Urbach Leises Gemecker im Paradies

Urbach. Ständiges Gemecker begleitet Reinhard Baumgärtner, wenn er die struppigen Hügel unterhalb des Erdrutsch-Hangs erklimmt. Dazu kommt die Freude am Kuscheln. Hier schiebt sich ein Maul in die Hand, dort schuppert sich ein Paar Hörner an der Jacke: Mit 18 zutraulichen Burenziegen beweidet der 50-Jährige das schwer zugängliche Gebiet. Ein Arrangement, das Vier- wie Zweibeinern zupasskommt.

„Kommt!“ „Kommed!“ Reinhard Baumgärtner ruft zwischen den Obstbäumen in den dunstigen Morgen. Weit reicht die Sicht von hier oben ins dunstige Schorndorf im Tal. Verschleiert steht der Kirchturm in der Ferne. Matschig-braun liegen die Blätter des vergangenen Herbstes auf dem struppigen Gras. Wer hier läuft, tut gut daran, seine Schritte bedacht zu setzen: Steine von früheren Weinbergmauern, Asphaltbrocken, Reste von Treppenstufen dann und wann machen den Boden uneben. Ein paar Meter weiter zerklüften tiefe Einschnitte den Hang. Man bekommt eine Ahnung von den Kräften, die hier einst wirkten, als der Berg ins Rutschen kam.

Während sich der Mensch Stück für Stück zu den Felsen an der Abbruchkante bewegt, überholen ihn flinke Ziegen. Die haben den Ruf ihres Herrn gehört, und auch, dass dieser mit einer Packung Tempotaschentücher raschelt. Ein wirksames Lockmittel, weiß er. Die eilenden schlappohrigen Gefährten wissen ihre Beine besser zu setzen als der Mensch. Ihnen reichen auch kleine Vorsprünge im Hang oder ein Stück Fels als Trittfläche. Reinhard Baumgärtner führt Zwei- und Vierbeiner hinauf zum Felsen, vorbei an Obstbäumen und Gesteinsbrocken.

Eine Szenerie, wie gemacht für Heimatfilme

Hier oben möchte man Heimatfilme drehen, so unwirklich und reizvoll ist die Szenerie zwischen der schroffen blassrötlichen Felswand im Rücken und den dunstigen Wiesen davor. Die eidgenössische „Heidi“ mit dem Geißenpeter würde sich hier wohlfühlen. Auch ein Indianerfilm, vielleicht die „Schlacht am Little Bighorn“, könnte an Fels und Berg gedreht worden sein.

Bis zu drei Meter hoch war das Gebiet zugewachsen

Viele Möglichkeiten für einen Hinterhalt gäbe es allerdings nicht: Die Ziegen fressen alles, was Deckung böte: Gras, Gestrüpp, selbst Brombeerranken. Bis zu drei Meter hoch war das Gelände zugewachsen, als Reinhard Baumgärtner seine Ziegen auf Einladung der Gemeinde erstmals hier weiden ließ. „Seitdem gibt’s keine Brombeeren mehr.“ Die vierbeinigen „Rasenmäher“ gelangen in Ecken und Winkel, die nicht mal mit der Hand gemäht werden könnten, weiß ihr Besitzer. Manchmal erkunden sie sogar Hang und Felsabschnitte. „Ich darf da gar nicht hingucken.“

So halten die Tiere das Naturschutzgebiet frei und haben „ein Ziegenparadies auf einer Fläche von über vier Hektar“, sagt Reinhard Baumgärtner. Mit drei Tieren hatte er hier angefangen, nachdem sich Schafe als nicht geeignet erwiesen hatten, den Hang freizuhalten. Seit 2005 tun die Ziegen ihr Bestes. Als Solisten. Die aus Südafrika stammenden Burenziegen vertragen sich mit Schafen allerdings ganz ordentlich. Andere Rassen hätten eine gemeinsame Weide ohnehin boykottiert. „Deutsche Ziegen verfolgen Schafe regelrecht“, sagt Reinhard Baumgärtner. „Die Ziege meint immer, sie ist etwas Besseres.“

Während er spricht, scharen sich die Tiere um ihn, drängt sich wieder ein weiches, tastendes Maul heran, will eine Ziege das wollige Fell gekrault haben, probiert ihr Glück auch am Schreibblock und der Handtasche. Der Bock, einziger Bartträger der Runde, braucht besondere Aufmerksamkeit, zeigt schon einmal die Hörner und knurrt, um sie zu bekommen.

„Das ist eine ganz andere Welt da droben“

Reinhard Baumgärtner schaut täglich nach seinen Ziegen. Natürliche Feinde haben sie hier oben nicht. Ein Elektrozaun schützt sie vor allen anderen Eindringlingen. Nur wenn die Muttertiere Nachwuchs bekommen, müssen diese in den Stall. „Die ganz kleinen Lämmer würde der Fuchs holen.“ Der lebt nämlich auch am Erdrutsch-Hang, ebenso wie Greifvögel und Spechte.

Im Winter bringt Reinhard Baumgärtner Heu zum Zufüttern an den Hang. Im Sommer finden die Ziegen selbst genug Futter. Sogar eine eigene Quelle gibt es im „Ziegenparadies“. So müsste der Besitzer vielleicht gar nicht täglich nach seinen Ziegen schauen. Reinhard Baumgärtner ersteigt den Hügel weit über Urbach trotzdem und sehr gern. „Das ganze Gebiet ist, wenn ich da hochkomme, so was von schön. Das ist eine ganz andere Welt da droben.“

Der Erdrutsch

2001 ist der Berg im Gebiet „Kirchsteig“ oberhalb des Urbacher Freibads auf einer Länge von 240 Metern bis zu 17 Meter in die Tiefe gesackt. Über 70 000 Kubikmeter Gestein und Erde lösten sich damals. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Inzwischen gibt es einen drei Kilometer langen Rundweg, an dem Tafeln über das zum Geotop erklärte Areal informieren.

Ziegenhalter Reinhard Baumgärtner arbeitet halbtags als Werkzeugmacher und kümmert sich zudem um Landwirtschaft. Er hat neben Ziegen auch Hochlandrinder und Schafe. „Alle zur Landschaftspflege.“ Mit der tierischen „Verstärkung“ kümmert er sich um weitere Flächen um Urbach.

Die Burenziegen vom Erdrutschhang waren übrigens auch auf dem Urbacher Weihnachtsmarkt zu sehen.
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