Urbach Bürgerversammlung: Heikle Themen sorgen für volles Haus

Urbach. Sie haben geschimpft, geklatscht und eifrig argumentiert: Die Besucher der Urbacher Bürgerversammlung haben die Chance genutzt, dem Schultes ihre Meinung zu sagen. Vor allem die Pläne fürs Logistikzentrum haben für Unmut gesorgt. Allerdings haben die Urbacher ihrem kämpferischen Bürgermeister auch viel Applaus spendiert.

Nach dem vierstündigen Versammlungsmarathon haben es einige Gemeinderäte im Gespräch mit unserer Zeitung noch mal bestätigt: So viel los gewesen ist bei einer Bürgerversammlung in Urbach schon lang nicht mehr. Mehr als 250 Menschen haben in der Auerbachhalle Platz genommen (wohlgemerkt ohne die 100 Sänger aus zwei Chören). Und so viele Fragen sind auch schon lang nicht mehr gestellt worden. Alle heiklen Themen der Urbacher Kommunalpolitik hat Schultes Jörg Hetzinger angepackt. Das ist zum einen das geplante Regionalwerk. Dann die Windkraft. Die südliche Entlastungsstraße, die das Feinstaubproblem in der Urbacher Ortsmitte lösen würde – aber von betroffenen Anliegern vehement bekämpft wird. Oder der Hochwasserschutz, bei dem Urbach auf Linie mit dem Wasserverband ist – und damit eine ganz andere Position als die Nachbarn aus Plüderhausen vertritt. Aufreger Nummer eins ist aber wie erwartet die Anfrage eines Investors geworden, auf den Schraienwiesen ein Logistikzentrum zu bauen.

Logistikzentrum sorgt für Verkehr: Täglich 250 Lastwagen und 250 Autos

Der Investor, dessen Name öffentlich noch nicht bekannt ist, interessiert sich für das Zehn-Hektar-Areal, weil es nah an der B-29-Zufahrt liegt. 400 Meter soll das Gebäude lang werden – bei einer Höhe von 14,5 Meter. 250 Lastwagen und 250 Autos werden das Logistikzentrum täglich anfahren – sofern es denn gebaut wird. Noch ist gar nichts entschieden: Die Gemeinde Urbach untersucht lediglich, ob ein Logistikzentrum möglich ist. Freilich: Andere Investoren oder die von Bürgern geforderten Alternativen hat die Verwaltung noch nicht parat. Außerdem müssen ja noch die Eigentümer der 92 Grundstücke mitmachen.

Die Präsentation, die Bürgermeister Jörg Hetzinger bei der Bürgerversammlung gehalten hat, finden Sie hier >>>

Wie sehr die Urbacher das Projekt umtreibt, hat die Gemeinde bereits im Vorfeld gemerkt. Exakt acht Fragen sind schriftlich eingereicht worden, die Bürgermeister Jörg Hetzinger in seiner sehr umfangreichen Power-Point-Präsentation alle beantwortet hat. Ein Bürger hat zum Beispiel wissen wollen, ob die Schadstoffkonzentration in der Luft durchs Logistikzentrum steigt. Laut Hetzinger haben Experten herausgefunden: Ja, sie steigt, aber nur sehr geringfügig. Der Erfolg des Luftreinhalteplans für die Urbacher Umweltzone ist nach Angaben des Bürgermeisters jedenfalls nicht gefährdet. Eine andere dieser acht Vorabfragen dreht sich um die Erschließungskosten fürs Gewerbegebiet – inklusive Lärmschutz. Die liegen nach Einschätzung der Gemeinde bei 3,7 Millionen Euro. Klar ist: Die Verwaltung will diese Kosten über den Verkaufspreis wieder reinbekommen.

Bürgermeister Jörg Hetzinger hat jedenfalls mit viel Herzblut die Pro-Argumente fürs Logistikzentrum aufgeführt. Er hat sich laut eigenem Bekunden bei Fachleuten informiert und die haben dem Urbacher Schultes erklärt: Die Automobilbranche ist auf moderne Logistikzentren angewiesen. Wegen steigender Spritpreise ist die Nähe zu Stuttgart mittlerweile entscheidend. Nun zu sagen: Logistik schön und gut, aber nicht bei mir – das findet Hetzinger nicht in Ordnung. Eins stellt er aber auch klar: „Ich möchte es recht machen für Urbach.“ Wenn zwei Drittel bis drei Viertel gegen das Logistikzentrum sind, will Hetzinger das Projekt jedenfalls nicht um jeden Preis durchpeitschen. „Gegen die Bevölkerung – da würde ich mich nicht wohlfühlen.“

Immerhin ein Bürger hat sich an dem Mittwochabend in der Auerbachhalle getraut, fürs Logistikzentrum zu werben. Der Mann schafft selbst seit 30 Jahren in der Branche und geht davon aus, dass durch ein solches Zentrum direkt und indirekt bis zu 2000 Arbeitsplätze entstehen können. Sonst allerdings meldet sich kaum ein Fürsprecher zu Wort. Eine Frau hat sich gewundert, warum Urbach so sehr auf Gewerbesteuereinnahmen setzt – aus ihrer Sicht reicht die Einkommenssteuer. Urbach soll doch bitteschön einfach ein schöner Wohnort bleiben. Hetzinger kontert prompt. „Dann müssten wir sagen: Wir werden eine Gemeinde wie Althütte.“ Die Frage ist: Geht das so einfach an einer vierspurigen Bundesstraße?

Jürgen Föhl vom Gewerbeverein Urbach fragt sich, warum die Gemeinde die Schraienwiesen nicht Mittelständlern schmackhaft macht. Nach dem Motto: Lieber viele Gewerbesteuerzahler als ein Großer, von dem die Gemeinde dann abhängig ist. Erklären kann das der Urbacher Schultes schnell: Bisher ist die Nachfrage nach den Schraienwiesen gering gewesen. Ein anderer Urbacher glaubt nicht so recht, dass die 250 Lastwagen kaum Einfluss auf den Luftreinhalteplan haben. „Wir haben 300 Tage Westwind im Jahr – das kommt Richtung Urbach.“ Außerdem befürchtet er viel Lärm – und damit eine Gefahr für die Gesundheit der Anwohner.

Rolf Bertsche glaubt indes, dass sich in Urbach dank des Logistikzentrums demnächst Lagerarbeiter breitmachen – was er nicht will. Wenn schon neue Arbeitsplätze, so das Argument des Urbachers, dann bitteschön qualifizierte. Rolf Bertsche erwartet in der Logistikzentrumsfrage einen Bürgerentscheid, was ihm im Publikum Applaus eingebracht hat. Dem Bürgermeister unterstellt er sogar, bei einer Infoveranstaltung für die Schraienwiesen-Eigentümer Ende Januar mit Enteignung gedroht zu haben. Hetzinger bestreitet das. Er habe nur erklärt, was gesetzlich möglich ist, wenn fast alle Eigentümer mit dem Verkauf einverstanden sind und nur ein Besitzer blockiert.

Dass die Schraienwiesen Gewerbegebiet werden sollen, ist übrigens schon vor 20 Jahren beschlossen worden. Ein Bürger hat das am Mittwochabend so kommentiert: „Jetzt wachen die Leute auf – das ist wie bei Stuttgart 21.“

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