eingezogen. Das ist eine Spaltenkreuzspinne, erkennt Charly Eberle und hält einen kurzen Vortrag. „Mit Becherlupen und Tierbüchern bewaffnet, werden immer wieder viele spannende Entdeckungen gemacht“, schildert er die Nachmittage. Manchmal würzt er die Spaziergänge mit Mutproben: Wer fasst in einen Ameisenhaufen? Dabei lernen sie, wie die Insekten organisiert sind – und was Ameisensäure ist. Am Ende seien sie glücklich und ihr Selbstvertrauen gewachsen, schildert Eberle. Spiele, die den Zusammenhalt stärken, hat er auch im Angebot. Der Nachwuchs soll lernen, aufzupassen, im Team zu arbeiten und rücksichtsvoll zu sein. „Man muss den Kindern etwas zutrauen. Das ist ganz wichtig“, betont der 48-Jährige. „Die Welt steckt voller Abenteuer. Für die Kinder gibt es immer wieder ein großartiges ‚Ahhh-Erlebnis‘“. Auch bei „den Kleinsten gibt es schon ein Risikomanagement und jedes Kind erforscht seine eigene Risikobereitschaft. Mit etwas versteckter Unterstützung hat schnell jedes Kind ein kleines Erfolgserlebnis und freut sich daran.“

„So sind die Männer halt“

Heute brauchen die Kinder allerdings weder nur Lupe noch Bücher, sondern bloß ihre Hände und festes Schuhwerk. „Können wir heute klettern?“, fragt ein Junge. Keine Zeit. Sie wollen doch warme Quartiere für Igel bauen. Patrick, Dennis, Jona und Doru legen los. „Du holst Laub, du holst Moos und wir holen Holz. Das wird perfekt“, teilt Jona die Aufgaben ein. Die Jungs haben wohl was gutzumachen. Letztes Mal wären die Mädchen deutlich fleißiger gewesen, weiß Eberle. Die Jungs hätten 30 Minuten gebaut und hätten nichts geschafft, fasst er zusammen. „So sind die Männer halt“, kommentiert ein Mädchen.

Dann verteilen sich die Gruppen und bauen ihre Häuser. Ein Eingang wird festgelegt. Darüber kommen Äste, darauf Laub, Farn und Moos und dann wieder Äste, damit der Bau stabil ist. Das ist „kuschelig und frostschutzssicher“, so Eberle. In solche Hütten auf dem Boden würden sich die Igel mit ihren scharfen Krallen einbuddeln. Doru läuft zu Herrn Eberle. Er will ein Graskissen bauen, damit der Igel es bequem hat. Er und seine Freunde legen fest, wo in ihrem Haus das Schlafzimmer und der Chill-Platz ist. Eberle schaut sich alles an, kommentiert und wirft selbst noch Laub und Moos auf die Hütten. „Der Igel liebt Moos“. Derlei motiviert wachsen die Häuser in die Höhe. Am Ende macht der Betreuer ein Foto von den Häusern und alle hoffen, dass bald auch Igel einziehen und dort ihren Winterschlaf verbringen. Jona freut sich: Der Eingang von einem Igelhaus, das sie vergangene Woche gebaut haben, ist verschlossen. Das war kein Mensch, weiß er, „das war 100-prozentig ein Igel!“

„Der Müll kommt in die Hosentasche!“

Die Häuser stehen. Als Dank gibt’s Süßigkeiten. „Aber ihr wisst: Der Müll kommt in die Hosentasche!“ Auf dem Rückweg erklimmen die Kinder wieder die Böschungen. Die Jungs wollen zwei Füchse gesehen haben. „Wow! Super!“, freut sich Herr Eberle, „nächste Woche bauen wir eine Fuchsfalle!“ Zehn Minuten später muss er lachen. Die beiden Füchse waren wohl eher zwei Rehkitze, berichtigen die Mädchen. Männer halt. Der 48-Jährige pflückt ein paar Äpfel. „Da, wo es geht, könnt ihr abbeißen. Den Rest schmeißt ihr weg“, rät er, als er ein paar skeptische Blicke erntet.

Etwas verspätet kehrt die Gruppe um 16 Uhr zur Schule zurück. Zwei Stunden sind vorbei. Die Kinder sind glücklich. Herr Eberle auch. Er habe eben einen guten Draht zu Kindern. „Ich bin selbst neugierig“, erklärt er und stellt mal wieder fest: Er hat einen Traumjob mit vielen Kinder und viel Natur.

Kastanienbäume

Die Naturschutzgruppe „Save the nature“ macht einmal pro Woche einen Naturausflug. In diesem Jahr wurden viele Projekte verfolgt: Tierspurensuche in Wald und Wiese, Insektenwelt: „Die Spinne und die Beute“, das BUND-Thema (Bund für Umwelt und Naturschutz): Schutz von Streuobstwiesen mit Apfelernte, der DWV-Projektwettbewerb (Deutscher Wanderverband) Schulwandern „Entdecke die biologische Vielfalt der Natur“ und außerdem ein Projekt der SDW (Schutzgemeinschaft Deutscher Wald): Kastanienlaubsammelaktion „Rettet die Kastanienbäume“.

Natur- und Abenteuerspiele stehen natürlich ebenfalls auf der Tagesordnung.

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