Urbach Wenn der Mieter die Wohnung zerstört

Dieses Foto ist ein beliebiges Symbolbild und zeigt nicht die Wohnung, von der im Artikel die Rede ist. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Urbach.
Leerstehende Wohnungen, die nicht vermietet werden, obwohl die Gemeinde sich als Mieterin anbietet – das hat Bürgermeisterin Martina Fehrlen in einem Interview mit unserer Zeitung als Skandal bezeichnet. Daraufhin meldete sich in unserer Redaktion ein verärgerter Urbacher Hausbesitzer. Er hatte gerade erst massive Probleme mit einem langjährigen Mieter und sagt: „Das ist nicht vergnügungssteuerpflichtig.“ Er könne jeden verstehen, der aus Angst vor solchen Problemen seine Wohnung lieber nicht anbietet.

Der Mann will anonym bleiben, nicht, weil er selbst seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sondern um die Identität seines Mieters zu schützen. Wir nennen den Hausbesitzer hier Herrn V. Unserer Zeitung zeigt er die Wohnung im ersten Stock seines Zweifamilienhauses, dessen Erdgeschoss er mit seiner Frau selbst bewohnt. Mitarbeiter einer Entrümpelungsfirma waren den ganzen Tag damit beschäftigt die völlig zugemüllten und verwahrlosten Räume zu leeren. Auch ohne Müll und Möbel macht die Wohnung einen furchtbaren Eindruck. Braune Flecken und Schlieren überziehen den Boden in der Küche, Schimmelflecken die Wand. Der Geruch, der in der Luft hängt, ist eine Mischung aus Moder und Hundekot-Aroma.

20 Jahre hat der Mieter dort gewohnt, den größten Teil der Zeit problemlos. „Er war immer ordentlich“, sagt Herr V. Doch irgendwann habe man gemerkt, dass etwas nicht stimme. „Du hast gemerkt, er driftet ab.“ Die Zeichen des Verfalls waren irgendwann offensichtlich: „Wenn er die Wohnungstür aufgemacht hat, hat man es gerochen.“ Für Herrn V. ist klar, dass der Mann psychische Probleme hatte und überfordert war und eigentlich Hilfe gebraucht hätte. Hilfsangebote seinerseits seien jedoch nicht auf fruchtbaren Boden gefallen.

Vor einer erneuten Vermietung muss ein Kammerjäger kommen

Herr V. zeigt Fotos vom Zustand der Wohnung vor der Entrümpelung: alles vollgestellt mit Gegenständen, Tüten, Müll. Besonders schlimm ist es in der Küche, wo verschimmelte, faulige Töpfe nicht nur auf den Ablagen, sondern sogar auf dem Boden ein Eigenleben entwickelt haben. Fotos davon in der Zeitung abzudrucken, kann man niemandem zumuten. „Im Keller stand eine Kühlbox mit Fleisch und Wurst“, erzählt Herr V. „In Regenbogenfarben.“ Bevor er wieder vermiete, müsse er einen Kammerjäger holen und alles komplett renovieren.

Dass er die Wohnung wieder vermietet, das steht für den Urbacher außer Frage, trotz der Extrem-Erfahrung, die er mit seinem Mieter gemacht hat. „Eine Wohnung gehört bewohnt“, sagt er. Schon aus praktischen Gründen: Man müsse sie ja ohnehin heizen und lüften, sonst bilde sich früher oder später Schimmel. Herr V. kann aber nachvollziehen, warum sich manche Hausbesitzer dagegen entscheiden, Mieter in ihr Haus zu lassen. Gerade ältere, alleinstehende Frauen seien bei Problemen überfordert. „Die packen das nicht mehr. Und sagen sich: Dann lasse ich die Wohnung lieber leerstehen.“

Deswegen findet der Vermieter die Kritik von Bürgermeisterin Martina Fehrlen völlig überzogen. Diese hatte im Interview mit unserer Zeitung Unverständnis darüber geäußert, dass so viele Wohnungen und Häuser in Urbach leerstehen und nicht vermietet werden. Obwohl die Gemeinde sogar mehrfach das Angebot veröffentlicht hatte, selbst als Mieterin aufzutreten, um die Mietzahlungen zu sichern und alles mit dem eigentlichen Mieter zu regeln. Alles schön und gut, sagt dazu Herr V. „Aber ich muss als Vermieter ja mit dem zusammenwohnen. Wenn der keine Kehrwoche macht, kommt bestimmt nicht Frau Fehrlen und putzt.“

„Viele sagen: Da möchte ich keinen Fremden drin haben“

Wenn es leerstehende Wohnungen gebe, dann gehe es tatsächlich meist nicht um die klassische Mietwohnung als Geldanlage, sondern eher um die Einliegerwohnung im eigenen Haus, sagt Ottmar Wernicke, Geschäftsführer des Verbands Haus und Grund Württemberg, der die Interessen vieler Hausbesitzer und Vermieter vertritt. „Viele sagen: Da möchte ich keinen Fremden drin haben.“ Ältere Hausbesitzer würden die Wohnung auch häufig freihalten, um im Pflegefall eine Fachkraft dort wohnen lassen zu können, die sich kümmert.

Das Angebot der Gemeinde Urbach, als Ansprechpartner zwischen Mieter und Vermieter zu stehen, helfe zwar, meint Ottmar Wernicke. „Da kommt die Miete sicher, das ist ein Vorteil.“ Aber die Hemmungen, jemanden mit im eigenen Haus wohnen zu lassen, den man nicht kenne, könne man damit nicht ausräumen. Wichtig sei in jedem Fall, „dass man die Mieterauswahl mit dem betroffenen Vermieter zusammen trifft und das zueinanderpasst“.

Wernicke hält allerdings insgesamt das Thema des Wohnungs-Leerstands für überbewertet. „Das ist kein Massenphänomen, bei dem man viel im Kampf gegen die Wohnungsnot erreichen kann“, sagt er. Dazu gibt es aus seiner Erfahrung und den Zahlen nach, die ihm vorliegen, tatsächlich viel zu wenige leerstehende Wohnungen, die zur Vermietung geeignet wären. Ohne Neubauprojekte in großer Zahl gehe gar nichts voran. „Da brauchen wir Nachverdichtung. Und wir brauchen im maßvollen Sinne Neubau auf der grünen Wiese.“

„Die überwiegende Mehrheit macht keinen Ärger“

Nachverdichtung ja, pflichtet dem die Urbacher Bürgermeisterin Martina Fehrlen bei. „Wir haben im Ort bestimmt an die 40 Baulücken.“ Aber man könne die Eigentümer nicht zwingen, sie auch als Bauplätze auf den Markt zu bringen. Ihre Meinung: „Ich finde es nicht verantwortbar, Wiesen im Außenbereich zu Wohnbauflächen zu entwickeln, wenn wir im Ort noch Freiflächen haben.“

Beim Thema Leerstand widerspricht Martina Fehrlen dem Haus-und-Grund-Geschäftsführer Wernicke und bleibt aus Urbacher Sicht dabei: „Wir haben einen erheblichen Leerstand bei den Häusern.“ Statistiken dazu hat sie nicht. Aber ihre Mitarbeiter im Rathaus könnten auf Anhieb mindestens 15 Objekte auflisten. Wenn man die alle dem Wohnungsmarkt zugänglich machen würde, wäre viel geholfen, sagt die Bürgermeisterin.

Sie bleibt auch bei ihrem Appell an die Urbacher Haus- und Wohnungsbesitzer, Wohnraum zugänglich zu machen, damit Leute, die verzweifelt suchen, ein Dach über dem Kopf finden. Und sie erneuert das Angebot, dass die Gemeinde als Hauptmieterin auftreten kann, um das Risiko für die Vermieter gering zu halten. „Dieses Angebot habe ich gemacht, weil mir die Sorgen und Nöte der Vermieter bewusst sind“, sagt sie. Eine pauschale Angst sei jedoch unbegründet: „Nicht jeder Mieter ist ein Messie. Die überwiegende Mehrheit macht keinen Ärger.“

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