Urbach Wichtige Rolle bei erster Volkszählung

Urbach. Sein gutes Englisch hat Hermann Schweizer die Türen geöffnet. Drei Jahre lang hat der Techniker für den amerikanischen Großkonzern IBM in Ghana Pionierarbeit geleistet. Der Urbacher hat den Lochkarten-Maschinenpark für die erste Volkszählung des neuen ghanaischen Staats betreut – eine aufregende Zeit.

Zeitzeugen-Einsatz

Hermann Schweizer hat bei einem Stuttgarter Zeitzeugen-Projekt mitgewirkt. Gerademal zwei Jahre alt ist der gebürtige Stuttgarter gewesen, als ein verheerender Brand kurz vor Weihnachten 1931 das Alte Schloss zerstört hat. Drei Feuerwehrmänner starben damals an diesem 21. Dezember.

Die wissenschaftliche Projektleiterin hat Hermann Schweizer deshalb extra besucht. Der Wahl-Urbacher hat ihr alte Fotos gegeben und erzählt, an was er sich noch erinnert. „Die Qualmwolken, die haben sich mir im Alter von zwei Jahren eingebrannt.“

Hermann Schweizer ist auch sonst an Geschichtsthemen sehr interessiert. Vor sechs Jahren hat er deshalb zum ersten (und einzigen) Mal in seinem Leben an den Bundespräsidenten geschrieben. Auch ist sein Haus voll mit alten Büchern und Gegenständen, zu denen es was zu erzählen gibt.

Schon die Anreise ist ein Abenteuer. Wir schreiben das Jahr 1959, es ist November, Hermann Schweizer sitzt in einer Maschine, die ihn von Deutschland nach Ghana bringen soll. Doch das Flugzeug kehrt zweimal um, landet wieder in Europa. Warum, das weiß er nicht. Beim dritten Mal aber klappt es. Gut, den Mann von seinem Arbeitgeber IBM, der ihn am Flughafen abholen soll, trifft Hermann Schweizer erst im Hotel. Aber diese Unterkunft entschädigt für alle vorherigen Unannehmlichkeiten: Hermann Schweizer bekommt ein Zimmer im Ambassador-Hotel, der Top-Unterkunft in der Hauptstadt Accra, in der auch hohe Staatsgäste residieren. „Das war in Ghana damals das einzige Luxushotel“, erinnert sich Hermann Schweizer. Die Kosten dafür, sagt der heute 83-Jährige, seien seiner Firma damals egal gewesen. Wichtig war allein der Auftrag: Hermann Schweizer sollte mindestens zwei Jahre als Außendiensttechniker den Lochmaschinenpark betreuen, mit dem die junge Republik Ghana ihre erste Volkszählung stemmen wollte.

Auserwählt: Gutes Englisch gibt den Ausschlag

Es sind Pionierzeiten. Der Politiker Kwame Nkrumah hat das Land als ersten schwarzafrikanischen Staat in die Unabhängigkeit geführt. Die Briten sind zwar als ehemalige Kolonialmacht nicht total einflusslos, denn Ghana bleibt immerhin noch ein Jahr Mitglied des Commonwealth. Doch das Sagen hat jetzt Premierminister Kwame Nkrumah. Er hat das ehrgeizige Ziel, die erste Volkszählung zu stemmen, mit einem modernen Lochkarten-Maschinenpark von IBM. Der amerikanische Großkonzern hat damals keine Computer gebaut, wie wir sie heute kennen. Bevor es elektronische Speichermedien gibt, dienen Lochkarten dazu, Daten zu erfassen und zu sichern. Und mittendrin ist der gebürtige Stuttgarter Hermann Schweizer. Er ist 30 Jahre alt, noch ledig, als die amerikanische Zentrale bei IBM Deutschland nachfragt, ob es da in der Bundesrepublik nicht jemanden gibt, der den Job machen kann. Die Wahl fällt auf Hermann Schweizer – wegen seiner guten Englischkenntnisse.

Die hat der 83-Jährige einst als Schüler in Schorndorf erworben. Die Stuttgarter Oberschulen wurden im Herbst 1943 wegen der häufigen Fliegeralarme geschlossen. Hermann Schweizer landete bei weitläufigen Verwandten in Urbach und besuchte bis Sommer 1947 das heutige Burg-Gymnasium, das damals Hindenburg-Oberschule hieß. Just deshalb ist Hermann Schweizer 1980, kurz vor dem Vorruhestand, wieder nach Urbach gezogen, wo er bis heute mit seiner Frau wohnt.

Hermann Schweizer ist keiner, der mit seinen Erlebnissen in Afrika angeben will. Und einen Helden oder so was in der Richtung soll bitte auch keiner in ihm sehen. „Ich war ja durch meine Firma abgesichert.“ An die Zeitung gewandt hat sich der Wahl-Urbacher wegen des Artikels über den Ghana-Arbeitskreis, der seit Jahren am Burg-Gymnasium angeboten wird und der erst jetzt wieder sieben Jugendlichen ermöglicht hat, das westafrikanische Land kennenzulernen.

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