VfB Stuttgart So sieht das neue Nachwuchskonzept aus

Aus der Stuttgarter Talentschmieden sollen künftig wieder mehr Kicker den Sprung in den Profikader schaffen. Foto: ZVW/Danny Galm

Stuttgart.
Seit dem 01. Juli 2019 hat das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des VfB Stuttgart eine neue Führung: Der ausgebildete Fußballlehrer Thomas Krücken (42) ist der neue Leiter der schwäbischen Kaderschmiede. Gemeinsam mit dem ehemaligen VfB-Marketingchef Rainer Mutschler (60), der sich vorrangig um administrative und organisatorische Aufgaben kümmert, soll das Ausbildungskonzept des Traditionsclubs überarbeitet und neu ausgerichtet werden. 

Was braucht der VfB-Spieler im Jahr 2024?

Krücken, der auch schon in den Nachwuchsabteilungen des 1. FC Köln, von Manchester City und Hertha BSC tätig war, spricht in Bezug auf seine Arbeit im Schwabenland vom „spannendsten Fußball-Projekt in Deutschland“. Über seine Philosophie sagt der gebürtige Neusser: „Spieler zu entwickeln ist meine Berufung.“ Beim VfB ist er nun für die Kicker von der U 11 bis hoch zur U 21 verantwortlich - und über allem steht für Krücken die Leitfrage: Was braucht der VfB-Spieler im Jahr 2024? Der Fußball hat sich den den letzten Jahren stetig weiterentwickelt. Im taktischen und athletischen, aber auch im mentalen Bereich. „Und das Spiel wird sich auch in den nächsten Jahren weiter entwickeln“, prognostiziert Krücken. Im Vergleich zu Ländern wie England, Belgien und Frankreich sei der deutsche Nachwuchsfußball in den letzten Jahren „überholt worden“. Um diese Lücke zu schließen, wollen Krücken und Mutschler jetzt beim VfB auch den Blick auf andere Sportarten wie zum Beispiel Hockey, Handball und Basketball richten. Zentraler Bestandteil des neuen Stuttgarter Nachwuchskonzepts soll aber ein Vier-Säulen-Modell sein. Krückens Zielvorgabe: „Wir müssen wieder Entscheider entwickeln.“

Das neue Vier-Säulen-Modell

Die erste Säule ist der Komplex „Erziehung und Bildung“. Natürlich habe man das große Ziel, „möglichst viele Spieler zu entwickeln, die dann auch in der Schüssel auflaufen“, so Krücken. Die „Schüssel“ ist die über 60 000 Zuschauer fassende Stuttgarter Arena. Neben den sportlichen Zielen geht es Krücken aber auch um die „soziale Verantwortung“ gegenüber den jungen Sportlern und die Arbeit mit den Eltern. Krücken: „Wir wissen, dass nicht jeder Spieler irgendwann mit Fußball sein Geld verdienen wird.“ Die schulische Unterstützung und die Kooperation mit dem Kolping-Bildungswerk spielen im VfB-Ausbildungsplans also weiter eine wichtige Rolle. 

Säule Nummer zwei ist „Training und Wettkampf“. Weg von Titeln und Ergebnissen hin zur individuellen Spielerentwicklung. Dieses Denkmuster hat schon Krückens Vorgänger Thomas Hitzlsperger, der mittlerweile zum Vorstandsvorsitzenden aufgestiegen ist, implementiert. „Der Spieler steht im Vordergrund“, formuliert Thomas Krücken. Um die Säule konkreter zu fassen, bemüht er das Bild einer Gießkanne, die über einem Kader ausgegossen wird. „Dann werden immer ein paar Tropfen jeden Spieler treffen und jeder wächst irgendwie ein bisschen. Aber: Jedes Talent hat unterschiedliche Potenziale und muss individuell gefördert werden“, sagt Krücken. Das hat zur Folge, dass im Stuttgarter Nachwuchsbereich jetzt 50 Prozent der Trainingseinheiten als individuelles Training betrachtet werden. Dreimal pro Woche wird um 11 Uhr mit 70 Spielern und bis zu 20 Trainern an der Mercedesstraße gearbeitet. Der Schlüsselbegriff hier ist die sogenannte „Potenzial-Analyse“, die einmal im Quartal von jedem Spieler gemeinsam mit seinem Trainer ausgefüllt wird. Die entscheidende Frage: „Was braucht der Spieler für die nächsten Entwicklungsschritte?“ Auch Rainer Widmayer, der Co-Trainer der Profimannschaft, nimmt einmal pro Woche an den gemeinsamen Besprechungen mit den Jugendtrainern und den NLZ-Leitern teil. 

„Leadership und Coaching“ ist die dritte Säule. Für Krücken neben dem „Potenzial-Training“ einer der „entscheidenen Schlüssel“ bei der Talent-Entwicklung: „Die ganze Sozialisation der Jugendlichen hat sich verändert. Wenn wir die Spieler so führen wie vor zehn Jahren, dann werden wir definitiv keine Entscheider entwickeln“, so Krücken. Trainingsmodelle, bei denen die Spieler ihre eigenen Ideen einbringen können, stehen im Vordergrund. Die Talente sollen in den Entscheidungsprozess integriert werden. „Wenn wir wollen, dass Spieler Dinge verstehen, dann können sie das auch später im Stadion unter Druck umsetzen.“

Die vierte und letzte Säule bildet der Bereich „Scouting und Analyse“. Bei diesem Thema zieht Krücken mit einem Zirkel einen Kreis um die baden-württembergische Landeshauptstadt. Im Umkreis von 120 Kilometern leben 4,1 Millionen Menschen und damit liegt dort laut Krücken auch ein „enormes regionales Potenzial“. Krücken bemüht den Vergleich mit Belgien (8,6 Millionen Einwohner), das mit seiner Nationalmannschaft um Topstar Kevin De Bruyne mittlerweile auf Platz eins der FIFA-Weltrangliste steht. Deutschland belegt aktuell Rang 16. Vor rund sechs Jahren hat der belgischen Fußballverband KBFV im Kinder- und Jugendbereich tiefgreifende Veränderungen vorgenommen - und davon profitieren die „Roten Teufel“ mittlerweile merklich. „Das war schon sehr innovativ“, findet Krücken, der über ein gutes Netzwerk und starke Partner das Talent-Potenzial der Region Stuttgart „maximal ausschöpfen“ möchte.

Hitzlsperger: „Über die U 21 wird nicht diskutiert“

Dafür braucht es Zeit - und die will der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger seiner neuen NLZ-Führung geben. Auch beim Anhang wirbt er dafür um Geduld. „Es wird viele Jahre dauern“, sagt Hitzlsperger, „wir glauben, wir kriegen das hin - brauchen dafür aber Zeit. Und die möchte ich Thomas und Rainer geben.“ Ein wichtiger Faktor im Übergangsbereich vom Jugend- zum Profifußball wird dabei auch weiterhin die zweite Mannschaft sein, die aktuell in der Oberliga Baden-Württemberg spielt.

Unter dem früheren Sportvorstand Michael Reschke hatte es 2017 die Überlegung gegeben, die Reserve vom Spielbetrieb abzumelden. Diese Gedankenspiele sind mittlerweile vom Tisch: „Über die U 21 wird nicht diskutiert. Sie bleibt bestehen“, bekräftigt Hitzlsperger noch einmal deutlich. „Es muss aus den Köpfen raus, dass in der Oberliga keine Entwicklung stattfinden kann.“

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