Von Beutelsbach nach Stuttgart Sprachen lernen im Stau

Yvonne Haas braucht jeden Tag mindestens 40 Minuten für 17 Kilometer, doch ohne Auto kann sie sich das Pendeln nicht vorstellen. Foto: Palmizi / ZVW

Weinstadt-Beutelsbach. Alternativlos pendelt Yvonne Haas (57) jeden Tag mit dem Auto von Beutelsbach in den Stuttgarter Osten. Lange Staus und die Suche nach einem Parkplatz sind ihr täglich Brot. Doch die Pendlerin hat einen Weg gefunden, sich die rund 40-minütige Fahrzeit angenehmer zu gestalten – und dabei glatt ihr Italienisch verbessert.

Die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad kommt für Yvonne Haas nicht infrage. Zu teuer seien Tickets für den öffentlichen Nahverkehr, zu unflexibel ließe sich ihr Alltag gestalten. Jeden Tag fährt die 57-Jährige von Beutelsbach mit dem Auto in den Stuttgarter Osten. Dort arbeitet sie in einer Anwaltskanzlei. Auf ihrem Weg meidet sie die B 14 und fährt daher über Landstraßen – doch auch hier hat sie schon oft Staus erlebt: „In Rommelshausen staut es sich manchmal fast bis nach Endersbach.“ Ob es Alternativen gibt? Die Pendlerin sieht das kritisch.

„Ich habe mich bereits informiert: Von Beutelsbach aus würde ich die S 2 zum Hauptbahnhof nehmen und von da aus den Bus 42“, erzählt sie. „Ich würde mindestens eineinviertel Stunden brauchen.“ Ein Abo für die vier Zonen, die sie nehmen müsste, kostet jährlich 1430 Euro, also 119,17 Euro monatlich. „Das ist mir zu teuer. Vor allem bei all den Verspätungen.“ Wenn vom 1. April 2019 an die neue Tarifzoneneinteilung des VVS gilt, fällt für sie eine Zone weg. „Ob es sich dann lohnt, muss ich noch mal gucken“, sagt Yvonne Haas.

Haas’ Tipp gegen Stress: „Sich mal freundlich zulächeln“

Doch auch wenn mehr Leute auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen würden, befürchtet sie Probleme: „Ich glaube nicht, dass der Nahverkehr das bewältigen kann, wenn noch mehr Personen dazukommen.“ Dass es jedoch gut vernetzte Nahverkehrsnetze geben kann, hat sie in anderen Städten erlebt: „In Berlin, Rom und Wien klappt das wunderbar. In Stuttgart nicht, denn das Netz ist nicht so gut ausgebaut.“

Mit dem Auto fühlt sich Yvonne Haas ohnehin flexibler: „Ich kann mal früher oder später nach Hause fahren, je nach Arbeitsschluss. Und auf dem Heimweg kann ich kurz noch nach Schorndorf fahren und dort was einkaufen.“ Das habe sie schon damals so gemacht, als ihr Sohn noch klein war: „Ich habe immer in Vollzeit gearbeitet. Mit dem Auto konnte ich alle Wege verbinden. Morgens hab’ ich meinen Sohn in den Kindergarten gebracht und abends konnte ich noch kurz zum Amt oder zum Sport.“ Doch vor circa zehn Jahren hat die 57-Jährige den Verkehr auf den Straßen noch anders empfunden: „Im Kappelbergtunnel war früher alles okay. Heute sind die B 14 und die B 29 ja eigentlich nicht mehr nutzbar – jedenfalls außerhalb der Ferien.“

„Ich muss täglich 8,60 Euro bezahlen“

Was im Stuttgarter Westen schon lange als Problem bekannt ist, zeigt sich nun auch im Osten: ein Mangel an Parkplätzen. Seit dem 1. Dezember gibt es dort ein neues Parkraummanagement: Ehemals kostenfreie Parkplätze sind nun gebührenpflichtig. „Ich muss täglich 8,60 Euro bezahlen“, sagt Yvonne Haas. Denn so viel kostet ein Tagesticket. „Es gab immer genug Parkplätze, ich war richtig froh.“ Auch die angekündigten Fahrverbote machen der Pendlerin zu schaffen. Ab Januar 2019 dürfen Fahrer von Euro-4-Dieseln nicht mehr nach Stuttgart hereinfahren. Zwar ist sie selbst nicht betroffen, da sie einen Benziner fährt, doch sie äußert Bedenken: „Wir leben in einer Autoregion, die von dieser Industrie lebt. Wir haben hier die großen Konzerne und etliche kleinere Zulieferer. Ich finde es merkwürdig, dass die Politik hier nicht mit der Industrie zusammenarbeitet.“

Yvonne Haas sieht momentan keine Alternative zum Autofahren. „Mit dem Fahrrad zu pendeln kann ich mir nicht vorstellen, da ich zwei Unfälle hatte“, sagt sie. Was sie sich am ehesten vorstellen könnte: ein Elektroauto. „Es ist ein leises und sparsames Auto“, findet die 57-Jährige. „Aber die Herstellung und Entsorgung der Batterien ist noch nicht durchdacht und es gibt zu wenig Elektrosäulen.“

Doch die Pendlerin lässt sich nicht entmutigen. Als Tipps für gestresste Autofahrer gibt sie mit auf den Weg: „Die Ruhe bewahren und sich freundlich zulächeln.“ Sich während des Fahrens oder Stehens zu beschäftigen soll auch helfen. „Ich höre Hörbücher, vor allem auf Italienisch, und telefoniere ganz gern – natürlich per Freisprechanlage“, erzählt sie. „Im Radio höre ich jetzt Klassik – den Sender hat mir mein Mann empfohlen. Dann regt man sich weniger auf.“


Pendler gesucht

Wohnen Sie in Waiblingen, Weinstadt, Kernen oder Korb und pendeln als Teil einer privaten Fahrgemeinschaft zur Arbeit? Sind Sie Mitglied in einem Carsharing-Verein? Fahren Sie auf ausgefallene Weise zur Arbeit, zum Beispiel mit Inlineskates, Kick-, Hover- oder Skateboard? Dann melden Sie sich unter waiblingen@zvw.de bei Redakteur Bernd Klopfer.

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