Urbach/Waiblingen Warum wollen so wenige Frauen Bürgermeister werden?

Die Anforderungen an einen Bürgermeister sind vielfältig. In einer fiktiven Stellenanzeige für die Gemeinde Idealdorf haben wir diese Erwartungen etwas überspitzt formuliert. Foto: Büttner / ZVW; Grafik: ZVW

Urbach/Waiblingen. Martina Fehrlen in Urbach ist als vierte Frau im Rems-Murr-Kreis zur Bürger- beziehungsweise zur Oberbürgermeisterin gewählt worden. Ist Schultes nach wie vor ein Männerberuf? Wir fragten Dr. Arne Pautsch, Professor für Öffentliches Recht und Kommunalwissenschaften an der Hochschule für Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg. Die Fragen stellte unser Redaktionsmitglied Martin Winterling.

Herr Pautsch, wie hoch ist der Frauenanteil an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg?

Der Anteil an weiblichen Studierenden liegt deutlich über dem der männlichen Studierenden. Derzeit sind im Bachelor-Studiengang Public Management etwa zwei Drittel der Studierenden Frauen.

Was sind die Berufs- und Karriereziele der Studierenden? Gibt es einen Unterschied zwischen Mann und Frau?

Insofern ergibt sich ein differenziertes Bild, das aber nicht immer an den bisherigen überkommenen Rollenverständnissen zwischen Mann und Frau festzumachen ist. Kennzeichnend für das Studium an der Verwaltungshochschule ist, dass durchaus von einer Mehrheit eine verantwortungsvolle Position in den öffentlichen Verwaltungen - vor allem in den Rathäusern – angestrebt wird. Das kann gerade in kleineren Gemeinden auch bereits beim Berufseinstieg die Funktion etwa des stellvertretenden Hauptamtsleiters oder des Kämmerers sein. Das ist kein ungewöhnliches Karriereziel. Und die Erfahrungen nicht weniger Absolventen zeigen, dass es gerade ein Spezifikum in Baden-Württemberg ist, dass bereits mit dem Bachelorabschluss durchaus gehobene Positionen erreicht werden können. Das deckt sich mit den Karrierezielen der Studierenden, die gerade nicht auf eine dauerhaft reine Sachbearbeitertätigkeit ausgerichtet sind. Einen verallgemeinerungsfähigen Unterschied zwischen Mann und Frau gibt es insoweit nach meiner Einschätzung nicht. Das ändert sich nur mit Blick auf weitere Karriereoptionen wie dem Bürgermeisteramt oder der Funktion der Beigeordneten.

Sind Frauen weniger „karrieregeil“ als Männer?

Das ist ein schwieriger Begriff. Es geht eher um die Frage, wer eher bereit ist, die hohe zeitliche Belastung und - gerade mit Blick auf das Bürgermeisteramt - das Risiko eines Scheiterns bei der Wiederwahl auf sich zu nehmen.

Ist der Beruf des Bürger- beziehungsweise Oberbürgermeisters im Studium ein Thema? Gibt es dazu spezielle Vorlesungen oder einen Abschluss?

Der Bürgermeisterberuf ist selbstverständlich ein wichtiges Thema im Studium, und wir haben mit einem eigenen Schwerpunkt „Kommunalpolitik und Führung im öffentlichen Sektor“ einen gut nachgefragten Vertiefungsbereich gegen Ende des Studiums. Dort steht auch und gerade der Beruf des Bürgermeisters im Mittelpunkt.

Im Arztberuf hat sich ein Wandel vollzogen, der sich bei der Besetzung von Hausarzt-Praxen bemerkbar macht: Stichwort: Life-Work-Balance. Frauen sind weniger zu einem Rund-um-die-Uhr-Beruf bereit, als es früher Männer waren. Ist der Beruf des Bürger- oder Oberbürgermeisters überhaupt erstrebenswert, wenn im Leben Familie und Kinder nicht zu kurz kommen sollen?

Dieser Befund ist sicher zutreffend. Es lässt sich nicht leugnen, dass es allgemein eine abnehmende Tendenz gibt, sich der 80-Stunden-Woche des Bürgermeisteramtes zu stellen. Das betrifft übrigens nicht nur die Frauen, auch Männern geht es so, dass die Life-Work-Balance zunehmend wichtiger erscheint. Das erklärt übrigens auch, weshalb die Bereitschaft, für ein Bürgermeisteramt zu kandidieren, in den letzten Dekaden merklich abgenommen hat.

Bei den letzten Bürgermeisterwahlen im Rems-Murr-Kreis fiel auf, dass - von nicht ernstzunehmenden Kandidaten abgesehen - die „Wahl“ sehr eingeschränkt war. Glück für die Bürger, wenn sie zumindest die „Wahl“ zwischen zwei passablen Kandidaten/-innen hatten. Gilt Schultes zu werden bei den Studierenden nicht mehr als Traumberuf?

Es ist hier schon ein Wandel zu verzeichnen. Das hat auch mit geänderten Lebensgewohnheiten zu tun und damit, dass das Maß an Verantwortung und die Aufgaben gestiegen sind. Auch die politische Kultur hat sich verändert, die Bürgerinnen und Bürger möchten sich zum Teil auch zwischen Wahlen stärker ins Geschehen einbringen. Stichwort: Bürgerbeteiligung. Das ist grundsätzlich zu begrüßen, führt aber auch dazu, dass sich Bürgermeister neu ausrichten müssen. Vielfach geschieht das schon in vorbildlicher Weise, aber es verlangt eben auch insoweit eine erhöhte Verantwortung - und Zeit.

Wie könnte aus Sicht eines Fachmannes für öffentliche Verwaltung und Finanzen der Beruf Bürgermeisterin attraktiver werden?

Es muss stärker auf das gesetzt werden, was in Baden-Württemberg traditionell den Bürgermeisterberuf ausgezeichnet hat: die hohe fachliche Qualifikation, die durch das Studium an den Verwaltungshochschulen erworben wird. Damit ist ein klarer Fokus auf die Verwaltungsleitung gerichtet. Mitunter sind wir auch als Verwaltungshochschulen gefordert, dies stärker im Studium zu verankern. Wobei man auch sagen muss, dass der Ruf der Verwaltungshochschulen als „Bürgermeisterschmieden“ noch präsent ist. Immerhin sind die meisten der jungen Bürgermeister in Baden-Württemberg nach wie vor Absolventen der Hochschulen in Ludwigsburg beziehungsweise in Kehl.

Und wie könnte die Bereitschaft der Absolventen dieser Bürgermeisterschmieden gefördert werden, tatsächlich in den Städten und Gemeinden zu kandidieren?

Es wird konkret darauf ankommen, die fachliche Verantwortung in der Verwaltungsleitung auf mehrere Schultern zu verteilen. Es wäre zum Beispiel eine Option, die Möglichkeit, Beigeordnete zu bestellen, auch kleineren Gemeinden zu ermöglichen. Das bedürfte einer Änderung der Gemeindeordnung und des Kommunalbesoldungsgesetzes, und damit wären natürlich höhere Personalkosten verbunden. Aber es wäre ein Ansatz, der wenigstens diskutabel sein sollte. Das könnte für eine Entlastung an der Verwaltungsspitze sorgen und zu einer Attraktivitätssteigerung des Bürgermeisterberufs führen. Wie gesagt, es ist eine Option.

Sind im Rathaus Job-Sharing-Modelle denkbar, um die Belastung durch die Terminflut zu begrenzen?

Das ist tendenziell schwierig, weil das Wahlamt des Bürgermeisters nicht teilbar ist. Aber durch eine Aufteilung der Verwaltungsleitungsaufgaben ließe sich möglicherweise ein zukunftsweisender Weg aufzeigen. Die hessische Magistratsverfassung ist in gewisser Hinsicht so ein Modell, das schon lange besteht.

Müssen wir uns von dem Bild eines Schultes verabschieden, der immer und überall den Grüßonkel beziehungsweise die „Grüßtante“ spielt, nebenher Kreisrat ist, in den örtlichen Vereinen aktiv und noch weitere „Ehrenämter“ bedient?

Das sehe ich jedenfalls so. Das Ehrenamt und die Verankerung vor Ort - etwa in Vereinen - sind für den Bürgermeister sicher förderlich. Aber die Figur des Bürgermeisters als stets erreichbarer „Kümmerer“, die damit ja letztlich immer gerne verbunden wird, ist meines Erachtens eine Fiktion. Wichtiger ist es, wie gesagt, dass das Berufsbild des Bürgermeisters auf das konzentriert wird, was es in erster Linie ist: eine Gemeindeverwaltung gut zu führen.

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