Urbach/Waiblingen Martina Fehrlen über das Amt der Bürgermeisterin

Urbach. Ohne die Unterstützung und das Verständnis der Familie und der Freunde ist es nicht möglich, das Privat- und Familienleben und das Amt eines Bürgermeisters unter einen Hut zu bekommen, sagt Martina Fehrlen. Die 40-Jährige wurde vergangenes Wochenende zur Urbacher Bürgermeisterin gewählt.

Weshalb ist der Beruf „Schultes“ für Frauen weniger attraktiv als für Männer?

Bürgermeisterin zu sein beziehungsweise zu werden ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Dass ich dies wahrnehmen kann, verdanke ich ganz maßgeblich meinem Mann, der mir zu Hause den Rücken freihält und mich unterstützt. Ohne diese Voraussetzung könnte ich das Amt nicht ausfüllen. Eine Karriere in der freien Wirtschaft, im öffentlichen Dienst oder in der Politik ist für Frauen genauso möglich wie für Männer. Frauen sind sogar häufig besser ausgebildet und haben bessere Abschlussnoten als Männer. Sobald allerdings Kinder das Leben bereichern, muss die Organisation zu Hause geklärt werden. Ohne klare Absprachen und Zuständigkeiten kann ein Familienleben nicht funktionieren. Zum Glück gibt es inzwischen eine Wahlfreiheit, so dass die Familien in Deutschland selber entscheiden können, welches Modell für sie privat und beruflich richtig ist. Durch neue Rollenmodelle und -vorbilder werden in Zukunft sicherlich immer mehr Frauen in exponierte Führungspositionen und damit auch in die Rathäuser einziehen. Der Beruf „Schultes“ ist nicht weniger attraktiv für Frauen als für Männer, sondern bedarf nur deutlich mehr Organisation des Privat- und Familienlebens.

Wie muss ein Kandidat, egal ob Mann oder Frau, gestrickt sein, um Bürgermeister werden zu wollen?

Um ein Ziel zu erreichen, müssen Sie konsequent Ihren Weg gehen und auch bei Niederschlägen aufstehen und weitergehen. Dies gilt für den Beruf wie für den Sport oder andere Ziele. Ein Bürgermeister ist Verwaltungsleitung und sollte sich daher im Verwaltungshandeln auskennen. Ein entsprechendes Studium stellt eine wichtige Grundlage dar. Darüber hinaus ist er Führungskraft und hat eine Vorbildfunktion. Ein Bürgermeister ist aber auch erster Repräsentant der Gemeinde und muss daher Freude daran haben, sich mit anderen Personen auszutauschen, bei Vereinen, Verbänden und anderen Akteuren die Gemeinde zu vertreten und in Kommunikation mit den Menschen vor Ort zu treten. Optimalerweise kennt der Bürgermeister die Vereinsarbeit aus eigener Erfahrung und weiß, wie man das Ehrenamt motiviert und begleitet. Um einen Wahlkampf erfolgreich zu meistern und um nach der Wahl das Privat- und Familienleben gut zu organisieren, benötigt ein Kandidat darüber hinaus die große Unterstützung und das Verständnis seiner Familie und Freunde.


Eins, zwei, drei, vier

1995 gewann Irmtraud Wiedersatz als erste Frau eine Bürgermeisterwahl im Rems-Murr-Kreis in der 3700-Einwohner-Gemeinde Burgstetten. 2011 wurde sie mit fast 80 Prozent zum dritten Mal wiedergewählt.

2013 folgte die Wahl von Katja Müller in Kaisersbach. Müller stammt aus Kaisersbach, hat dort auf dem Rathaus gelernt, war zuvor Ortsvorsteherin in Schlechtbach und hatte in der Gemeinde Berglen bereits kandidiert.

2016 übernahm Gabrielle Zull den Chefsessel im Rathaus der Großen Kreisstadt Fellbach. Die Juristin ist die erste Oberbürgermeisterin im Rems-Murr-Kreis.

Mitte April ist Martina Fehrlen im ersten Wahlgang in Urbach zur Bürgermeisterin gewählt worden.

Im vergangenen Jahr hatten in Baden-Württemberg lediglich sieben Oberbürger- und 76 Bürgermeisterinnen in den 1101 Gemeinden das Sagen. Der Frauenanteil beträgt nur 7,5 Prozent. Bürgermeisterinnen stünden mehr unter Beobachtung als ihre männlichen Kollegen, hieß es bei einem Bürgermeisterinnen-Treffen 2017 in Bad Saulgau.

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