Wälder im Rems-Murr-Kreis Wie Vollernter Lebensraum für Gelbbauchunken schaffen

Der gelbe Bauch - die Farbe zieht sich bis über die Kehle – warnt Fressfeinde: Die Gelbbauchunke produziert auf ihrer Haut ein Gift. Dieses erwachsene Tier haben die Forscher der Uni Hohenheim aus einer von Förster Hans-Joachim Beks Waldpfützen geholt. Foto: ZVW/Pia Eckstein

Backnang. Waldspaziergänger finden sie scheußlich und schimpfen über die Bodenverdichtung. Doch Förster Hans-Joachim Bek vom Forstrevier Reichenberg betrachtet sie geradezu beglückt: Tiefe Rinnen von den Vollerntern im Wald, mit Wasser vom letzten Regen gefüllt, sind Heimat für die streng geschützte Gelbbauchunke. Die legt in diese Pfützen ihren Laich.

Rückegassen sind die Wege im Wald, die den Monstermaschinen, den Vollerntern mit ihrem Viel-Tonnen-Gewicht, den Zugang zu den Bäumen ermöglichen. Rückegassen sind in den Augen vieler Waldbesucher quasi der Weg, auf dem Tod und Verderben daherfahren. Sie sehen ja freilich auch nicht schön aus: Tiefe Fahrrinnen haben den Boden aufgerissen und in noch tieferen Pfützen sammelt sich Wasser, das im Lehmboden, der durch das große Maschinengewicht noch verdichtet wurde, nicht versickert.

Doch genau diese Pfützen retten die vom Aussterben bedrohte Gelbbauchunke. Hans-Joachim Bek, Förster im Wald bei Reichenberg, steht daher nicht nur ausdrücklich zu den streng nach Richtlinien angelegten Fahrwegen, um die er als Waldbewirtschafter nicht herumkommt. Sondern er lässt sogar noch das eine oder andere Loch oder eine zusätzliche Rinne extra baggern.

Auf der Suche nach neuen Lebensräumen

Beks Forstrevier Reichenberg ist Teil eines Forschungsprojekts der Universität Hohenheim. Es geht um die „Entwicklung nachhaltiger Schutzkonzepte für die Gelbbauchunke in Wirtschaftswäldern“. Und offensichtlich profitiert die Gelbbauchunke gerade von den Gegebenheiten in den Wäldern, die bewirtschaftet werden. Nicht dagegen von Bannwäldern, bei denen der Mensch nicht eingreift. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt finanziert die drei Jahre währenden Untersuchungen mit 290 000 Euro.

Die Maßnahmen, die Bek und die fünf weiteren Förster, deren Reviere über ganz Baden-Württemberg verteilt liegen, veranlassen, damit die Gelbbauchunke noch ein paar Pfützen mehr findet, finanziert das Land. Das allerdings, sagt Bek, sei überschaubar: Bagger oder Harvester sind ja sowieso im Wald unterwegs.

Unken lebten ursprünglich in Überschwemmungsgebieten

Was aber wollen die Unken denn in den für Waldliebhaber und Naturschützer so hässlich anzuschauenden Fahrrinnen? Sie legen in die Pfützen ihren Laich. Unken sind ursprünglich Auenbewohner. Sie lebten in den Überschwemmungsgebieten der Bäche und Flüsse und nutzten nach den Frühjahrsgüssen die Pfützen und Tümpel, die vom Hochwasser übrig blieben. Unken brauchen zum Überleben kleine Gewässer, die schnell warm werden, die ganz jung sind und idealerweise auch wieder verschwinden, um beim nächsten Hochwasser wieder vollzulaufen. Denn bleibt das Wasser auf immer, siedeln sich Räuber wie Libellenlarven oder Molche an. Dann haben die Unken-Kaulquappen keine Chance mehr.

Die Auen aber, sagt Hans-Joachim Bek, sind längst verschwunden. Die Flüsse sind begradigt, Wiesen mit Frühjahrs-Überschwemmungen gibt es nicht mehr. Die Gelbbauchunke musste nach neuen Lebensräumen suchen – und fand sie in den Rückegassen. Dort lässt der verdichtete Boden das Wasser nicht abfließen, die Sonne schimmert durch die Bäume und wärmt das Wasser in den Rinnen.

Der Bauch der Tiere ist wie ein Fingerabdruck

Felix Schrell hat das Projekt unter der Leitung von Prof. Martin Dieterich von der Uni Hohenheim entwickelt und führt es jetzt durch. Förster Hans-Joachim Bek war sofort mit dabei: Er sorgt seit vielen Jahren für die Amphibien in seinem Wald. Und so konnte Schrell, so schätzt er, in Beks Forst in diesem Sommer ungefähr 450 große und kleine Gelbbauchunken aus den Pfützen und Tümpeln käschern. Die Tiere werden gewogen, der Bauch wird fotografiert. Denn der ist wie ein Fingerabdruck. Außerdem tragen die Forscher in Karten ein, wo sie welches Tier gefunden haben.

Jetzt, wenn die Tage kühler werden, gehen die Unken in die Winterstarre. Deshalb sind jetzt auch erst mal die Zählaktionen im Wald vorbei. Es wird Zeit, das viele Datenmaterial auszuwerten. Und Werbung zu machen: Solch Umweltschutz ist leicht umzusetzen und nicht teuer. Kommunen könnten die Maßnahmen für ihre Förster finanzieren und dabei Ökopunkte sammeln.

Im nächsten Frühjahr, wenn die Temperaturen wieder steigen, werden die Unken in den großen Tümpeln von Hans-Joachim Bek baden gehen. Für ihren Laich aber werden sie sich wieder auf die Suche machen nach kleinen, neu eingedrückten, frisch regenbefüllten und warm besonnten Rückegassen-Pfützen.


Amphibienschutz

Das Forschungsprojekt der Uni Hohenheim widmet sich der Gelbbauchunke und ihrem Überleben im Wirtschaftswald.

Das Forstrevier von Förster Hans-Joachim Bek zeigt aber, dass noch viel mehr Amphibien von den kleinen Maßnahmen wie Rinnen und Tümpellöchern profitieren. In Beks Wald haben die Wissenschaftler außerdem noch Fadenmolch, Teichmolch, Bergmolch, Erdkröte und Grasfrosch gefunden. Außerdem Feuersalamander, Laubfrosch, Springfrosch und Kammmolch, die als gefährdet oder stark gefährdet auf der Roten Liste stehen.

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