Urbach/Plüderhausen Wenn das Trinkwasser einfach versickert

Symbolbild. Foto: Pixabay License

Urbach/Plüderhausen. Seit 2017 geht in Urbach laufend eine riesige Menge Wasser verloren. Wie und wo, das weiß niemand so genau. Jetzt geht das Remstalwerk mit Hilfe einer Spezialfirma auf die Suche nach Rohrbrüchen und Lecks im Leitungssystem. „Wir können das aus Umweltschutzgründen nicht hinnehmen“, sagt Bürgermeisterin Martina Fehrlen. Urbach ist mit dem Problem aber nicht allein.

Wenn ab kommender Woche Menschen mit Kopfhörern und Geräten in Form von langen Stäben durch Urbach laufen, dann sind das keine Goldsucher, sondern Mitarbeiter einer Spezialfirma, die auf der Suche nach Lecks im Wasserleitungsnetz der Gemeinde sind. Wahrscheinlich werden aber die wenigsten Urbacher diese Leute zu Gesicht bekommen. Sie werden nämlich dann durch die Straßen laufen, wenn alle anderen schlafen. Dann sinkt nämlich der Wasserverbrauch im Ort gegen null und folglich müsste im Leitungsnetz eigentlich Ruhe herrschen. Die Wasserspezialisten lauschen mit ihren Messgeräten in dieser Nachtruhe darauf, ob irgendwo doch etwas rauscht oder rinnt – was ein Zeichen für ein Leck oder einen Rohrbruch sein könnte.

Beauftragt wurde die Spezialfirma vom Remstalwerk, das in Urbach für die Betriebsführung der Infrastruktur zur Wasserversorgung verantwortlich ist. Die Gemeinde hat darauf bereits im vergangenen Jahr gedrängt, als klar war, dass die zuvor schon hohen Wasserverluste sich weiter gesteigert hatten. Fast 118 000 Kubikmeter versickerten im Jahr 2017 einfach aus dem Netz. Das sind 118 Millionen Liter. Oder, wie es Kai-Uwe Schick, stellvertretender Amtsleiter in der Urbacher Kämmerei, zur Veranschaulichung umgerechnet hat: alle vier Tage ein volles Freibadbecken mit 1250 Kubikmeter Inhalt.

Warum hat die Reaktion auf das Problem so lange gedauert?

Nun lautet die berechtigte Frage, warum erst 2019 etwas passiert, wenn schon 2017 so viel teuer aufbereitetes Trinkwasser einfach so im Erdboden versickert ist?

„Wir sind aktiv geworden, als wir das erfasst hatten“, sagt Bürgermeisterin Martina Fehrlen. Für die Wasserversorgung, also den Bezug des Wassers, ist für Urbach der Gemeindeverwaltungsverband mit Plüderhausen zuständig. Dort werde auch die Abrechnung über das bezogene Frischwasser gemacht, erklärt Martina Fehrlen, die dann erst einmal zur Gemeinde Plüderhausen gehe und schließlich von dort aus in Urbach ankomme. 2018 sei dazu noch die Situation von Personalwechseln gekommen, so die Bürgermeisterin, zum Beispiel habe die Leitung des Bauamts gewechselt. Im Oktober 2018 war es dann, dass im Urbacher Rathaus der enorme Wasserverlust des Jahres 2017 registriert wurde.

Daraufhin hat auch das Remstalwerk zügig die Spezialfirma mit der Lecksuche beauftragt. Weil deren Auftragsbücher aber offenbar ziemlich voll waren, war der früheste Termin für den Einsatz in Urbach die Kalenderwoche 7 in diesem Jahr, also in der kommenden Woche.

Schon 2015 hatte Urbach einen sehr großen Wasserverlust von mehr als 100 000 Kubikmetern. Damals habe man ein größeres Loch in der Frischwasserzufuhr an der Remsböschung gehabt, sagt Kai-Uwe Schick. Doch auch nach dessen Reparatur blieb 2016 die verlorene Wassermenge unverändert hoch und sprang 2017 dann auf 118 000 Kubikmeter.

Ein Wasserverlust von rund 40 000 Kubikmetern

Das sind fast 30 Prozent der gesamten Menge, die als Frischwasser ins Urbacher Leitungsnetz geflossen ist. Für 2018 liegen der Gemeinde noch keine Zahlen vor, aber es ist davon auszugehen, dass die Verluste nicht gesunken sind.

In den Jahren zuvor sei ein Wasserverlust von rund 40 000 Kubikmetern Standard gewesen, sagt Kai-Uwe Schick. Das seien im Schnitt etwa zehn Prozent der Menge, die Urbach an Frischwasser beziehe – ein Faktor, der in Fachkreisen als „normal“ gelte. Man müsse dabei berücksichtigen, dass in der Summe große Mengen mitgerechnet seien, die Feuerwehr und Bauhof regelmäßig zum Löschen oder Gießen entnähmen. Die Zahl der Wasserverluste gibt lediglich die Differenz zwischen dem bezogenen Frischwasser und den durch die Zähler in den Hauhalten gelaufenen Kubikmetern an. Nicht alles davon ist versickert.

Die Schwierigkeit dabei ist: Wenn nicht gerade ein Keller vollläuft oder Wasser über die Straße strömt, merkt von einem Leck in der Leitung zunächst niemand etwas. Dann bleibt nur die Möglichkeit, mit dem Spezial-Lauschgerät auf die Suche zu gehen. Erst dann könne man auch grundsätzliche Erneuerungsmaßnahmen im Leitungssystem sinnvoll planen, sagt Bürgermeisterin Martina Fehrlen. Grundsätzlich alte Leitungen auszuwechseln und dazu die Straße aufzubuddeln, ohne zu wissen, dass darin tatsächlich Löcher seien, hält sie dagegen für keinen guten Weg.

Fest installierte Messgeräte sollen in Zukunft helfen

Die Urbacher Gemeindeverwaltung will jetzt allerdings noch in eine andere Möglichkeit investieren: Geräte, die im Leitungsnetz angebracht werden und auslaufendes Wasser registrieren. Damit wird auch die Ortung der Lecks vereinfacht. „Da müssen wir nachrüsten“, sagt Martina Fehrlen.

Andere Gemeinden wie Remshalden oder Kernen haben die Datenlogger schon länger im Einsatz. Fehrlen will dem Gemeinderat demnächst einen Vorschlag zur Installation der Geräte machen. Grundlage ist ein Vorschlag des Remstalwerks, das 150 Geräte für Urbach vorschlägt. Diese kosten bis zu 390 Euro pro Stück, das wären also bei 150 Geräten 60 000 Euro.

Das wäre in der Größenordnung also eine nicht ganz kleine Investition. Wenn man allerdings die Kosten für die Wasserverluste dagegenstellt, die eine Menge von 118 000 versickernden Kubikmetern in einem Jahr verursachen, lässt sie sich ins Verhältnis setzen: Kai Uwe Schick spricht von Kosten in Höhe von 35 000 bis 45 000 Euro. Diese werden umgelegt auf die Verbraucher in Urbach.


Wassergebühren

Die Wasserverluste zahlen die Verbraucher über die Gebühren mit. „Das Wasser kostet in Urbach aktuell 2,40 Euro pro Quadratmeter“, sagt Kai-Uwe Schick. Ohne den „abnormalen“ Verlust wären 2,30 Euro ausreichend.

Allerdings geht die Rechnung auch nicht ganz auf, dass die Wasserpreise sinken, wenn die Gemeinde nur viel in neue Leitungen investiert. „Wenn wir viel Geld in die Hand nehmen, um Rohrbrüche zu flicken oder Leitungen auszutauschen, dann bedeutet das höhere Unterhaltungskosten beziehungsweise Investitionen, die erhöhte Abschreibungen nach sich ziehen“, sagt Kai-Uwe Schick. Und auch diese werden bei den Wassergebühren, die qua Gesetz zwingend kostendeckend sein müssen, aufgerechnet. Das heißt: Würde die Gemeinde Urbach im großen Stil überall aufgraben und in kurzer Zeit alle älteren Wasserleitungen austauschen, dann würden in der Folge die Gebührensätze stark in die Höhe schnellen.

Plüderhausen

Mit dem Problem hoher Wasserverluste steht Urbach in der Umgebung nicht allein da. Auch der Nachbar Plüderhausen zum Beispiel kämpft laut Bauamtsleiter Ludwig Kern damit. „Wir liegen auch in der 30-Prozent-Liga“, sagt er. Das heißt: 30 Prozent des bezogenen Frischwassers versickern wie in Urbach irgendwo im Netz.

Auch in Plüderhausen überlegt die Gemeinde deswegen, Spezialisten mit Messgeräten zum Lauschangriff zu schicken. Ähnlich wie Urbach mit dem Remstalwerk wolle man mit dem Zweckverband Landeswasserversorgung künftig in der Betriebsführung kooperieren, sagt Ludwig Kern.

Wichtig sei es davon unabhängig, kontinuierlich alte Wasserleitungen zu erneuern. „Bei so einem langen Netz muss man jährlich am Ball bleiben, sonst überholt einen die Alterung“, sagt der Plüderhäuser Bauamtsleiter. 360 000 Euro seien dafür im aktuellen Haushalt eingestellt. Man werde dem Gemeinderat demnächst einen Straßenabschnitt vorschlagen, den man im Visier habe.

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