Urbach Bürgermeister kritisiert Coca-Cola

Urbach. Die Wassermarke Urbacher ist bald Geschichte. Der Coca-Cola-Konzern wird ab Juli die Herstellung und den Vertrieb der Marken Urbacher und Schurwald einstellen. Warum? Es geht ums Geld. Cola will sich auf die Kernmarken Apollinaris und ViO konzentrieren. Die hiesigen Marken saufen ab, da der Konzern in der Vergangenheit zu wenig und in der Zukunft gar nicht mehr investieren will, so ein Vorwurf. Das hatte auch Bürgermeister Jörg Hetzinger kritisiert. Ein Gutachten gibt ihm recht. Doch ändern wird es nichts.

Es hätte so schön sein können: 1997 übernimmt die Coca-Cola Erfrischungsgetränke AG den Abfüllbetrieb Lachenmaier und damit auch das Mineralwassergeschäft. Mit diesem Weltkonzern im Rücken, den Vertriebswegen und Marketingexperten, hätte doch, könnte man meinen, gar nichts schiefgehen können. Doch. Schon vor rund zehn Jahren, als Coca-Cola die Marke Apollinaris kaufte, habe Eberhard Immel, Betriebsratsvorsitzender in Urbach, geahnt, „das war es“. Er sollte recht behalten. Anfangs habe man viel investiert. Urbach war einer der größten Brunnen der Region. Dann ging es bergab. „Für was braucht man Urbacher, wenn man eine nationale Marke hat?“, fragt Immel im Gespräch.

Hat sich Coca-Cola das Schweigen der Mitarbeiter erkauft?

2016 dann ein weiteres Menetekel am Urbacher Wasserhimmel: Nach einer Fusion entsteht im Mai die Coca-Cola Erfrischungsgetränke GmbH (CCEP), ein börsennotiertes Unternehmen mit Sitz in London. Dort spielen rein wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. „Es bestand kein Interesse an einem regionalen Brunnen“, meint der Betriebsratsvorsitzende, „die schauen auf das Geld.“ Die Versuche, die Marken zu retten, die laut CCEP seit Jahren Verluste machten, seien „halbherzig“ gewesen. „Man hat nichts für die Marke getan“, blickt Immel auf die vergangenen Jahre zurück. Im Herbst kam dann das Aus für die regionalen Wassermarken.

Hätten die Angestellten nicht streiken müssen, dem Konzern zeigen, dass man mit ihnen so nicht umspringen darf? Die Gemeinde hatte Unterstützung angeboten. Ein Streik hätte nichts gebracht, „man hat den Brunnen vergessen“, so Immel in Richtung London. „Die Schließung war unumkehrbar.“ Der Konzern konzentriere sich auf wenige große Produktionsstandorte. In Urbach habe man nicht mehr expandieren können. Weil sie die Entwicklung kommen sahen, habe man für die Mitarbeiter „sehr gute Abfindungsregelungen“ getroffen, sagt Immel. Hat sich Cola damit das Schweigen der Mitarbeiter erkauft? „Wir konnten die Entwicklung nicht verhindern“, zeigt sich Immel resignierend. So habe man für die Mitarbeiter ein „gutes Polster“ erreichen können, das einen beruflichen Neuanfang oder einen frühen Renteneintritt ermöglichen könne. Es hätte aber auch anders laufen können.

Vorwurf: Man hätte Alternativen prüfen müssen

Das angesprochene Gutachten über den Urbacher Standort deutet an, dass Abwicklung und Abfindungen Coca-Cola wohl mehr Geld kosten als Investitionen in den Standort im Remstal. Daher kritisiert Bürgermeister Hetzinger den Weltkonzern.

CCEP hatte den Schritt im Herbst mit schlechten Zahlen begründet. Die hiesigen Wassermarken Urbacher und Schurwald ließen die Gewinne nicht sprudeln – im Gegenteil. Sie sprechen von „deutlichen Verlusten“. Auch mit „hohen Investitionen“ seien die Marken „nicht profitabel zu betreiben“, teilte Coca-Cola mit. Das stimme so nicht, besagt ein Gutachten, das die Cola-Mitarbeiter in Auftrag gegeben hatten. Dort ist von einer „Rückwärtsstrategie“ Coca-Colas die Rede. Man hätte vor Bekanntgabe der Brunnenschließung „Alternativen prüfen müssen“. Das früh verkündete Ende für die Premiummarke Urbacher habe „die Marke beschädigt“. Urbacher könne trotzdem noch eine Zukunft haben, stellte der Gutachter fest und schlug konkrete Maßnahmen vor (siehe unten).

Gemeinde hätte einen Streik unterstützt

Hetzinger betont, auch die Gemeinde habe Hilfen zugesagt. Man hätte einen Streik unterstützt. Außerdem habe man Coca-Cola eine gemeinsame Lösung in Sachen Abwasserproblematik in Aussicht gestellt. Was den Bürgermeister ärgert: Das Geld, das der Konzern nun für Abfindungen ausgibt, von einer mittleren einstelligen Millionensumme ist mindestens die Rede, hätte demnach für weitreichende Investitionen gereicht, hätte unter Umständen 55 Arbeitsplätze sichern können. Denn in Urbach gebe es doch ungenutzte Kapazitäten.

Man habe alles versucht, „die Argumente der Arbeitgeber zu entkräften“, und auf Investitionen in die Premiummarke Urbacher gedrängt, sagt Eberhard Immel. Mit dem Vertriebsnetz hätte man überall Urbacher verkaufen können, ist sich Immel sicher. Ein passendes Marketingkonzept, das auf Heimatnähe und Qualität gesetzt hätte, wäre aussichtsreich gewesen, sagen Immel und Bürgermeister Hetzinger.

„Einweg heißt weniger Arbeitsplätze“

Immerhin: Eberhard Immel hält fest, dass bloß 55 der rund 320 Arbeitsplätze verloren gehen. Erst war von 80 die Rede. Ob der Standort Urbach, hier verbleiben die Logistik, Teile der Verwaltung und das sogenannte Vending-Geschäft, das Aufstellen, Betreiben und Warten von Getränkeautomaten, eine Zukunft hat, darüber will Immel keine Prognose abgeben. Das Vending-Geschäft laufe gut. Aber „wenn die Produktion weg ist, wird es hier still. Das hat „Auswirkungen, wenn ein Brunnen stirbt“.

Er kenne die Strategie von Cola nicht. Einwegflaschen seien jedoch auf dem Vormarsch. Gegen Wasser aus dem Discounter, das für 19 Cent in Plastikflaschen verkauft wird, sei ein Mineralwasser in der Mehrwegflasche vom Preis her nicht konkurrenzfähig. Setze Coca-Cola daher weiter auf Einwegflaschen, spreche dies gegen den Urbacher Mehrweg-Standort, denn „Einweg heißt weniger Arbeitsplätze“ als die Mehrweg-Leergutrückführung. Noch werden PET-Flaschen in Urbach geschreddert und neue Flaschen hergestellt. „Ich sehe die Gefahr“, so Hetzinger, „dass in Urbach irgendwann alle Arbeitsplätze wegfallen.“

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Ein Schock

Anfang der 70er Jahre hatte Ernst Lachenmaier, der seit 1950 als Konzessionär Coca-Cola abfüllte, auf seinem damals neuen Betriebsgelände in Urbach in rund 80 Meter Tiefe in einer Muschelkalkschicht eine ausgiebige Mineralwasserquelle angebohrt: die Herminenquelle. Erst 2014 wurde der Brunnen mit großem Aufwand saniert.

Die Verluste könne man nicht wegdiskutieren, und doch sei die im Herbst getroffene Entscheidung ein Schock gewesen. Obwohl man die Entwicklung habe kommen sehen, tue die Entscheidung aus London den Mitarbeitern weh, sagt Eberhard Immel.

Die Urbacher sind mit zwei Tiefenbrunnen direkt vor dem Werksgelände autark. Auch während Hitzeperioden, in denen sich der Flaschenumsatz stark erhöht, sei man nie in die Nähe der Kapazitätsgrenzen gekommen.

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