Urbach Die Deutsche und der Massai

Susanne Luyopoko bei einem ihrer Besuche in dem Massai-Dorf. Foto: privat

Urbach/Changalikwa. Sie ist in einer deutschen Großstadt aufgewachsen, er in einem abgelegenen Massaidorf mitten in der Savanne. Doch seit sie sich vor vier Jahren in Tansania begegnet sind, gehen Susanne und Mariki Luyopoko gemeinsame Wege – und pendeln zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Welten.

Als Susanne Luyopoko noch Langner hieß und bei einem Pharmaunternehmen in Nürnberg tätig war, fasste sie den Beschluss, eine Auszeit zu nehmen, einmal etwas ganz anderes zu machen, weit wegzugehen und anderen Menschen zu helfen. Mit dem Programm „Manager für Menschen“ ging sie dann 2015 für zwei Monate nach Tansania. Bei einem Entwicklungsprojekt half sie mit, Straßenkindern eine neue Perspektive zu geben. In Tansania gefiel ihr es ihr dann aber so gut, dass sie ihren Job kündigte und für ein weiteres Jahr in dem afrikanischen Land blieb.

Genauer gesagt in Kigamboni, einem ländlich geprägten Vorort der Wirtschaftsmetropole Daressalam. Dort verbrachte sie die Abende bisweilen mit Freunden am Strand. Und dort lernte sie dann auch Mariki kennen, einem schlanken, großen Mann vom Volk der Massai, das in Tansania eine kleine Minderheit bildet. Weil sie für ihre Kriegskünste gerühmt werden, finden die halbnomadisch lebenden Massai häufig Anstellung als Sicherheitsleute. So auch (was sie damals natürlich noch nicht wissen konnte) ihr künftiger Mann, der in traditioneller Kriegstracht Nachtwache schob an dem Strand. Und ihr verbot, den Weg nach Hause alleine anzutreten. Zu gefährlich sei das im Dunkeln für Weiße, meinte er, und bestand darauf, sie zu begleiten.

Ein Kulturschock: Die erste Begegnung mit dem Massai-Dorf

Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut, weitere Treffen folgten. Dass die Deutsche recht schnell fließend die Landessprache Suaheli sprechen konnte, half natürlich bei der Verständigung und dem späteren Zusammenkommen. Die beiden wurden schließlich ein Paar. Der erste Besuch bei der Massai-Familie stand an. Ein Höllentrip für die Deutsche: Sieben Stunden ging es über holprige, unasphaltierte Straßen, dann noch eine Dreiviertelstunde mit dem Motorrad in die Berge, Straßen gab es da schon lange keine mehr. „Ich hatte echt Angst“, sagt sie im Rückblick. „Sehr abenteuerlich“ sei das gewesen.


Tansania und die Massai

Deutschland und Tansania verbindet eine kurze Kolonialgeschichte. Von 1885 bis 1918 war das Land zusammen mit den heutigen Staaten Burundi und Ruanda Teil von Deutsch-Ostafrika.

Trotz zuletzt deutlicher wirtschaftlicher Fortschritte belegt das Land im Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen nur Platz 154 von 189 (Stand 2018).

Von den rund 57 Millionen Einwohnern des Landes zählen etwa 500 000 zur Minderheit der Massai. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht.

Vor rund 100 Jahren besaßen die Massai die besten Weidegründe zwischen Mount Kenya und Mount Elgon, doch inzwischen sind sie von dort vertrieben worden – für Naturschutzgebiete, aber auch von Großfarmen für Viehzucht und Ackerbau. Für ihre Anliegen und Interessen haben die Massai politisch kaum eine Lobby.


Die erste Begegnung mit der Massai-Familie im abgelegenen Dorf Changalikwa, wo etwas mehr als 300 Menschen leben, war für die Deutsche dann nicht weniger als ein Kulturschock: Tagsüber ist es in der Savanne drückend heiß, nachts kalt, die Hütten bestehen aus Holzstangen, Lehm und Kuhdung, es gibt kein Bad, kein fließend Wasser, keinen Strom. „Nachts war es stockfinster.“ Und dann drum herum noch all die wilden Tiere: Eines Nachts musste Mariki mit seinen Brüdern aufbrechen, um die Kühe und Schafe der Familie zu beschützen. Löwen hatten sich an die Siedlung herangeschlichen in der Absicht, Tiere zu reißen. Die Massai konnten die Raubtiere zum Glück verjagen. Hätten sie die Kühe gerissen, wäre ihnen nicht nur ihr wichtigster Besitz verloren gegangen. Die Kühe, Schafe und Ziegen spielen auch in der Religion des Volkes eine wichtige Rolle. „Man sagt, Gott habe die Kühe für die Massai gegeben“, so Mariki Luyopoko.

Den richtigen Umgang mit der Wildnis lernen die jungen Massai deshalb schon früh. Beim Übergang ins Erwachsenenalter müssen die Jungen sich drei Monate lang alleine im Busch durchschlagen, selbst versorgen. Erst wer das übersteht, gilt als Mann. Deshalb war es auch nicht der erste Löwe, den Mariki in seinem Leben verjagen musste (und wohl auch nicht der letzte).

Auch die Folgen eines schweren Schlangenbisses hat die Deutsche mitbekommen – und wie die traditionelle Medizin des Volkes für diesen eine Heilung fand (nämlich mit Hilfe einer geschlachteten Ziege, in die der betroffene Fuß hineingesteckt wurde, was tatsächlich geholfen habe). Nicht zuletzt musste sie sich auch an das Essen bei der Familie ihres Freundes gewöhnen. Tierblut, Fleisch, Milch oder Mais spielen dabei die wichtigste Rolle. Gegessen wird selbstverständlich ohne Besteck.

„Man nimmt den anderen, wie er ist, das mag ich so an den Massai“

Die Begegnung mit dieser von unserer ziemlich bequemen, technisierten Welt recht weit entfernten Lebensweise hatte nicht viel mit der romantischen Vorstellung gemein, die Westler bisweilen befällt, wenn sie das Wort Massai hören. Doch nach dem ersten Schock, den übrigens auch die Kinder im Dorf erlebten, kam bei der Deutschen schnell so etwas wie Vertrautheit auf. „Marikis Familie hat mich sehr herzlich aufgenommen.“ Keine Spur von Vorbehalten oder Neid auf sie als reiche, weiße Frau habe sie bei ihrem ersten Besuch gespürt. Stattdessen genügsame, bescheidene Menschen, großes Gottvertrauen, eine unverstellte Natürlichkeit und eine unglaubliche Toleranz erlebt gegenüber allem, was ihnen unvertraut erscheint. Lästern oder Böses über andere zu sagen, das sei in der Kultur verpönt. „Man nimmt den anderen, wie er ist. Das mag ich so unglaublich an den Massai.“ Und an ihrem späteren Mann.

Deshalb kommt sie immer wieder gerne zu ihrer afrikanischen Familie in die Savanne. Auch wenn von Deutschland aus noch einmal 22 Stunden mit dem Flugzeug auf die ohnehin anstrengende Reise hinzukommen. Direktflüge gibt es bislang nicht in das Land.

Der zurückhaltende Mariki Luyopoko kennt mittlerweile auch Deutschland, weiß vor allem die kühleren Temperaturen zu schätzen. „Ich hätte nicht gedacht, dass es hier so viel Natur gibt“, sagt er. Das gefällt ihm. Bislang habe er noch nichts Negatives erlebt, „die Menschen sind positiv gegenüber uns eingestellt“, sagt der 37-Jährige. Nur die deutsche Sprache falle ihm bislang noch etwas schwer. Das Ehepaar unterhält sich nach wie vor meistens auf Suaheli.

Der Aufbau eines gemeinsamen Lebens: Ein „Wahnsinnskraftakt“

Einfach sei ihre Beziehung aber nicht gewesen, nachdem sie nach Deutschland zurückkehrte, wo sie inzwischen in Urbach lebt und wieder bei einem Pharmaunternehmen arbeitet. Ein Visum für Mariki zu bekommen sei jedes Mal ein „Wahnsinnskraftakt“ gewesen. Viele Nachweise hätten sie dafür erbringen müssen, unter anderem über die Anzahl der Kühe, die ihm gehören. Lange sind sie dann hin- und hergeflogen, haben eine Fernbeziehung zwischen Deutschland und Tansania geführt. Seit acht Monaten sind sie nun, nach viel Vorbereitungsarbeit bei den Papieren, offiziell ein Ehepaar. „Das war Horror“, sagt die 41-Jährige. Unter anderem weil ihr Mann dafür eine Deutsch-Prüfung erbringen sollte, die so nirgendwo in Tansania abgelegt werden kann. Susanne Luyopoko erwartet mittlerweile ein Kind. Auch das soll beide Kulturen kennenlernen, in und mit ihnen leben. So will es das Paar.

„Wir leben eben in beiden Welten und lieben es“, sagt Susanne Luyopoko.


Unterstützung für die Massai-Gebiete

Aus persönlicher Anschauung weiß Susanne Luyopoko um die schwierigen Lebensumstände der Massai, die in Tansania zwar als Minderheit anerkannt sind, vom Staat jedoch auch diskriminiert werden.

Viele Massai haben aufgrund ihrer bescheidenen materiellen Verhältnisse keinen Zugang zur Bildung, die in dem Land kostenpflichtig ist. Nicht wenige sind Analphabeten. Dabei wollen die Kinder unbedingt zur Schule gehen. Ein Schulbesuch kostet pro Jahr rund 900 Dollar, was laut Auswärtigem Amt in etwa einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Jahreseinkommen in Tansania entspricht.

Auch sind Arzt- und Krankenhausbesuche aufgrund der Kosten und der Abgeschiedenheit der Massai-Siedlungen für viele kaum möglich. Zwar genügt ihnen die traditionelle Medizin bei kleineren Krankheiten und Verletzungen. Doch bei Fällen von Dengue-Fieber, Tuberkulose oder Malaria ist ein Krankenhausbesuch unerlässlich. Auch ihr Mann sei wegen einer Lungenentzündung einst fast gestorben – einer seiner sechs Brüder erlag den Folgen der Malaria.

Nicht zuletzt sind die Massai auch bedroht durch die tansanische Politik, die ihre Naturreservate weiter einengt.

Deshalb hat Luyopoko einen Hilfsverein namens Tabasamu (was in Suaheli Lachen oder Lächeln bedeutet) gegründet, der sich für die Belange der Massai einsetzt. Etwa durch Stipendien für Schüler, Solarpanele zur Stromgewinnung oder Unterstützung für Kranke, die sich keinen Arztbesuch leisten können. Auch eine Solarwasserpumpe für die Gewinnung von Grundwasser ist geplant.

Weitere Informationen zu dem Verein online unter www.tabasamu.org.

Spendenkonto: Spendenkonto: Tabasamu e.V. bei der Triodos Bank Deutschland, IBAN DE 75500310001053727006, BIC TRODDEF1

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