Urbach Video: „Sechs dunkle Minuten“

Den Weg zum Bauhof bei Dunkelheit haben die Grünen passend in Szene gesetzt. Foto: Habermann / ZVW

Urbach. „Sechs dunkle Minuten“ lautet der Titel eines Videos, das die Urbacher Grünen auf ihrer Homepage veröffentlicht haben. Es zeigt den Fußweg zur geplanten Flüchtlingsunterkunft am Bauhof bei Dunkelheit. Es wirkt trostlos. Provozieren wollen die Grünen nicht, sagt Burkhard Nagel. Für mögliche Kritik sieht Bürgermeister Jörg Hetzinger auch „überhaupt keinen Anlass“.

Zu Beginn heult ein Wolf. Dann knirscht es, die Kamera wackelt, als sich die Fußgänger, Urbacher Grüne, in Bewegung setzen. Sie gehen von der Konrad-Hornschuch-Straße kommend die Austraße entlang. Atemzüge sind zu hören. Eine Stoppuhr läuft mit. Nach 59 Sekunden überholt ein Fahrrad die Kameraleute. Das rote Rücklicht verschwindet. Die diffusen Lichtpunkte der Straßenlampen weisen den Weg Richtung Bauhof. Zwischendurch dreht sich die Kamera, fängt eine weitgehend dunkle Landschaft ein. Der Kameramann bleibt stehen. Wohnungen sind als kleine gelbe Schimmer am Rand zu erkennen. Man hört einen Zug vorbeifahren. Er übertönt die Schritte. Dann wieder Ruhe. Nach sechs Minuten und 23 Sekunden erreichen die Fußgänger den Bauhof. Ein Wolf heult. Dieses Geräusch haben die Grünen eingefügt, um die einsame Szenerie zu unterstreichen.

Burkhard Nagel: Willkommenskultur fängt bei der Unterkunft an

Das überspitzte Video, bewusst bei Nässe und Dunkelheit gedreht, transportiert und inszeniert die Botschaft der Grünen: Urbach ist an dieser Stelle unwirtlich. Einladend ist es zu später Stunde nicht. „Die Aufnahmen sind eine Verdeutlichung dessen, was wir bereits gesagt haben“, erklärt Gemeinderat Burkhard Nagel, „das ist keine Willkommenskultur.“ Im Dezember hatte sich der Gemeinderat mehrheitlich für die Erstunterbringung von Flüchtlingen auf einem Grundstück am Bauhof ausgesprochen. Dort plant der Landkreis bis zum 31. März eine Unterkunft für 40 bis 45 Menschen zu errichten. Die grünen Gemeinderäte stimmten dagegen. Der Standort Wiesenstraße sei zentraler. Dort gebe es mehr Nachbarn, mehr Gelegenheit für Kontakte. Eine Willkommenskultur fängt bei der Unterkunft an, macht Nagel deutlich.

Die übrigen Fraktionen im Gemeinderat und Bürgermeister Jörg Hetzinger hatten anders argumentiert. Willkommenskultur und Betreuung seien „standortunabhängig“, denn man werde auf die Menschen zugehen. Die Entfernung sei „überhaupt kein Problem“, hält Hetzinger im Hinblick auf Bahnhof und Einkaufsmöglichkeiten fest. „Das ist nicht unzumutbar“. Einzig die Züge, die beim Bauhof vorbeifahren, das räumt er nach einem Besuch ein, sorgten für Krach. Aber auch andere Bewohner hätten dieses Problem und müssten ebenfalls ein paar Minuten gehen, um in den Ortskern zu gelangen, und es gebe besser beleuchtete Umwege. Insgesamt sei die Beleuchtung ausreichend. Die weitere Erschließung des Grundstücks, hinter dem Bahnhof sollen Container aufgebaut werden, werde vorangetrieben. Und so äußert sich der Bürgermeister zurückhaltend über das Video. Das sei „schade“, schließlich gebe es einen mehrheitlichen Gemeinderatsbeschluss.

Den akzeptieren die Grünen. Burkhard Nagel ist allerdings enttäuscht, dass sich kein anderer Gemeinderat auf ihre Seite gestellt hatte. Also haben sie überlegt, was sie noch unternehmen könnten, um zu zeigen, dass der Standort „viel zu weit draußen“ sei. So entstand das Video. „Flüchtlinge gehören an unseren Gartenzaun“, sagt Nagel. Der soziale Kontakt komme ansonsten viel zu kurz. Bei der Integration von Flüchtlingen gehöre das Zwischenmenschliche dazu, Gespräche mit Nachbarn, mit Leuten, die man auf der Straße trifft. „Das ist soziale Kontrolle im positiven Sinn.“ Es gehe darum, sich „zu sehen und zu hören“. Wenige Menschen werden zum Bauhof gehen und das Gespräch suchen, befürchtet Nagel.

Der Kommunalpolitiker hält nichts von Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen, räumt aber ein, dass es auch Probleme geben wird. Aber: „Die kommen ja nicht, weil sie in ihrer Heimat kriminell gewesen sind, sondern weil sie in unmenschlichen Regimen gelebt haben. Das sind Menschen wie wir!“ Es müsse ein Geben und Nehmen zwischen Bevölkerung und Flüchtlingen stattfinden. Das Erlernen der deutschen Sprache müsse beispielsweise Pflicht sein. Er ist sich auch sicher, dass die Gemeinde gewinnen wird. Beide Seiten werden profitieren. Der geplante „Arbeitskreis Asyl“ werde bei der Integration helfen.

Mit der Standortwahl habe die Gemeinde versucht, Konflikte zu vermeiden, vermutet er. Die Mehrheit im Gemeinderat sei unsicher, was sie den Urbachern zumuten könne. Doch die Energien, die man meint, durch den Bauhofstandort einzusparen, werde die Gemeinde doppelt bei der Betreuung investieren müssen, meint Nagel.

Bürgermeister Jörg Hetzinger: Bei diesem Thema nicht übertreiben

Man dürfe bei diesem Thema „nicht übertreiben“, macht Bürgermeister Jörg Hetzinger deutlich. Man müsse ja auch überlegen, wo die Leute herkommen, welche Standards dort im Gegensatz zu Deutschland herrschten. „Es ist nicht unmöglich, was wir hier machen.“ Welche Art von Containern aufgebaut werden, entscheidet das Landratsamt. Jörg Hetzinger betont, dass es sich bei den Flüchtlingen um Menschen handelt, die maximal zwei Jahre in der Urbacher Erstunterbringung bleiben werden. Bei den Anschlussflüchtlingen, diese bleiben länger, überlegt die Gemeinde noch, wie und wo sie untergebracht werden können. Eine Container-Lösung ist nicht geplant. Unter Umständen würden Urbacher Wohnungen anbieten. Wer nach Urbach kommen wird, kann die Gemeinde nicht beeinflussen. Das entscheidet der Landkreis.

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