Urbach Urbacher Beschäftigte des öffentlichen Diensts beim Streik in Stuttgart

Urbach/Stuttgart.
Bauhof, Verwaltung und Kitas waren in Urbach am Montag dicht oder zumindest sehr dünn besetzt. 60 Urbacher gingen mit 10.000 anderen Beschäftigten des öffentlichen Diensts in Stuttgart auf die Straße und forderten 6,5 Prozent mehr Lohn.

Schon von weitem sind die Pfeifen in der Stuttgarter Innenstadt zu hören. Je näher man dem Gewerkschaftshaus kommt, desto lauter wird es. Auf dem Vorplatz der Willi-Bleicher-Straße 20 ist außer dem Schrillen der Pfeifen dann fast nichts mehr zu verstehen. Mehrere Tausend Menschen haben sich hier versammelt, mit Plakaten, Fahnen und Westen. „Wir streiken“ und „Wir sind es wert“ ist darauf zu lesen. Für einen eintägigen Warnstreik legten die Angestellten des öffentlichen Diensts ihre Arbeit nieder und demonstrierten für mehr Lohn.

Auch der Rems-Murr-Kreis beteiligte sich mit mehr als 500 Angestellten rege am Streik. „Hier sind ganz viele aus Waiblingen und Korb“, sagte Verdi-Gewerkschaftssekretärin Jana Seppelt. Allein aus der Gemeinde Urbach waren rund 60 Erzieherinnen, Verwaltungsangestellte und Mitarbeiter des Bauhofs dabei – mehr als die Hälfte der dort im öffentlichen Dienst Tätigen. „Die Urbacher leisten gute gewerkschaftliche Arbeit“, erklärte Seppelt deren zahlreiche Anwesenheit. „Aber der Bürgermeister macht es ihnen auch einfach.“ Denn der verweigere den Beitritt zum Arbeitgeberverband und behandle die Angestellten unterschiedlich.

Daten und Fakten

Die Streikenden in Stuttgart zogen vom Gewerkschaftshaus zum Stuttgarter Marktplatz. Dort empfingen sie gegen 12 Uhr den Verdi-Vorsitzenden Frank Bsirske als Hauptredner.

Der Streik betraf wie schon vor zwei Wochen den Nahverkehr. Busse und Bahnen der Stuttgarter Straßen AG fuhren nicht.

Zum Abschluss der zweiten Streikwelle gingen gestern in Baden-Württemberg insgesamt etwa 20.000 Menschen auf die Straße.

Die Ungleichbehandlung der öffentlich Angestellten erregte auch Bernd Riexinger, Verdi-Geschäftsführer des Bereichs Stuttgart. Im großen Saal in der ersten Etage des Gewerkschaftshauses heizte er die Stimmung ordentlich an. „Unsere Arbeit wird mit Füßen getreten und nicht respektiert“, rief er ins Mikro am Rednerpult. „Das Wichtigste überhaupt ist die Kindererziehung, aber für die Beschäftigten ist kein Geld da. Das passt nicht zusammen.“ Zustimmender Beifall und Pfeifkonzerte schallten durch den Saal. Und dann durfte sogar ein Urbacher zur Menge sprechen. „Dass in Urbach nichts los ist, stimmt heute“, verkündete der Personalratsvorsitzende Roland Hieber. „Im Bauhof ist nichts los, im Rathaus sind nur die Beamten und der Bürgermeister. Es lebe Urbach!“

Während die Redner im Saal das Publikum begeisterten, bildeten sich eine Etage tiefer kleine Menschen-Schlangen. Einige stehen an, um sich in die Listen einzutragen, die gewährleisten, dass man trotz des Arbeitsausfalls sein Gehalt erhält – von der Gewerkschaft. Gleich daneben stehen andere, um sich mit Westen und anderen Streikutensilien einzudecken. Und wer das alles hinter sich hat, kann gleich zur Brezel-Kaffee-Schlange weiterrücken. Die Streikenden müssen gut gestärkt sein – „es soll hier ja keiner umkippen“, sagte Roland Hieber.

Schon um 7:45 Uhr haben sich die Urbacher am Bahnhof getroffen, um sich gemeinsam auf den Weg nach Stuttgart zu machen. „Das ist ein tolles Gefühl, wir waren noch nie so viele“, so Roland Hieber. Er hofft, dass die Streiks Wirkung zeigen. „Alle, die hier sind, arbeiten gerne in Urbach“, sagte er. „Aber bitte dann richtig, mit angemessener Bezahlung.“ Denn die Preise würden steigen, nicht aber die Löhne. „Und die Anforderungen an uns wachsen“, sagte Conny Weidler, Leiterin des Urbacher Kindergartens. „Es ist kein Wunder, dass es kaum Männer in unserem Beruf gibt.“ Denn eine Familie sei von dem Gehalt nur schwer zu ernähren. „Deshalb kann ich den Beruf der Erzieherin im Moment auch gar nicht empfehlen“, ergänzte Stefanie Joos, Leiterin der Kita Kunterbunt. Das sei zwar eine sehr schöne Arbeit; gut leben könne man davon aber nicht. „Einer Bekannten habe ich sogar empfohlen, lieber Sozialpädagogin zu werden“, sagte Anne Eboigbe, Leiterin der Urbacher Kinderkrippe. Für sie bringt es der Slogan „Wir sind es wert“ auf den Punkt. „Es fehlt an Wertschätzung unserer Arbeit. Wir arbeiten für die Zukunft der Kinder; das ist brutal wichtig.“ Deshalb müsse sich an der Bezahlung einiges tun.

Das Verständnis der Eltern sei groß. „Viele sagen: Geht raus, setzt euch durch“, so Anne Eboigbe. Und das, obwohl viele Kinder heute zu Hause versorgt werden mussten. Denn in einigen Einrichtungen konnte nur ein Notbetrieb eingerichtet werden.

„Wir hoffen, dass das Signal bei den Arbeitgebern ankommt“

Gar kein Betrieb herrschte heute auf dem Bauhof. „Behälterkontrolle, Heckenschnitte, Holz- und Plasterarbeiten – all das bleibt heute liegen“, so Leiter Holger Spannaus. Stattdessen stärkten die Urbacher sich mit Kaffee und Brezeln, um dann unter dem nicht endenden Schrillen der Pfeifen loszuziehen – vom Gewerkschaftshaus quer durch die Stuttgarter Innenstadt. Die Angestellten des öffentlichen Dienstes und die Gewerkschaft fordern 6,5 Prozent, mindestens aber 200 Euro mehr Lohn. Die Arbeitgeber sind bisher nur zu 3,3 Prozent mehr Entgelt bei einer Laufzeit von 24 Monaten bereit. „Das ist nix“, so Gewerkschaftssekretärin Jana Seppelt. „Wir hoffen, dass das Signal heute ankommt und die Arbeitgeber mehr bieten.“

Sollte das bei den Tarifverhandlungen am Mittwoch nicht der Fall sein, will Verdi die Streiks fortsetzen.

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