Urbach Polizei warnt: Wieder mehr Wohnungseinbrüche

Urbach. Zu Pferd und zu Fuß, mit Hund und im Auto – bei einem großen Einsatz hat die Polizei am Mittwoch die Leute im Raum Urbach und Plüderhausen darauf aufmerksam gemacht, dass die Wohnungseinbrüche sich mal wieder häufen und wie man sich schützen kann.

Wir tun was

Einsatzbesprechung


„Perfekte Verkehrsanbindung“, sagt Sandro Pittelkow, das ist ein Problem: Seit Januar häufen sich die Wohnungseinbrüche entlang der B 29 – mit der S-Bahn können Diebe schnell und unauffällig verschwinden, per Auto sind sie zügig in Stuttgart oder über Aalen und die A 7 in Bayern.

Deshalb dieser abendliche Einsatz: Fast 50 Kräfte nehmen teil und bestreifen Wohngebiete in Urbach und Plüderhausen, Gmünd, Lorch und Waldhausen, Dewangen, Fachsenfeld und Abtsgmünd.

Sandro Pittelkow ist 27 Jahre alt – und Polizeioberkommissar im Führungs- und Einsatzstab. Warum der so flott unterwegs ist, offenbart sich schon bei der Einsatzbesprechung um 17 Uhr im Schorndorfer Revier. Extrem sortiert wirkt Pittelkow; selbst wenn er bloß sein Laptop entkabelt und verstaut, wirkt jeder Handgriff systematisch und trainiert. Er verteilt Einsatzmappen mit Karten, Luftaufnahmen, Grafiken, checkt Handy-Erreichbarkeiten für den theoretischen Fall einer Funk-Überlastung, nennt Sammelstellen, falls sich die Lage wegen einer Schlägerei oder eines Banküberfalls unversehens ändern sollte. „Dann machen wir die Schublade auf und ziehen Plan B.“ Kein Wort zu viel, jeder Satz präzise – dem Laien kommt das noch zielstrebiger vor, weil die Polizeisprache ein derart hochverdichteter Fachjargon ist: TWE. Zia. BefKW. Für Normalbürger: Tageswohnungseinbruch. Zentrale integrierte Auswertung. Befehlskraftwagen, das Auto des Einsatzleiters.

Die Einbrecher kommen oft nach Einbruch der Dämmerung und vor Einbruch der Finsternis. Das schwindende Licht bietet Schutz, eine Hintertür lässt sich ohne Taschenlampe finden. Und viele Leute sind um diese Zeit noch bei der Arbeit.

Um an der objektiven Sicherheit zu arbeiten, sind oft Zivilstreifen in Wohngebieten unterwegs – „das sehen die Leute aber nicht“. Der Einsatz heute folgt einer anderen Logik: Er soll die Bevölkerung sensibilisieren und informieren, soll Anreize schaffen, sich um die Sicherheit der Wohnung zu kümmern, und ist gezielt „sehr öffentlichkeitswirksam“ gestaltet: Pferde. Hunde. Fußstreifen. Verkehrskontrollen.

„Offene Kommunikation“, sagt Pittelkow. „Wir wollen, dass die Bevölkerung weiß, warum wir da sind. Die Polizei tut was für sie, und das sollen sie auch sehen.“ Das stärkt das „subjektive Sicherheitsgefühl“. Irgendwo ein gekipptes Fenster? Flyer in den Briefkasten werfen. Ein interessierter Passant? Ins Gespräch kommen. „Gefahrenabwehr vor Strafverfolgung.“ Wenn die Leute wissen, wie sie sich schützen können, lassen sich „Straftaten vermeiden. Das ist besser, als Opfer zu betreuen.“

Ach was, „bei mir ist eh nichts zu holen“ – Pittelkow hat das schon oft gehört. Nur: Das weiß der Gauner nicht. Er sieht nur von außen, ob eine Wohnung leicht zu knacken ist. Und selbst wenn er kaum was mitnimmt – für den Betroffenen ist das ein verstörender Schock: Da hat jemand „die innerste Privatsphäre“ missachtet, Schubladen durchwühlt, das Schlafzimmer durchkämmt. Nichts zu holen? Mag sein. Aber viel zu zerstören: an Weltvertrauen.

Unisono

Volksauflauf im Vogelsang


Selbstbewusst und gelassen baut er sich vor einem auf, unerschütterlich und durchtrainiert: ein Athlet auf dem Gipfel seiner Kraft. Alter: acht Jahre. Name: Unisono.

Eigentlich, erklärt sein Reiter Daniel Dominguez, sind Pferde Fluchttiere. Unisono aber wurde in zweijähriger Ausbildung an Lärm gewöhnt, Feuer, Menschenmengen. Würde neben dem Tier ein Böller krachen – nicht mal ein Ohr würde zucken.

Polizei hoch zu Ross, das klingt erst mal nach Kaiserzeit und Pickelhaube. In Wahrheit sind Pferde geniale FEM. „Führungs- und Einsatzmittel“. Eine von Wald umgebene Kaserne bewachen? Mühsam zu Fuß, unmöglich per Auto, problemlos im Sattel.

Wenn eine Streife im Auto durch ein Wohngebiet fährt, wird sie im Zweifel nicht hören, wenn irgendwo eine Scheibe splittert. Der Reiter nimmt die Umgebung viel dichter wahr; und sieht aus erhöhter Sitzposition über jede Thuja-Hecke.

Ein Einbrecher zu Fuß auf der Flucht über die Wiese? Das Auto bliebe stecken, rennende Beamte könnten den Anschluss verlieren, wenn der Gauner, gepeitscht von der Angst, Usain-Bolt-Sprintkräfte entwickelt. Dominguez und Kollegin hingegen haben neulich zwei Diebe gestellt. Überwältigen mussten sie die beiden nicht. „Viele bleiben einfach stehen, so perplex sind die“, wenn plötzlich, kaum hat man den Streifenwagen abgehängt, zwei mächtige Braune stolz schnaubend angaloppieren.

Unschlagbar aber sind Polizeipferde als Eisbrecher, das zeigt sich im Urbacher Vogelsang: Großes Hallo, ruckzuck strömt die halbe Straße zusammen um Dominguez und Kollegin Katharina Stölzle (auf „Kavalier“). Liese, „acht, äh, neun“ Jahre alt, streichelt die Tiere. Ein Bub erzählt stolz, dass „bei uns im Geschäft auch schon mal eingebrochen“ wurde. Ein Rentner („Wollen Sie mich verhaften? Dann brauchen Sie Beweise!“) gibt Entwarnung: „I lauf nemme weg“, die brutalstmögliche Belastungsprobe bleibt Unisono und Kavalier erspart.

Und Lieses Mutter Petra Siegle liefert Sandro Pittelkow das perfekte Stichwort: „Bei uns gibt’s nichts zu holen, zum Glück.“

Es folgt ein Impulsreferat über Privatsphäre und Einbruchsschock, Polizeiaktivitäten und Schutzmöglichkeiten – fremde Autokennzeichen im Wohngebiet beachten, überquellende Briefkästen vermeiden, Fenster nicht schräg stellen. Und am Ende sagt Petra Siegle einen Satz, der sich schöner auch nicht ins Drehbuch eines Polizei-Werbevideos schreiben ließe: „Gut! Dann können wir uns jetzt ja ganz sicher fühlen.“

Die Bu . . .

Verkehrskontrolle


Höhepunkt des Abends: die Verkehrskontrolle – unsterbliche Dialoge.

Ein Wagen hält, drin sitzen: er, muskelschwer; sie, fingerlackiert. Er lässt die Scheibe runter, und weil sie offenbar denkt, es schadet nie, erst mal gut Wetter zu machen per Small Talk, sagt sie zur
Polizistin am Fenster: „Hallo, wir haben schon auf Facebook gelesen, dass in Urbach überall Bullen sind.“ Er, raunend: „Nicht Bullen – Polizei!“ Er weiß das, „ich hatte nämlich schon mal mit der Polizei zu tun“.

Ach echt, staunt die Beamtin, ist ja interessant – wegen was denn? „Muss ich des sagen? Privat. Isch meine Angelegenheit.“

Okay, schauen wir uns den Verbandskasten an. Hoppla, seit drei Jahren abgelaufen. Nein, sagt er, das steht bloß außen drauf, „innen ist alles neu!“ Ähm, antwortet die Beamtin nach dem Aufklappen, die Daten auf den Verpackungen sind jetzt aber auch nicht gerade topaktuell. „Echt? Ja gut . . . schreiben Sie halt 'ne Mängelkarte.“

Ende der Kontrolle; und während der Mann einsteigt, hören die schmunzelnd ums Auto stehenden Polizisten es zischeln: „Noch einmal des Wort Bulle, und . . .“

Aus dem Abend ist Nacht geworden, der Einsatz neigt sich dem Ende zu. Einen „akuten TWE“ hat es nicht gegeben, die Reiterstaffel musste nicht galoppeln, kein Hubschrauber mit Wärmebildkamera zur Verfolgung aufsteigen – und doch, es hat sich gelohnt. All die Leute, mit denen sie ins Gespräch gekommen sind, „die werden das ihren Nachbarn erzählen“, sagt Sandro Pittelkow. „Und das ist ganz genau der Sinn der Aktion.“

Hingehen

Stufe zwei der Aufklärungskampagne zündet am Donnerstag, 3. April, um 20 Uhr in der Auerbachhalle in Urbach: Die Polizei lädt ein zum kostenlosen Vortrag „Sicher wohnen – Einbruchsschutz“. Interessierte werden gebeten, sich anzumelden unter  0 71 51 / 56 25 86 oder per Mail an fellbach.praevention@polizei.bwl.de.
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