VfB Stuttgart Ginczeks Geduldsprobe

Das Gefühl für den Ball ist zurück: VfB-Stürmer Daniel Ginczek Foto: Pressefoto Baumann

Stuttgart - Daniel Ginczek erinnert sich gerne. An die schöne Stadt Hamburg. An das tolle Publikum am Millerntor, wo 30 000 Zuschauer ein Spektakel veranstalten können, als seien es 100 000. Und an die Mannschaft, in der er sich wohl fühlte und für die er erfolgreich spielte. „Ohne meine Zeit beim FC St. Pauli wäre ich wohl kein Bundesligaspieler geworden“, sagt Ginczek.

Nun kehrt der Stürmer am Sonntag (13.30 Uhr) mit dem VfB Stuttgart an die Kultstätte des deutschen Fußballs zurück und hofft auf einen Teileinsatz. Nach langer Leidenszeit zählt jede Minute für den 25-Jährigen auf dem Platz.

Auf 17 Einsatzminuten bringt er es in dieser Zweitligasaison, verteilt auf zwei Einwechslungen. Das ist einerseits wenig, andererseits ist es jedoch in Ginczeks Fall keine Selbstverständlichkeit mehr. Zu oft warfen ihn schwere Verletzungen und leichtere Blessuren zurück. Prall gefüllt ist die Patientenakte, seit er im Sommer 2014 nach Stuttgart kam – mit einem Kreuzbandriss. Ansonsten hätte ihn der damalige VfB-Manager Fredi Bobic wohl nicht für 2,5 Millionen Euro vom Absteiger 1. FC Nürnberg an den Neckar locken können.

Zuletzt war es erneut ein Kreuzbandriss, der Ginczek monatelang in den Wartestand versetzte. In diesen ungeliebten Ablauf von Rehamaßnahmen und Aufbautraining, ehe es endlich wieder auf den Platz ging. Erst allein und dann mit der Mannschaft. „Mein linkes Knie macht keine Probleme mehr“, sagt der Angreifer, der erstmals seit Juli 2015 eine Vorbereitung wieder komplett durchziehen konnte. Unter Alexander Zorniger war das damals, ehe ihn ein Bandscheibenvorfall im Halswirbelbereich stoppte. Dann kam Jürgen Kramny und der nächste Trainingsunfall.

Trainer Wolf führt Ginczek behutsam heran

Jetzt heißt der Trainer Hannes Wolf und versucht, Ginczek Schritt für Schritt an die Startelf heranzuführen. Im Wechsel mit Simon Terodde setzte Wolf den Mittelstürmer in den Testspielen ein. Zuletzt während des Trainingslagers in Portugal gegen den MSV Duisburg (0:0) und den FC Lausanne-Sport (1:0). So ist es auch für den Mittwoch im nicht öffentlichen Vorbereitungsspiel gegen den FC Luzern geplant.

„Jede Halbzeit hilft mir weiter, um wieder ein Gefühl für bestimmte Situationen zu bekommen“, sagt Ginczek. Wie in alten Zeiten lauert er. Auf ein überraschendes Zuspiel, eine gute Flanke, eine Chance eben. Noch nicht mit der alten Dynamik, aber mit neuer Zuversicht, da das Vertrauen in die Aktionen zurückkehrt. Vor allem wenn ihm ein Verteidiger in den Rücken springt oder ihn am lange lädierten Bein erwischt. Schrecksekunden sind das dann auf der VfB-Bank, wenn Ginczek auf den Boden fällt und liegenbleibt – gefühlt für einen Moment länger, als es sein müsste.

„Ich habe das schon mitbekommen“, sagt Ginczek, bei dessen Einsätzen es immer auch darum geht, ob der Körper mitspielt. Trotz oder gerade wegen seiner 1,90 Meter. Wie ein Riese voller Muskeln und Wucht wirkt er, wenn er im Vollbesitz seiner Kräfte ist. Wenn nicht, ist das Risiko einer weiteren Verletzung hoch.

Comeback mit Gänsehaut

So ist Ginczek den Großteil seiner Zeit in Stuttgart ausgefallen: von 92 möglichen Pflichtspieleinsätzen hat er 64 verpasst. Dennoch wurde er von den Mitspielern und Fans immer als Teil der Mannschaft gesehen. Doch für ihn ging es trotz der warmen Worte und guten Wünsche, die ihn begleiteten, stets auch darum, diesen einsamen Kampf um Zugehörigkeit zu gewinnen. Und für einen wie Ginczek, dem viel Geduld abverlangt wird, in dem es als Vollblutstürmer aber innerlich brodelt, weil er endlich wieder voll angreifen will, ist das besonders schwierig.

Auch deshalb ist Ginczek froh, über den persönlich heiklen Punkt des Comebacks schon hinaus zu sein. Emotional überladen ist dieser und ursprünglich hatte ihn sich der 25-Jährige für die Begegnung auf St. Pauli vorgenommen. Weil die Erfahrung ihn lehrte, sich viel Zeit zu geben. Aber dann war es schon am 21. Oktober des vergangenen Jahres so weit: Unter dem frenetischen Jubel der Zuschauer wurde er beim 2:1 gegen 1860 München eingewechselt. „Ich habe jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Ginczek.

Die Hoffnung war anschließend groß, dass es jetzt mal wieder rund laufen würde. So wie einst beim FC St. Pauli, als er 2012/2013 das letzte Mal eine Saison durchspielte und als Leihgabe von Borussia Dortmund 18 Zweitliga-Tore erzielte. Oder wie in der Endphase des Abstiegskampfes 2015, als sich Ginczek mit seinem 2:1-Siegtor in Paderborn in den VfB-Annalen verewigte. Doch Krankheit und muskuläre Probleme warfen den Angreifer um Wochen zurück. Jetzt fühlt es sich aber fit wie lange nicht mehr – und bereit, seinen Leidensweg zu beenden. Am besten mit einem Treffer im geliebten Millerntor-Stadion.

VfB Stuttgart - 2. Bundesliga

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