Verhandlung am Landgericht Stuttgart Schorndorfer scheitert als pro-russischer Krieger

Das Stuttgarter Landgericht. Foto: ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Schorndorf/Stuttgart.
Mit einem Sondereinsatzkommando hat das Landgericht einen 42-Jährigen aus Schorndorf am Tag vor seiner Gerichtsverhandlung abholen lassen: Zum ersten Termin vor gut einem Monat war der Mann betrunken erschienen. Das passiert nicht noch einmal, hatte die Vorsitzende Richterin Manuela Haußmann dem Serben schon damals versichert – und Taten sprechen lassen.

Es ging ihm um Anerkennung

Der Mann hat gestanden, in den Jahren 2014 und 2015 dreimal in die Ostukraine gereist zu sein, um im Krim-Konflikt auf Seiten der Russen zu kämpfen. Dazu kam es nicht. Der Mann schloss sich zwar einem Kämpfer-Bataillon an, wurde zunächst aber zum Kartoffelschälen und Putzen abgeordnet. Er absolvierte eine Art militärische Grundausbildung, übte Schießen, lernte den Umgang mit einer Kalaschnikow, wurde als Wachposten eingesetzt – und von der Bundespolizei im Herbst 2016 am Stuttgarter Flughafen gestoppt, als er ein viertes Mal gen Russland starten wollte. Juristisch gilt das Handeln des Mannes als „Vorbereitung schwerer staatsgefährdender Gewalttaten“. Das Urteil: anderthalb Jahre auf Bewährung. Die wichtigste Auflage aus Sicht der Staatsschutzkammer: Der Mann muss sich einer stationären Therapie unterziehen, um von seiner Alkoholsucht loszukommen.

Weshalb sich der Mann, ein ausgebildeter Elektroinstallateur, dem Kampfbataillon angeschlossen hat, „wird sich mir nie erschließen“, sagte Richterin Manuela Haußmann in der Urteilsbegründung. Es ging ihm um Anerkennung, mutmaßte die Richterin; der Mann wollte, statt Kartoffeln zu schälen, eigentlich „aktiv an Kampfhandlungen teilnehmen“. Auf Facebook veröffentlichte der Mann martialische Fotos, und offenbar wollte er damit außer seinen Freunden vor allem einer Frau imponieren. Er hatte im Internet eine Russin kennengelernt, besuchte die Frau bald in Moskau und machte sich Hoffnungen auf eine ernste Beziehung: „Ich habe gedacht, ich brauch’ eine Frau. Ich will heiraten und eine Familie gründen.“

In Streitigkeiten war der Mann in seinem Berufsleben öfter verwickelt

Dazu kam es nicht. Stattdessen leerte der Mann, wie er selbst in der Verhandlung berichtete, sämtliche Wein- und Wodkaflaschen in der Wohnung der Frau. Auch während seiner Aufenthalte in der Ost-Ukraine habe man große Mengen Wodka konsumiert. Zu essen gab’s nicht viel, und dreckig war’s auch. Die Hoffnungen des Mannes, Kameradschaft und Anerkennung zu erfahren, zerstoben schnell. Er wurde beklaut, berichtete er, und es kam zu Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten.

In Streitigkeiten mit Chefs war der Mann in seinem Berufsleben öfter verwickelt. Von zeitweiser Selbstständigkeit und einer Vielzahl von Arbeitsverhältnissen berichtete der Mann; viele endeten bereits nach wenigen Monaten. Zurzeit lebt der Mann von Hartz IV. Vorbestraft ist er wegen Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte: Im Zuge eines Streits in der S-Bahn war der Vater eines heute siebenjährigen Sohnes zunächst gegen Mitreisende, später gegen die Polizei ausfällig und gewalttätig geworden.

„Jeder Alkoholiker versichert mir, er hat’s im Griff“

Von einem Leben mit vielen Brüchen war vor Gericht die Rede. Den größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte der Mann bei Verwandten im damaligen Jugoslawien. Als er nach Deutschland kam, wo seine Eltern schon lange arbeiteten, gab es Probleme in der Schule. Später scheiterten Beziehungen, der 42-Jährige übte sich eine Zeit lang in Kampfsport, wollte Profi-Boxer werden, war in der Stuttgarter Türsteher-Szene zugange. Er verschuldete sich, trank, fand eine neue Liebe, die wieder endete, trat neue Arbeitsplätze an, wurde gekündigt – bis seine russische Freundin ihm schließlich den Kontakt zur Kampftruppe verschaffte.

Mit dem Alkohol könne er jederzeit aufhören, versicherte der Mann vor Gericht – und erntete strenge Worte der Richterin: „Jeder Alkoholiker versichert mir, er hat’s im Griff.“ – „Sie haben ein massives Alkoholproblem. Das kleinzureden, bringt überhaupt nichts.“ Nach Einschätzung der Richterin braucht der Mann dringend eine stationäre Suchttherapie – und eine neue Sicht auf seinen eigenen Anteil an all den Schwierigkeiten, denn „irgendwie sind immer andere schuld, wenn Sie Probleme haben“.

Ein deutsches Gericht befasst sich mit Straftaten eines Serben, die dieser in der Ukraine begangen hat. Das hat seine Richtigkeit, und es gibt dafür zwei Gründe: Die Bundesrepublik schiebt zurzeit in die Ukraine nicht ab, und das Heimatland des Mannes, Bosnien-Herzegowina, „möchte ihn nicht zurückhaben“, wie der Schorndorfer Rechtsanwalt Dr. Max Klinger feststellte. Der Verurteilte muss sich jetzt schnell um einen Suchttherapieplatz kümmern, ferner 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und eng mit der Bewährungshilfe zusammenarbeiten. Letzte mahnende Worte der Richterin: „Sie haben es jetzt in der Hand, wie Ihr Leben weitergeht.“

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