VfB Stuttgart Himmel, Hölle und ein Vollbad im Glück

Freude pur: Doppeltorschütze Ginczek, Harnik und Kostic (v. li.) Foto: Baumann

Stuttgart - Spiele gegen Bremen haben es meist in sich. Doch das, was der VfB am Sonntag beim 3:2 (1:0) gegen den SV Werder bot, trieb alles auf die Spitze. Das war Fußball mit Herzrasen für alle Beteiligte – Spieler, Fans und Betreuer. Selbst Huub Stevens war aufgewühlt wie selten. 61 Jahre ist der Trainer alt, doch so wilde 90 Minuten hatte er schon lange nicht mehr mitgemacht. „Ich habe ja schon viel erlebt“, sagte der Niederländer und schüttelte den Kopf: „Aber was die Jungs heute mit mir gemacht haben . . .“ Und nicht nur mit ihm.

Himmel, Hölle und zurück – ins Vollbad des Glücks!

Einer dieser Jungs war Daniel Ginczek, und auch bei ihm tanzten die Glückshormone Cha-Cha-Cha. „Riesenlob an alle, das war ein Riesenspiel“, sagte der zweifache Torschütze nach dem Schlusspfiff. Bei seinem Kopfballtreffer zum 2:1 (70.) brach Jubel im Stadion aus, sein Tor zum 3:2-Endstand in der Nachspielzeit aber lupfte den Deckel über der brodelnden Arena. Im Wissen um den sicheren Sieg explodierten die Gefühle im weiten Rund: Erstmals seit acht Wochen hat der VfB den 18. Tabellenplatz verlassen und besitzt nun wieder richtig gute Karten im Kampf gegen den Abstieg: Sogar Platz 14 ist nur noch drei Punkte entfernt. Das macht Freude, auch wenn Stevens warnte: „Wir dürfen uns die Lage jetzt nicht schönrechnen.“ Wobei Daniel Ginczek im Moment des Jubels auch an die quälend harten Monate nach seinem Kreuzbandriss dachte: „Mein Tor zum 3:2, das war Emotion pur. Von solchen Momenten habe ich in der Reha geträumt, dafür habe ich geschuftet.“

Wer die Dramaturgie dieser packenden, mitreißenden und zuweilen qualvollen Darbietung bündeln wollte, war bei Ginczek richtig. Denn so glücksstrahlend er am Ende war – beim 2:2 durch Jannik Vestergaard (86.) hatte er uralt ausgesehen, weil er nicht mit zum Kopfball hochgestiegen war.

Himmel, Hölle und zurück – dafür gab es noch mehr Beispiele beim VfB.

Serey Die etwa. Der Ivorer hatte mit einem kapitalen Fehlpass den Treffer zum 1:1 durch Davie Selke eingeleitet (50.) und die Führung durch Christian Gentner (16.) zunichte gemacht. Und dann, als alles auf ein 2:2 hindeutete, schlüpfte der Sechser in die Rolle eines Zehners, spielte einen Zuckerpass exakt auf Ginczek, der Bremens Schlussmann Raphael Wolf beim 3:2 rotzfrech tunnelte. „Ich studiere immer wieder die gegnerischen Torleute – und bei Wolf ist mir schon häufiger aufgefallen, dass er breitbeinig dastand“, sagte Ginczek, der gleich durchfeiern konnte: An diesem Montag wird der Ex-Nürnberger 24 Jahre alt.

Wer ein letztes Beispiel für die emotionale Achterbahnfahrt dieser Begegnung suchte, landete unweigerlich bei Martin Harnik. Innerhalb von 52 Sekunden vergab der Österreicher zwei hundertprozentige Torchancen (61.), dann servierte er Ginczek maßgerecht den Ball, der zum 2:1 im Netz landete. Und dann sah er, bereits verwarnt, nach einem Foul an Zlatko Junuzovic Gelb-Rot (84.).

Himmel, Hölle und zurück.

Das galt auch für Robin Dutt, der schon deshalb ein besonderes Spiel erlebte, weil er seiner eigenen Vergangenheit begegnete: Im Oktober 2014 war er als Trainer des SV Werder entlassen worden. Als Sportvorstand schlägt jetzt sein Herz für den VfB, und gerade diese intensive Partie lässt die Beziehung noch inniger werden. „Ab und zu wird man daran erinnert, warum man den Sport so liebt. Wir hätten den Sack viel früher zumachen müssen, aber wir glauben immer an uns, das hat man heute gespürt“, sagte Dutt.

Diese Hingabe, diese Leidenschaft und dieser unbedingte Siegeswille – dafür steht dieser Auftritt gegen Bremen. Und er macht wieder richtig Hoffnung auf die späte Rettung. „Das spricht total für die Truppe: Sie gibt nie auf“, sagte Trainer Stevens, „ich wusste immer: Diese Mannschaft ist nicht tot.“ Was sie am Sonntag eindrucksvoll demonstriert hat.

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