Urbach Video: Besuch im Naturschutzgebiet

Urbach/Schorndorf. „Ah ... Was ist denn das?“, fragt Wolfgang Bogusch, zückt sein Fernrohr und gibt die Antwort selbst: Die Rohrammer fliegt über das Naturschutzgebiet „Morgensand und Seelachen“. Es ist 8 Uhr morgens und die Hobby-Vogelkundler Wolfgang Bogusch, Jörg Daiss und Erwin Lang vom Nabu unternehmen einen behutsamen Streifzug durch die Vogelwelt zwischen Schorndorf, Haubersbronn und Urbach.

Vogelkunde ist kein Hobby für ungeduldige Menschen. Vogelkundler wissen selten, welche Tiere sie zu Gesicht bekommen. An diesem Morgen zeigt der Eisvogel ihnen beispielsweise die kalte Schulter. Die drei Männer hören ihn, aber kriegen ihn nicht vor die Linse. Je nach Jahreszeit ist die Chance jedoch groß, dass sie in der Vogelwelt des Naturschutzgebiets Morgensand und Seelachen viele verschiedene Arten zu sehen bekommen und ihr Fernglas zücken können. „Ohne Fernglas läuft nichts!“, sagt Erwin Lang, der seit Jahrzehnten Vögel beobachtet. Wolfgang Bogusch schätzt die Langsamkeit: „Man muss ruhig sein, sich ducken, verschwinden und warten.“ Dann zeigen sich irgendwann Wendehals, Graureiher, Rotmilan und andere Vögel. Auch der Feldhase hoppelt über die Wiesen, was der Frosch mit einem Quaken kommentiert.

So ein Ausflug in die Natur schärft die Sinne. Die Augen suchen den Horizont ab, der Blick schweift über Wiesen, Gewässer und Bäume. Entfernt sich der Beobachter von der B 29, filtert das Ohr nach ein paar Minuten das stete Rauschen der Autos raus und der Mensch fokussiert sich auf die Suche nach Vögeln. Oft ist es das Ohr, das das Fernglas lenkt. Denn auf den Ästen in den Bäumen lassen sich Vögel nieder und singen. Auch auf dem Grün, beispielsweise auf den Feuchtwiesen, sitzen sie. Graugänse picken mit ihren Schnäbeln schmatzend ins feuchte Gras und stärken sich. Auf rund 40,5 Hektar breitet sich das FFH-Vogelschutzgebiet aus. Das Naturschutzgebiet bietet ungestörten Raum und Nahrung für rund 40 Brutvogelarten und ist mit mehr als 150 beobachteten Vogelarten einer der wichtigsten Lebensräume für an Feuchtgebiete gebundene Vögel im Remstal. Es dient ebenfalls als Rastplatz für viele Zugvögel.

Eisvögel, Kormoran, Rotmilan und andere Flieger im Remstal

Der Mensch greift hier nur zaghaft ein. Im August wird gemäht. Es sind „unterstützende Maßnahmen“, die Jörg Daiss und seine Kollegen durchführen, um den Vogelrastplatz für die Zukunft zu erhalten und vor äußeren Eingriffen zu bewahren, „sonst wäre das hier schon Wald“, sagt Wolfgang Bogusch. „Es gibt Vögel, die brauchen dieses Gebiet“, weiß Daiss und listet unter anderem Eisvogel und Kormoran auf, die auf dieses Mischgebiet mit Schilf, Bäumen, Gewässern, Gehölz und Büschen angewiesen sind, das der Mensch nach Möglichkeit gar nicht betreten soll. Das Besondere an diesem Naturschutzgebiet sind diese Puzzleteile, die ganzjährig Brut-, Rast- und Zugvögel sowie Nahrungs- und Wintergäste anlocken, erklärt Jörg Daiss. So treffen die Beobachter dort je nach Jahres- und Tageszeit Fischadler, den Rotmilan, Singvögel, Fledermäuse, den Schmetterling Ameisenbläuling und andere Flieger an, ebenso wie Mäuse, eben „alles, was kreucht und fleucht“, so Wolfgang Bogusch.

Höhepunkte sind für die Vogelkundler das stumme Beobachten der Vögel, wenn der bunte Eisvogel von Baum zu Baum hüpft, der Fischadler seine Beute fängt und verspeist und der Beobachter mit seinem Fernglas ganz nah dran ist. Bei manchen Arten helfen sie nach, hängen Nistkästen auf. Für den Wanderfalken haben sie einen Brutplatz auf einem Hochspannungsmast aufbauen lassen. Manchen Vögeln müsse man eben unter die Flügel greifen. Andere bauen privat wie die Rabenkrähe, die sich ebenfalls auf dem Strommast häuslich einrichtet. Dieses Nest könnte später von anderen Vögeln genutzt werden, erklärt Daiss.

Die Vogelkundler sind Naturschützer, die ihr Hobby, das Beobachten der Tiere, mit einem tiefergehenden Anspruch verbinden, dem Naturschutz. Der Artenreichtum im Vogelgebiet sei ein Indikator dafür, dass hier noch intakte Natur ist, sagen die Nabu-Leute, nicht ohne Stolz, dass sie daran Anteil haben.

Sie schätzen das Ungestörte, das sie erhalten wollen und das ihnen Lebensfreude bietet. „Wenn wir Zweibeiner aufstehen, ist Hektik ein bestimmendes Element des Lebens“, schildert Wolfgang Bogusch. Es ist die Mischung aus „zur Ruhe kommen“ und „das Besondere sehen“, das den Reiz für ihn ausmacht. Die Natur habe keine Stimme. Das übernähmen die Vögel. Stundenlang beobachten sie an manchem Sonntagmorgen, wie die Vogelwelt erwacht – oder einschläft, denn manche Flieger sind nachts aktiv. „Das Besondere ist das ewige Warten“, sagt Wolfgang Bogusch, beispielsweise bei der Zugvogelbeobachtung. 77 Wespenbussarde haben sie im vergangenen Jahr beobachtet, ein weiterer Höhepunkt.

„Die beste Zeit zum Beobachten ist eigentlich das ganze Jahr“

Wieder nähert sich ein Flugobjekt. „Da kommt der Turmfalke wieder“, erkennt Jörg Daiss ihn am „typischen Flatterflug“. Woher sie das alles wissen? Langjährige Erfahrung. Vogelkunde sei ein traditionelles Nabu-Thema. Die beste Zeit zum Beobachten? Gibt’s nicht. „Eigentlich das ganze Jahr“, antwortet Daiss, wenn Vögel kommen und gehen und andere wie Rotkelchen in Sträuchern brüten. Daiss bewundert die kleinen Vögel, die fünfmal in ihrem Leben von Urbach nach Portugal fliegen und dabei bloß drei Gramm auf die Waage bringen. Teilweise werden die Vögel mit Ringen versehen, um Verknüpfungen herstellen zu können: Wohin fliegen sie, wo brüten sie? Wo liegen die Vogelzugrouten europa- und weltweit? Wie entwickeln sich die Bestände? Insgesamt fördern die technischen Entwicklungen die Erforschung der Vogelwelt. In den vergangenen Jahren wurde viel entdeckt, berichtet Jörg Daiss. Die Technik unterstützt die Sinne.

Die Nabu-Leute genießen ihren Aufenthalt im Schutzgebiet und setzen sich dafür ein, dass die störanfälligen Tiere in Ruhe gelassen werden. „Es muss Restgebiete geben, die der Mensch aus der Distanz beobachtet“, sagt Wolfgang Bogusch.

Die Planungen um das Hochwasserrückhaltebecken im Naturschutzgebiet Morgensand/Seelachen sehen die Mitglieder des Nabu kritisch. „Gelingt es nicht, die Kernzone der Remsaue als Naturschutzgebiet wirksam zu schützen, wird es in diesem einzigartigen Lebensraum des mittleren Remstals für viele seiner natürlichen Bewohner keine Zukunft geben“, sagt Jörg Daiss.

Mehr Infos unter www.nabu-schorndorf.de

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