Urbach Video: Weiterer Bergrutsch droht

Oben ist der Urbacher Bergrutsch zu erkennen. Die nach unten abknickende Gebäudereihe in der linken Bildmitte wäre unter Umständen von Rutschungen des Hangs unterhalb des Hohen Bergs betroffen. Also könnten, sofern nötig, Sicherungsmaßnahmen anstehen. Foto: Habermann / ZVW

Urbach. Im April 2001 rutschten nach lang andauernden Regenfällen im Gewann Kirchsteig rund 70 000 Kubikmeter Erd- und Gesteinsmassen hinab. Schon 1921 gab es einen Bergsturz, damals am Alten Berg. Dieser Hang hat sich zwischen 2013 und 2014 so stark bewegt, dass sich im Februar dieses Jahres das geologische Landesamt an die Gemeinde Urbach wendete. Nun stehen Bohrungen an. Unter Umständen muss die Gemeinde danach reagieren und den Hang kostspielig sichern.

Gegen Ende der Informationsveranstaltung „über notwendige Maßnahmen zur Stabilisierung des Hangs unterhalb des Alten Bergs“ fand Prof. Dipl.-Geologe Matthias Hiller, entgegen seiner erklärten Absicht, Worte, die man als dramatisch bezeichnen könnte. „Wenn er in Rutschen kommt, lege ich meine Hand für die erste Gebäudereihe nicht ins Feuer“. Niemand könne sagen, ob etwas passieren wird. Am Ende sei es eine „Frage der Verantwortung und der Haftung“. Es sei jedoch „keine Gefahr in Verzug“. Worum ging es?

Am Donnerstagabend informierte Bürgermeister Jörg Hetzinger die Menschen in der Auerbachhalle über Messungen (Kasten unten) im Hangbereich „Alter Berg“ in Richtung „Obere Seehalde“. Die haben ergeben, dass sich der Hang zwischen dem April 2013 und März 2014 stärker bewegt hat, als in den Jahrzehnten zuvor.

Um rund 15 Zentimeter hatte es horizontal Verschiebungen gegeben. Ein Jahr wartete das geologische Landesamt ab. Der Hang beruhigte sich bis Mai wieder. Trotzdem informierte Dr. Clemens Ruch, Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau, die Gemeinde, die von diesem Ergebnis „völlig überrascht war“, so Hetzinger. Zwar gebe es innerhalb des Wohngebiets Obere Seehalde keine Hinweise auf Verwerfungen, und Kriechbewegungen seien nichts Ungewöhnliches, aber 15 Zentimeter binnen eines Jahres seien ein „Hinweis, sich diesem Thema näher widmen zu müssen, ohne operative Panik“ zu schüren, so Ruch.

Um den Hang zu sichern, müsste eine Art Drainage verlegt werden

Auf einer größeren Fläche gab es 2013/14 Bewegung am Hang. Anders als bei gewachsenen Gebirgen ist die Fläche nicht verdichtet. Es gibt eine Art „Gleitschicht“. Dringt dort viel Wasser ein, kann sie in Bewegung geraten. Diese Gleitschicht liegt unterhalb der Gesteinsschicht. Wie tief, ist noch nicht bekannt. Auf diesem Gleitmittel rutschte der Hang vor zwei Jahren bei hoher Niederschlagsmenge hinab. Will die Gemeinde den Hang sichern, muss sie beim Wasser ansetzen, schilderte Dr. Clemens Ruch, und eine Art Drainage schaffen, denn „vorrangiges Treibmittel ist das Wasser“.

Durch rund 70 ähnliche Schadensfälle in Baden Württemberg im vergangenen Jahr sei das geologische Landesamt sensibilisiert, hielt Dr. Ruch fest, nachdem Jörg Hetzinger angemerkt hatte, dass Ruchs Vorgänger stets gesagt habe, man solle den Hang in Ruhe lassen. In dieser Ansicht bestärkten ihn Anwohner, die zur Infoveranstaltung gekommen waren. Ein Bürger sagte, er beobachte den Hang seit 40 Jahren und da habe es bloß „geringe Bewegungen“ gegeben, so der Vermessungsingenieur, der die Sache „nicht sehr dramatisch sieht“. Er befürchtet, dass mögliche Erkundungsbohrungen erst Rutschungen auslösen könnten. Doch solche Erkundungsbohrungen stehen nun an und könnten im Herbst starten. Kosten für die Gemeinde: Rund 50 000 Euro, schätzt Bürgermeister Jörg Hetzinger.

Prof. Dipl.-Geologe Matthias Hiller erklärte den Zuhörern, was sein Ingenieurbüro „Henke und Partner“ in Urbach unternehmen will. Ruch und Hiller waren sich einig, die Messdaten allein reichen nicht aus. Es müsse festgestellt werden, wie tief der Grundwasserstand ist, und auf welcher Tiefe sich die Gleitschicht befindet und wie der Boden aufgebaut ist, sprich: Ob Gefahr besteht, dass der Hang bei starken Regenfällen weiter abrutschen kann.

Dabei geht es nicht um das Oberflächenwasser, sondern um das Wasser, das ins Erdreich eindringt und die Gesteinsschicht aufweicht und schlimmstenfalls ins Rutschen bringt. Die Bohrungen werden sich verteilt über ein Jahr hinziehen, um verlässliche Daten zu gewinnen. Dann wird ein Konzept erstellt und mögliche Arbeiten könnte die Gemeinde Ende 2016 ausschreiben. Dann hat sie ebenfalls Kenntnis überdie neuesten Messpunktergebnisse. Denn in Trockenphasen kann der Hang wieder zur Ruhe kommen, so Dr. Clemens Ruch.

Ergeben die Bohrungen, dass die Gemeinde reagieren muss, schlägt Ruch eine Art Drainage für den Berg vor. Kiesbohrpfähle werden in die Erde gesteckt, in Richtung eines Fixpunktes immer tiefer, von dem das Wasser dann in einen Vorflutgraben Richtung Straße abläuft. Eine Pumpe muss nicht installiert werden.

Als ein Bürger die Frage stellt, was das Ganze denn kosten könnte, nannte Prof. Hiller die Zahl „bis zu zwei Millionen Euro“, was nicht nur bei Bürgermeister Jörg Hetzinger für kurzfristiges Entsetzen sorgte. Später korrigierte Hiller. Die Zahl werde wohl niedriger liegen. „Doch auch eine Million Euro sind für uns eine Menge Holz“, machte Hetzinger deutlich. Günstig würde es nicht. Zuschüsse werde es eher nicht geben, hat sich der Schultes bereits schlaugemacht.

Ob die Gemeinde Sicherungsmaßnahmen in Auftrag gibt, entscheidet der Gemeinderat. Das geologische Landesamt informiert lediglich. Hetzinger ist vorsichtig. Er will zwei Gutachten einholen, bis er etwas unternimmt. „Ich muss das tun, was mir die Fachleute sagen.“ Er betonte: „Ich will am Ende nicht der Schuldige sein.“ Auch weil, wie ein Besucher anmerkte, die Klimaveränderungen zu mehr Trocken- und Regenperioden führen würden und das Risiko für Rutschungen wohl erhöhen werde.

Die Verhältnisse wirken rutschauslösend

„Der Kirchsteigtobel bei Urbach liegt in der naturräumlichen Einheit Welzheimer Wald. Die Hänge bilden den südwestlichen Saum des Waldes, dessen Hochfläche durch tief eingeschnittene Täler und Schluchten zerteilt wird. Seit dem Einbruch des Oberrheingrabens im Eozän zapft das Flusssystem des Rheins mehr und mehr das danubische Gewässernetz an und hat damit auch die Rems und ihre Zuflüsse umgelenkt. Das starke Gefälle zur neuen Erosionsbasis Rhein/Nordsee führt zum Eintiefen der Fließgewässer und zu übersteilten und instabilen Talhängen. So beträgt der Höhenunterschied von der Stubensandsteinhochfläche (412 m NN) oberhalb des Bergrutschgeländes über den Kirchsteigtobel zum Urbach etwa 140 Meter auf insgesamt 1 Kilometer Luftlinie. Der Schichtenaufbau am Hang wird beherrscht vom harten, klüftigen und wasserdurchlässigen Kieselsandstein, den eine Auflage der Oberen Bunten Mergel abdeckt; im Liegenden finden sich mit den Unteren Bunten Mergeln tonreiche und somit bei Wassersättigung gleitfähige Schichten. Neben übermäßiger Wasserzufuhr wirken diese geomorphologischen Verhältnisse rutschauslösend“. (Quelle: Landes-Umweltministerium)

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