USA Superreich, supercool

Uptown - Downtown, ganz oben, ganz unten in der Stadt der Städte. Foto: Susanne Hamann

New York City - Wer lange nicht in Manhattan war, hätte es fast vergessen: Hier ist alles riesig, die Häuser, die Autos, der Luxus, der Müll und das Elend. „Ready, Willing & Able“ (bereit, willig & fähig) steht auf einem Transporter des Doe Funds, der sich um Gestrauchelte und Obdachlose kümmert. Das sollte man schon sein, in der 8,5-Millionen-Metropole, die auf keinen gewartet hat, niemandem etwas schenkt, aber alles verspricht. Immer höher wächst die Skyline, als habe es die Anschläge vom 11. September nie gegeben - schmaler, gewagter als zuvor: 2017 soll an der 57. Straße der nächste Mega-Wolkenkratzer entstehen, das dünnste superhohe Gebäude der Welt, 435 Meter, der Steinway Tower. 2018 kommt der Nordstrom Tower, 541 Meter hoch wie das neue One World Trade Center.

In den höchsten Apartmentturm weltweit werden die Superreichen einziehen oder dort ihr Geld parken. Ganz anders: Uptown, Harlem, 135. Straße: braune Wohnblöcke, kein Gospelflair. Eine Plastiktüte flattert in dürren Zweigen, Überwachungskameras überall, Security-Häuser aus Holz. In der Antioch Baptist Church geht der Gottesdienst zu Ende, Klatschen, Kerzen, Gitarre, auf der Straße kein Mensch. Vor Sozialwohnungstürmen der Sechziger, den Grant Houses, sieht man Spielplätze auf Asphalt, kein einziges Kind. Auf einer Baustelle, mitten im Schutt steht eine weiße Madonna, daneben ein Käfig mit Vögeln. Hier will man nur eins: weg. Vor der Columbia-Universität fährt ein Bus ab, ein eleganter schwarzer älterer Herr, weiße betagte Damen steigen ein, die sonntägliche Expedition ins Metropolitan Museum. Die Frauen versinken in Minutenschlaf, schwanken im Gleichtakt der Haltestellen. Eine, den Gatten stützend, trägt Hasenohrenwärmer in Türkis. Der Busfahrer ist schroff, kühler als mancher Berliner. Das geht.

„New Yorker sind unhöflich, zickig“

New York, sagen manche, die hier leben, ist nur eine gigantische Cash-Maschine. Wer sie bedienen kann, kommt voran. Lächeln kostet extra. Doch sind New Yorker der geheimen Überzeugung, schrieb der große amerikanische Autor John Updike, dass alle, die an einem anderen Ort leben, sich irgendwie irren müssen. Halt am Wasserreservoir: Sechs Männer mit Schuhen in Neonorange, Ghettoblaster im Rucksack, laufen um den See des Central Park. „Die kommen gleich wieder“, sagt Brian Liu (28), Nerdbrille, Pferdeschwanz, Kinnbart. Er trainiert die Schönen, Reichen und Mächtigen der Upper East Side. „New Yorker sind unhöflich, zickig“, sagt er, „nur hinter dem Geld her, immer auf der Suche nach etwas Besserem, selbst in Beziehungen.“ Jeder hier in seinem Alter sei Single oder lose gebunden, nicht willens, sich festzulegen. „Frauen lassen ihre Eizellen einfrieren, um sich Zeit zu lassen für ihre Karriere, verdienen selbst das Geld“, sagt er. „Männer brauchen sie für die Zeugung.“ Den Alltag übernehmen Nannys.

Die kleinen Tyrannen, Prinzessinnen und Prinzen der Upper East Side, wüssten im Nu, wie sie ihre Aufpasser in Schach hielten. Miss Elinor im Hotel Pierre, vom Concierge mit singender Stimme und Plüschpinguin umtanzt, kann schon mit zwei Jahren unfassbar ausdruckslos oder beleidigt gucken. Das Pierre, fünf Sterne, 1930 erbaut, ist eines der schönsten Hotels der Welt: Brokat, Seide, Marmorbad, die Betten himmlisch wie die Aussicht, hoch über dem Central Park. Auf dem Nachttisch steht das Empire State Building aus Schokolade, auf dem Bett liegen Börsennews und Wetterbericht. Als eins der letzten Luxusherbergen leistet es sich noch Liftführer mit weißen Handschuhen wie Khady Guèye (57) aus dem Senegal, die Seele des Hauses. Gold, Strass trägt sie zur dunklen Uniform.

In ihrer Kabine aus Mahagoniholz liegt Teppich, steht ein roter Lederhocker. Häuser wie das Pierre werden nicht mehr gebaut. „Up“ und „Down“ leuchtet in alter Schrift, 39 Stockwerke hat das Hotel - viele Dauermieter. 100 Quadratmeter kosten hier 110 000 Euro im Monat. Die 57-Jährige hat schon Präsidentenfamilien wie die Bushs und die Obamas, Künstler wie Michael Jackson oder Liz Taylor und Queen Mum befördert: „Ich habe einen Knicks gemacht, sie auch, hatte sehr viel Humor.“ Jeden noch so steifen Gast bringt sie zum Lachen, wünscht: „Have a nice day.“ Manchmal auch: „God bless you!“ Wo die wohnen, die weniger Geld haben? Nicht mehr im East Village jedenfalls, einst Hauptquartier der Beatniks, Dragqueens, Punks, heute saniert. Jürgen Fränznick, ein Stuttgarter Fernsehjournalist, hat nach sechs Jahren sein Apartment (6441 Euro im Monat, nur als WG bezahlbar) 2014 gegen ein Ein-Zimmer-Studio in Queens („klein, aber mein“) getauscht, fährt nun eine Stunde zu seiner alten Lieblingsbar: Angel’s Share.

„Wer sonst kann sich die Miete dort noch leisten?“

„Anteil für die Engel heißt das“, erklärt er, „gemeint ist der kleine Teil Alkohol, der beim Lagern im Fass verdunstet.“ Der Name passt: winzige Tische, beschlagene Scheiben, Engel in Öl, in Gold gerahmt, über dem Tresen. Nur die Bartür, die Hinterhoftreppe im Restaurant Village Yokocho, muss man kennen. In der denkmalgeschützten Stuyvesant Street, einer beliebten Filmkulisse, ist New York noch altmodisch, idyllisch - anders als im früheren Schlacht- und Rotlichtviertel Meatpacking: nur noch Hotels, das neue Whitney Museum, Clubs, Restaurants, Boutiquen. „Es gehört inzwischen den jungen Reichen, Russen, Asiaten“, sagt der Schwabe. „Wer sonst kann sich die Miete dort noch leisten?“ Können in New York also nur die träumen, die schon alles haben?

„Hier kann jeder eine Idee umsetzen, sofort“, sagt er, „aber: Dabei hilft dir keiner.“ Wind weht, auf der Brooklyn Bridge zieht es. „Selfie Sticks“, schreit ein Händler, verkauft Handyhalter für das Selbstporträt. Am Fulton-Anleger, am anderen Ende, hört man Klassikkonzerte auf einer vertäuten Fähre, Konzerte vom Feinsten: „Bargemusic“ für nur 32 Euro. Für Brahms in Brooklyn braucht man einen guten Magen - schwankend vor der Skyline, eine interessante Erfahrung. Ein Mann, Ende siebzig, lässt seine alte Aktentasche an den leisen Stellen der Musik auf und zu schnappen, isst Paprika und Brot. Die Folie knistert. Leonid Mendel war Philosophieprofessor in Moskau, hat lange für die Uno gearbeitet. An New York aber lässt auch er kein gutes Haar: „Hier spricht man über das Wetter. Wozu? Das sehe ich selbst.“

Konzerte auf der Fähre hört er gern, aber sonst? Keine Kultur: „In meinem Land waren wir so arm, wir konnten nicht mal Eiscreme kaufen. Wer bei uns Frauen beeindrucken wollte, musste Kant, Hegel, Wittgenstein kennen. Oder so tun.“ Wer die alte Kaffeefähre verlässt, blickt auf ein wolkenverhangenes Manhattan, unter der mächtigen Brooklyn Bridge. Dumbo heißt das angesagte Viertel: Glastürme, schöne Cafés, Restaurants, kein marodes Hafenviertel mehr. Der Wind zieht an. Ein Taxi hält. Auf dem Weg über die Brücke nach Manhattan fragt man sich: Warum sind alle noch hier, wenn nur Geld und Gier zählen? „Weil die Stadt ein Spiegel ist. Sie zeigt uns unsere Ängste, Schwächen und Stärken“, erklärt Taxifahrer Vinny Costello (60) aus Brooklyn.

„Wenn wir lernen, unser Ego zu vergessen, im Moment leben, steckt sie voller Möglichkeiten.“ Er war in Indien, praktiziert Buddhismus, Yoga, Zen. Hält nach der Brücke an der unmöglichsten Stelle, alle hupen. „Wir sterben nicht“, versichert er und dreht sich um. „Wir leben immer. In diesem Moment, an dieser Stelle sind wir richtig.“ Er nickt, schweigt, nimmt acht Euro zwanzig. Und sieht, wie der Gang dessen, der aus dem Taxi steigt, leichter wird, der Blick offen, das Herz frei. Fährt winkend davon. Alles ist in der Stadt der Städte möglich, wenn man nur bereit, willig und fähig ist.

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