Urteil zum Sampling erwartet Darum geht es beim Streit Kraftwerk gegen Moses Pelham

Wer Sequenzen aus anderen Stücken benutzen will, sollte lieber um Erlaubnis fragen Foto: Pixabay

Zwei Sekunden lang ist sie und seit fast zwei Jahrzehnten beschäftigt sie nun schon die Gerichte: Eine Rhythmussequenz des Kraftwerk-Stückes „Metall auf Metall“ aus dem Jahr 1977. Zwei Sekunden, die kopiert und in laufender Wiederholung einem ganz anderen Stück von Sabrina Setlur aus dem Jahr 1998 beigemischt wurden. Dieser Prozess, das Sampling, ist ein in der Musikproduktion weit verbreiteter Kunstgriff, eine Art künstlerisches Recyceln von Tonfolgen, aus denen dann neue Superhits entstehen können. Jedoch hat Moses Pelham als Produzent des betroffenen Setlur-Songs niemals bei Kraftwerk nach der Erlaubnis zur Verwendung der Zwei-Sekunden-Tonfolge gefragt. Wie weit also darf ein Künstler gehen für die Kreation eines neuen Werkes? Wiegt das Urheberrecht schwerer als die künstlerische Freiheit? Das will am Donnerstag abschließend der Bundesgerichtshof nach jahrelangem Streit klären. 

Videos: "Metall auf Metall", Kraftwerk, 1977, und "Nur Dir", Sabrina Setlur, 1998

Jahrelanger Rechtsstreit

Dieser Streit, der schon vom Landgericht Hamburg 2004 über den Bundesgerichtshof 2008 über das Bundesverfassungsgericht 2016 bis zum Gerichtshof der Europäischen Union führte, dreht sich im Grunde um den Konflikt des Urheberrechtes mit künstlerischer Freiheit. Paragraf 24 Absatz 1 des Urheberrechts besagt: „Ein selbstständiges Werk, das in freier Benutzung des Werkes eines anderen geschaffen worden ist, darf ohne Zustimmung des Urhebers des benutzten Werkes veröffentlicht und verwertet werden“. Allerdings könne sich laut Ansicht des OLG Hamburg und des BGH Moses Pelham nicht auf diesen Artikel beziehen, da „es ihnen möglich gewesen wäre, die entnommene Sequenz selbst einzuspielen. Aus dem Recht auf freie Benutzung lasse sich kein Recht ableiten, Tonaufnahmen ohne Einwilligung des Tonträgerherstellers zu nutzen“.

Enge Grenzen für das Sampling

Der Europäische Gerichtshof setzte auch zuletzt in seiner Vorab-Entscheidung dem Sampling enge Grenzen. Auch das Verwenden sehr kurzer Musikfetzen von fremden Tonträgern sei zustimmungspflichtig. Die Rechte des Urhebers würden nur dann nicht verletzt, wenn eine Sequenz in geänderter und in nicht wiedererkennbarer Form verwendet werde. Das Verwenden einer Sequenz in geänderter und nicht wiedererkennbarer Form sei kein Zitat des ursprünglichen Werkes. Damit würden auch die Rechte der Inhaber des Ursprungswerkes nicht verletzt. Der Bundesgerichtshof muss nun am Donnerstag entscheiden, ob die zwei Sekunden Tonfolge ein Zitat des ursprünglichen Werkes ist – oder nicht.

Kritisch, wenn es um produzierte Stücke geht 

Nun ist Moses Pelham nicht der Einzige, der Sampling als Technik einsetzt. Ganze Musikgattungen verdanken ihre Existenz dem Einfallsreichtum von Künstlern, die aus den Werken anderer Künstler Neues erschaffen. Jeder einigermaßen talentierte DJ sampelt gewohnheitsmäßig Rhythmen aus einem Stück in ein anderes. Und es gibt Werke, die sogar nur aus einer Aneinanderreihung von Samples bestehen. Der Streit veranschaulicht exemplarisch den Kampf zwischen künstlerischer Freiheit und den wirtschaftlichen Interessen der Tonträger-Hersteller. Sampling wird nämlich deswegen von Gerichten kritisch gesehen, weil sich der Künstler „nicht nur vom Schaffen eines anderen inspirieren lässt, sondern sich zugleich das Ergebnis der Bemühungen und verlegerischen Investitionen aneignet, die der Tonträger darstellt“, wie es der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof, Maciej Szpunar, in seinem Schlussantrag formulierte. Wer samplen will, braucht also erstmal einen Tonträger – oder zumindest ein produziertes Stück, aus dem er sich dann bedienen kann. 

Die Beklagten, die erfahrenen Produzenten Moses Pelhalm und Martin Haas, haben sich ohne Frage aus dem produzierten Tonträger bedient. Sie hätten natürlich auch Kraftwerk zuvor um Erlaubnis fragen und gegebenfalls für die Nutzung auch zahlen können. Es gibt aber auch Künstler, denen weniger Mittel zur Verfügung stehen, die aber mit erstaunlich kreativer Schöpfungskraft aus bekannten Tonfolgen neue Werke zaubern - und diese auch auf Plattformen wie Youtube präsentieren. Hier dürfte man am gespanntesten auf das Urteil sein. 

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