Urbach Töpfermarkt lockt bei Sonne und Regen

Urbach. Ein Markt mit dem Flair einer Kunstausstellung: Zahlreiche Besucher pilgerten zum 26. Remstäler Töpfermarkt vor der malerischen Kulisse des Urbacher Schlosses und bestaunten die dort unter weißen Pavillondächern versammelte Handwerkskunst.

Helga und Horst Schmid aus dem Allgäu biegen Schamott-Ton in Form, ein bereits hoch gebrannter, zermahlener Ton. „Ich knete ihn wie Mürbteig, bis er Risse kriegt“, erklärt er die Technik hinter den kunstvollen Verwerfungen mit ruppiger Hülle. Die Raumobjekte, die die Künstler unter freiem Himmel im Halbkreis installiert haben, erinnern an Bäume, an etwas Holziges. „In ihrer Glasur wirken Holzaschen bei der Farbnuancierung mit“, erklärt das Künstlerpaar die Holzoptik in ihren Ton-Skulpturen.

Die Beschäftigung mit den vielen Unikaten im heimeligen Markttreiben macht Freude. Auch wenn man, wie eine Frau meint, „gar nichts Bestimmtes sucht“ - man könnte jedes zweite Gefäß mitnehmen. Angeschaut gehören ohnehin alle getöpferten Schalen, Eierbecher, Tassen, Butterdosen und Vasen. Neben dem keramischen Sektor zeigen Hersteller ihre Glasarbeiten, Textiles und Nützliches aus Holz.

Hersteller nutzen für ihre Arbeiten die Stärken aus Kunst und Handwerk

Zum ersten Mal ist Michaela Lehner aus Kassel unter den Ausstellern. Ihr Metier sind bis zu 300 Jahre alte Fachwerkbalken aus Eichenholz, das noch mal 100 Jahre älter sein muss. Sie macht Meditationshocker, Messerblöcke und Schmuckkästchen aus dem „extrem lebendigen“ Holz, auf dem mitunter noch die Merkmale des Zimmermanns zu erkennen sind.

Die Hersteller nutzen für ihre Schöpfungen die jeweiligen Stärken aus Kunst und Handwerk: „Wenn man richtig drehen kann und das Handwerk gelernt hat, kann man kreativ sein“, sagt Birgit Palt aus Offenbach. „Dotty“ nennt sie ihre mit punktförmigen Streuseln überzogene Geschirrserie, zu der sogar eine Mini-Butterdose für die halbe Butter gehört. Ihre „dots“ bringt sie nach dem Prinzip Tortenspritzer auf die Oberfläche. „Dickflüssige Porzellanmasse tupfe ich mit einem Malhörnchen auf, danach wird transparent glasiert“, beschreibt sie die filigrane Technik. Ganz der Profi, legt sie höchsten Wert auf eine eigene Glasur, sie ist der Fingerabdruck des Künstlers. „Gekaufte Glasur ist ganz klar Hobbybereich“, so Birgit Palt, die als Keramikerin von Montag bis Freitag produziert und am Wochenende auf Märkten verkauft. „Ich brauche das direkte Feedback“, erklärt sie. Das ihr eine Frau, ganz versunken in die Punkte und Farben, sogleich liefert. „Ich schaue das an und überlege sofort, wo daheim es hinpassen könnte und gut aussieht“, äußert sie sich frisch inspiriert.

Für Inspiration sorgen 87 Aussteller, jeder ist geistiger Schöpfer und handwerklich arbeitender Hersteller seiner Objekte.

Dass Ton ein flexibles Material ist, mit dem sich nicht nur dickwandige Schüsselchen machen lassen, führen die vielfältigen Spielarten vor. Es liegen puristische Formen und Poppiges aus, bodenständige Keramik und experimentelle Kunst, Eierbecher neben Ölspendern, schwarz-weiß-streng neben ultrabunt-geringelt-verspielt, Minivasen für gerade mal zwei Gänseblümchen und ein Vergissmeinnicht neben voluminösen Bodenvasen, in denen zu Dekozwecken halbe Bäume verschwinden könnten. Poesie am Stand von Eva Lübold aus der Nähe von Freiburg. „Tierisch menschliche Figuren als Singles, Paare und Beziehungskisten“ nennt die Figurenmacherin ihre Geschöpfe - bei ihr sitzen zwei bis drei Leutchen tatsächlich in einer (Beziehungs-) Holzkiste.

Tierisches schmückt viele Stücke

Für die Dekoration lassen sich viele Keramiker von der Tierwelt inspirieren: Zwei Schafe springen über grüne Teller wie über eine Frühlingswiese. Die schwache Silhouette einer Schnecke dreht sich auf Tellerböden. Schweinchen sitzen auf dem Rand einer Salatschüssel. Eichhörnchen „wachen“ in der Hocke auf dem Deckel über die Dose für Nüsse und Studentenfutter.

Ellen Reinhardt aus Tübingen bevorzugt schlichte Formen. „Mir gefällt es nicht so überdekoriert, ich greife gerne etwas vom japanischen Stil auf“, zeigt sie auf eine Ikebana-Schale, die ein blühender Kirschbaumzweig ziert.

Auffallend ist auf dem Markt auch, dass nicht gefeilscht wird. Die handwerklichen Arbeiten ziehen offenbar Publikum an, das eine Kultur für die Wertigkeit mitbringt. „Gezielte Kundschaft kommt hierher“, ist der Eindruck der „Dotty“-Künstlerin Birgit Palt. Besucherin Beate Mitschke aus Schwäbisch Gmünd zählt dazu. Sie will einen kaputtgegangenen Glasvogel ersetzen. Doch auch die Vielfalt ziehe sie regelmäßig her. „Es ist jedes Mal etwas Neues dabei.“

Der Töpfer- und Kunsthandwerkermarkt in Urbach wartete mit 80 Ständen auf, wo Handwerker aus nah und fern ihre Waren feil bieten. Die meist hochwertigen Produkte ziehen denn an einem jeden letzten Aprilwochenende im Jahr auch Besucher von überregional an. Der Sonntag ist dabei der besucherstärkste Tag. Dann ist er rund um das Schloß Urbach ( Schloßstraße 35 ) von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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